Dagobert - Afrika - Cover
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Dagobert Afrika


  • Label: Buback/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 37 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Schlager-Skelett und dutzende musikalische Einfälle machen Dagoberts zweites Album zu einer echten Alternative!

Echten Schlager hat Dagobert, der „Schnulzensänger aus den Bergen“, ja streng genommen nie geboten. Dafür waren die Songs dann doch zu ironisch, zu campy und auf lyrischer Ebene viel zu schlau - von den kauzigen Auftritten in Bars und Clubs ganz zu schweigen. Dagoberts Zielpublikum besteht nach wie vor hauptsächlich aus Alternativen, welche beispielsweise seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten genau so einordneten, wie es ihnen in den Kram passte. Dagobert selbst störte sich wohl weniger an der Tatsache, gerade in solch einer Show mitgemischt zu haben. Ewig sollte eine solche Herangehensweise dann wohl auch nicht ziehen. Sicher scheißt der Herr Jäger wohl auf Trends, Genres und Forderungen eines, nun, „anspruchsvollen“ Publikums - so ganz standhaft konnte er auf musikalischer Ebene am Ende doch nicht bleiben. Aus dem augenzwinkernden „Fuck Off!“ wurde auf Longplayer Numero zwei schließlich Kalkül und das gezielte Bedienen seiner Zielgruppen. Und da Schlagermenschen ihre Helene Fischers und Andrea Bergs haben, können sie getrost auf einen Spaßvogel verzichten, der die Scorpions oder David Hasselhoff als seine Vorbilder angibt und zur Abwechslung nicht völlig ironiebefreit sein Ding durchzieht. Coolen Jungs und Mädels ist es immerhin egal, wenn keine Stadien gefüllt werden. Dagobert weiß das.

Ist dadurch „Afrika“ schlecht? Nein, ganz sicher nicht! Der Funken, der noch beim selbstbetitelten Debüt „Dagobert“ übersprang, ist nicht mehr wirklich da. Dafür ist die Figur des Dagobert aber auch schon zu entmystifiziert. Das alleine machte das Album aber auch nicht komplett aus und genau so wenig würde es „Afrika“ ausmachen. Glücklicherweise sind der Interpret und seine Musik letzten Endes mehr als nur ein ulkiges Produkt. Das merkt man „Afrika“ an. Es handelt sich um ein Schlager-Album, das ein Schlager-Album aus Notwendigkeit ist und das Genre als Alibi und Fixpunkt nutzt. Dahinter steckt mehr und es überrascht wenig, wenn man unter Produktion den Namen Markus Gartner (Caspers „Hinterland“, Tocotronics „Das rote Album“) liest. Konstantin Gropper (Get Well Soon) spielte schließlich Gitarren und Streicher ein. Selbst Mille von Kreator zückt die Klampfe und beweist beispielsweise nach seinem legendären KiKa-Auftritt mal wieder eine gesunde Portion Humor - und Sympathie!

Das liest sich „unschlagerhaft“ und das ist es auch. Die Dagobert'schen Trademarks bleiben jedoch. Da wäre sein schweizerischer Akzent, kitschige/dämliche/geniale Lyrics, viele Synthies und am Ende bekommt man wieder das Gefühl, einen musikalischen B-Movie zu sehen. Trash, Kunst und Ironie gehen eine Einheit ein. Egal ob nun der auf beeindruckende Art und Weise trocken dargebotene Opener und Titeltrack mit Dagoberts „Uau-aua-ah“ oder gepitchten „Lalalas“ direkt die Marschrichtung angibt oder ein „Zehn Jahre“ reduzierten Pop bietet - „Afrika“ ist höchst heterogen und dennoch wie aus einem Guss. „Angeln gehen“ und „Du bist tot“ lassen dann klar den Indie-Pop-Einschlag hervorblitzen, der das bereits angesprochene Zielpublikum ansprechen sollte. Das ist anders als auf Dagoberts Debüt, aber dennoch mehr als gelungen. Bei „Jenny“ und „Rede mit mir“ bewegt sich der Musiker sogar in Richtung Chanson der Marke Element Of Crime, während „Moonlight Bay“ schmutzige Italo-Western-Atmosphäre beschwört und „Am Natronsee“ ein experimenteller (!) Mix aus Metal und sphärischen Synthie-Sounds ist.

Somit wird „Afrika“ zu einem höchst inspirierten und sehr musikalischen Album, welches nach dem Debüt einen Schritt weiter gehen will und kann. Dieser Schritt ist wahrscheinlich nötig gewesen - wahrscheinlich hätte man den „bestgekleideten Schweizer 2013“ (GQ Magazine) nicht mehr ernst genommen, wenn er zwei Mal versucht hätte, den Schlager zu dekonstruieren. Auf „Afrika“ geht er in dieser Hinsicht einen Schritt zurück, musikalisch dafür zwei Schritte vor. Seinen Stil und seine Nische hat der Schnulzensänger, der „für alle deine Wünsche viel zu jung“ ist, längst gefunden und baut sinnvoll und kreativ auf seiner Vorarbeit auf. Dadurch wird „Afrika“ erneut die Fans erfreuen und den Viervierteltakt-Zombie in der Malle-Disco wahrscheinlich kalt lassen. Dagobert hätte wahrscheinlich sie alle gerne, aber dieser Zug ist wohl abgefahren. Dass Dagoberts musikalischer Weg der einzig richtige war, muss allerdings nicht bezweifelt werden.

Anspieltipps:

  • Zehn Jahre
  • Moonlight Bay
  • Am Natronsee
  • Rede mit mir
  • Jenny

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