Nightwish - Endless Forms Most Beautiful - Cover
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Nightwish Endless Forms Most Beautiful


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 78 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Große Erwartungen, große Ambitionen, große Enttäuschungen. Shudder before the mediocrity!

Der gemeine Fan ist ja ein sehr vokales Wesen, das weiß man. Die Band oder der Musiker werden bis aufs Blut verteidigt, jegliche Kritik - ob nun konstruktiv oder nicht - ist ein direkter, böswilliger Angriff und am schlimmsten sind Rezensionen, die ein neues Album nicht mit dem mittlerweile viel zu inflationär gebrauchten Wort „Meisterwerk“ bedenken. Immerhin hat ein Review ja objektiv zu sein... pfff. Nightwish-Fans schließlich gehören zu der ganz ungemütlichen Sorte. Gerade weil sie quasi mit ausnahmslos starken Alben überschüttet wurden, pachten sie das Argument, dass Tuomas Holopainen ein Genie ist, in dieser Form bitte auch unantastbar und wenn du dies nicht machst, dann nimm dir einfach 'nen Strick. Diese Fans müssen jetzt ganz stark sein, denn zum ersten Mal haut Meister Holopainen eben keines seiner Meisterwerke raus. Nein, das wie immer heiß erwartete neue Werk der finnischen Sympho-Metaler ist nicht mal wirklich gut, sondern derartig mittelmäßig und stellenweise uninspiriert, dass man sich als Hörer fragen möchte, ob es sich um die gleiche Band handelt, die sich für Alben wie „Imaginaerum“ (2011), „Dark Passion Play“ (2007) oder „Once“ (2004) verantwortlich zeigten.

Zurück ins Jahr 2011! Das große, ambitionierte „Imaginaerum“ war ein kreativer, musikalisch sich auf allerhöchstem Niveau befindender Geniestreich und in der Retrospektive ein Zehn-Punkte-Dingen. Holopainens Soloausflug in Form von „Music Inspired By The Life And Times Of Scrooge“ (2014) war anders, aber fast genauso gut - wenn nicht sogar auf Augenhöhe. Die Finnen hatten hier ihren Zenit erreicht und nach einem Zenit kann es eigentlich nur wieder bergab gehen. „Endless Forms Most Beautiful“ macht leider genau das. Vielleicht verwöhnten „Imaginaerum“ und Onkel Dagobert zu sehr, vielleicht ist man auch einfach nur so sehr übersättigt, dass jedes schon hundert Mal gehörte Stilmittel der Band, welches zur Abwechslung nicht in einen Jungbrunnen der Innovationen getaucht wurde, so wirkt, als hätte man es nicht hundert, sondern tausend Mal gehört. Auch Nightwish kochen leider nur mit heißem Wasser und „Endless Forms Most Beautiful“ brodelt stellenweise sogar richtig.

Für Kai Hato, Troy Donockley und Floor Jansen ist „Endless Forms Most Beautiful“ die große Studio-Premiere. Hato ersetzt Jukka Nevalainen am Schlagzeug, welcher aufgrund von Schlafstörungen pausieren musste. Donockley gehörte schließlich so sehr zum Inventar, dass Nightwish ihn einfach zum festen Mitglied machten. Die Entscheidung war durchaus clever, denn folkige Arrangements fanden immer mehr Einzug im Sound der Band und Donockley ist in jener Hinsicht ein absoluter Experte. Das eigentliche Zentrum des Geschehens ist dann natürlich Frau Jansen (After Forever, Revamp), welche live und/oder auf dem Mitschnitt „Showtime Storytime“ (2013) mit ihren Fähigkeiten überzeugen konnte und über Nacht zum Fanliebling wurde. Zwar besitzt sie weder die absolute Dominanz von Ur-Nightwishlerin Tarja Turunen, noch die Lieblich- und Leichtigkeit der Nachfolgerin Anette Olzon, doch präsentiert sich souverän als Allrounderin. Dass man nach ihrer Performance nicht mit Floskeln wie „whoa, das ist die Stimme von Nightwish“ um sich werfen will, liegt am Ende nur daran, dass ihr das Material einfach zu wenig Luft zum Atmen gibt. Das Operngesang-Gimmick (mehr war's dann doch nicht) lässt sich auf „Endless Forms Most Beautiful“ genau so wenig finden wie Olzons feinste Momente in Form einer Barjazz-Performance („Slow, Love, Slow“) oder einer kinderfressenden Hexe („Scaretale“). Gerade gesanglich hätten Nightwish und Holopainen der lieben Floor einfach mehr zutrauen sollen - sie hätte es doch hingekriegt! So bleibt ihr Debüt zwar immer noch gut, aber blass.

Stichwort blass. Musikalisch ist „Endless Forms Most Beautiful“ so routiniert, dass es sich genauso gut um eine B-Seiten-Sammlung der Alben „Imaginaerum“ und „Dark Passion Play“ handeln könnte. Alles wirkt schnell abgefrühstückt und der verwöhnte Hörer vermisst die vielen liebevollen Details. Dass Bandkopf Holopainen behauptet, „Imaginaerum“ wäre das Tribut an die Kraft der Vorstellung gewesen und „Endless Forms Most Beautiful“ eben an die Kraft der Vernunft Tribut zollt, zieht zumindest auf musikalischer Ebene nicht, denn Nightwish wollen Nightwish bleiben. Nur klappt es diesmal weitaus schlechter. „Weak Fantasy“ oder „Yours Is An Empty Hope“ sind mit der Brechstange auf möglichst hart und metallisch getrimmt, basieren jedoch auf diesem langweiligen Rammstein-Riff, den fast jeder härtere Song Nightwishs hat. Die erste Single „Élan“ ist nett und verliert ohne das ergreifende Musikvideo viel an Faszination, während „My Walden“ wie schon „I Want My Tears Back“ („Imaginaerum“) auf (fast zu) viel Michael Flatley setzt und mit einer dieser Standard-Folkmelodien so duckmäuserisch ist, dass sich der Song gegen Ende im Nichts verliert und eher wie eine nicht zu Ende gedachte Jamsession wirkt. Der Titeltrack ist dann sehr opulent, ohne den Funken ähnlicher Kompositionen überspringen zu lassen, und das instrumentale „The Eyes Of Sharbat Gula” ist okay, ohne auch nur in Ansätzen an das ebenfalls hauptsächlich instrumentale „Music Inspired By The Life And Times Of Scrooge“ anknüpfen zu können. „Edema Ruh”, welches thematisch auf „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss aufbaut, ist unscheinbar und arm an Überraschungen und Höhepunkten. Als Nightwishs Karriere damals so richtig angekurbelt wurde und die Plagiate wie Pilze aus dem Boden schossen, kriegte man genau diese Art Komposition von solchen Trittbrettfahrern zu hören. Nett. Aber nie im Leben mehr.

Der im Vorfeld bereits veröffentlichte Opener „Shudder Before The Beautiful“ und das recht hinten in der Songliste platzierte „Alpenglow“ sind dann zwei richtige Highlights, welche angenehm schmissig und pompös ausgefallen sind und daran erinnern, warum Nightwish so heiß geliebt werden. Selbst wenn beide Nummern auf den zwei vorherigen Alben eher mittelmäßigeres Material gewesen wären, handelt es sich hier um Höhepunkte. Das mag so einiges sagen, aber schwach sind „Shudder Before The Beautiful“ und „Alpenglow“ keinesfalls und retten „Endless Forms Most Beautiful“ sogar irgendwie. Das Glanzstück ist schließlich die Ballade „Our Decades In The Sun“, welche sich als faszinierendes Wechselbad aus majestätischer Opulenz und beinahe schon intim anmutenden Momenten entpuppt. Zum ersten und einzigen Mal zeigen sich eine gewisse Kreativität und das Ausbrechen aus Schema F.

Das große Finale schließlich ist eines dieser einkalkulierten Longtrack-Finale, welche alleine schon mit einer Spielzeit von 24 Minuten beeindrucken möchten. Jede kleine Prog-Metal-Band pustet mit so was wie wild heiße Luft um sich. Hätten Nightwish das nötig gehabt? Nö. Ist der Rausschmeißer „The Greatest Show On Earth” schlecht? Auch nicht. Im Gegenteil, einige der besten Momente des Albums wurden hier verbaut. Dies aber so unorganisch und beliebig, dass es sich eher angeboten hätte, daraus zwei vollwertige Songs zu machen. Klar, „Song Of Myself” („Imaginaerum”) bestand ebenfalls aus mehreren Fragmenten, war aber nur halb so lang und bot einen echten Höhepunkt.

„The Greatest Show On Earth” weiß einfach nicht, wohin, und ist so antiklimatisch, dass das Album nicht mit einem Knall geschlossen wird, sondern einfach so versickert. Der medienwirksam angekündigte Gast-Beitrag vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist hier übrigens nichts weiter als ein bloßes Gimmick und soll der wissenschaftlich angehauchten Thematik (On The Origin Of Species von Charles Darwin) einen Anker geben. Das Problem: Nightwish ist nicht die erste Band, welche mit dem Aufgreifen eines solchen Konzepts eher naiv wirkt. Das ist dann natürlich Korinthenkackerei, soll aber noch am Ende erwähnt werden, damit das keiner mit Innovation oder Ähnlichem verwechselt. Das steht exemplarisch dafür, dass Nightwish viel zu hoch hinaus wollten und vom Gewicht ihrer eigenen Ambitionen erdrückt wurden. Somit ist das achte Studioalbum der wichtigsten Symphonic Metal-Band des Planeten leider nicht der große Wurf geworden, den man erwartet hat. Im Großen und Ganzen ist „Endless Forms Most Beautiful“ eine echte Premiere: Auch Nightwish können mittelmäßig sein. Nimmt man erst einmal die rosarote Fanboy-Brille ab, merkt man, dass die viel zu schnell aus dem Hut gezauberte Floskel „Meisterwerk“ diesmal einfach nicht zieht. Zu uninspiriert ist das Material stellenweise, zu routiniert und arm an echten Höhepunkten präsentieren Holopainen und seine Mitstreiter das Album. Vor allem nach dem fantastischen „Imaginaerum“ und Holopainens Solo-Album ist „Endless Forms Most Beautiful“ eine Enttäuschung.

Anspieltipps:

  • Shudder Before The Beautiful
  • Our Decades In The Sun
  • Alpenglow

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