Cryptex - Madeleine Effect - Cover
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Cryptex Madeleine Effect


  • Label: Saol/H'ART
  • Laufzeit: 50 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Hohelied der Kreativität.

Eigentlich möchte man Cryptex immer noch als diesen jungen, frischen Newcomer sehen - auch wenn die Band schon seit dem Jahre 2008 existiert und seitdem so manchen Erfolg feiern konnte. Eine EP, ein Live-Album und 200 Konzerte in 20 europäischen Ländern als Vorgruppe von Threshold, Pain Of Salvation oder Alice Cooper zeigen, dass es die eigentlich augenzwinkernd daherkommenden Cryptex ernst meinen. Ist das noch ein Newcomer? Ist das eigentlich noch ein Geheimtipp? Mit ihrer zweiten Langrille macht die Band nun reinen Tisch und beweist, dass sie sich sogar steigern kann. Das mit Crowdfunding finanzierte und im renommierten Horus Sound Studio aufgenommene „Madeleine Effect“ beschäftigt sich textlich und musikalisch mit dem vom Französisch-LK-Schrecken Marcel Proust beschriebenen gleichnamigen Phänomen. Hier wird gefragt, welche Auswirkungen Sinneswahrnehmungen (hauptsächlich Geruch und Geschmack) auf die Seele und den Geist haben - besonders Assoziationen mit Erlebnissen aus der Kindheit werden behandelt. Dadurch kann „Madeleine Effect“ als Konzeptalbum gesehen werden, auch wenn es streng genommen losgelöst gehört werden kann.

Das Cryptex'sche Bandkarussell hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich schnell gedreht. Seitdem die niedersächsischen Platzhirsche ihr Debüt-Album „Good Morning - How Did You Live?“ (2011) auf die Menschheit losließen, ist eine Menge passiert. Ramón Fleig wird am Schlagzeug von Simon Schröder ersetzt und Martin Linke gab seine Tätigkeit an der Gitarre an André Jean Henri Mertens und Marc Andrejkovits (auch Bass) ab. Aus dem Trio ist also ein Quartett geworden, das in Sachen Line-up nur noch mit Simon Moskon (Gesang, Piano, Bass) an die „alten“ Cryptex erinnert. Insofern wäre die Bezeichnung „Newcomer“ doch wieder passend. Doch ist „alte Cryptex“ überhaupt ein passender Begriff? Natürlich ist es immer heikel, wenn eine Band nahezu komplett ausgetauscht wird, andererseits kommen viele neue und wertvolle Inputs hinzu. Glücklicherweise bleiben Cryptex Cryptex und wenn man bei einem zweiten Album überhaupt schon von einer alten und neuen Bandära sprechen kann, dann nur, wenn man sich vor Augen hält, dass die vier Musiker jetzt erst so richtig loslegen. Gekonnt ist das zweite Studio-Kapitel „Madeleine Effect“ ein Weiterspinnen bereits bekannter Ideen und zugleich ein erblühender Blumenstrauß an vielen kreativen Einfällen.

Alleine das macht Cryptex endgültig zu der Ausnahmeerscheinung, welche man bei „Good Morning - How Did You Live?“ bereits erahnen konnte und Hörer, die in jener Hinsicht ihre Hoffnungen in die Band gesetzt haben, werden mit „Madeleine Effect“ sicher nicht enttäuscht. Gerade dass es wirklich schwierig ist, Cryptex in eine Genre-Schublade zu stecken, spricht für die Gruppe und die dargebotene Musik. Auf „Madeleine Effect“ bleibt man sich dennoch treu: Da gibt es Folk Rock, da gibt es Prog, eine Prise Metal, eine Prise Pop, eine Prise konzentrierten Wahnsinn und ganz viel Wiedererkennungswert. Auch auf dem zweiten Longplayer hätten britische und skandinavische Retro-Progger wie The Flower Kings, The Tangent und besonders Ritual Pate stehen können, jedoch sind und bleiben Vergleiche recht vage und verpuffen, wenn man die Kreativität von „Madeleine Effect“ hört. Abermals kochen Cryptex lieber ihr eigenes Süppchen, „konsequent und aus Überzeugung zwischen allen Stühlen stehend“, aber nie prätentiös, zu verrückt oder aus Notwendigkeit sperrig oder verkopft.

Kontrastreich ist „Madeleine Effect“ dagegen ohne Frage. Beschwingte, flotte Rocker wie „Ribbon Tied Swing“, „Orange Blossom City Girl“ oder „Romper Stomper“ bieten Ohrwurmpotential und sind echte Mitmachnummern geworden, welche trotz Eingängigkeit davon zeugen, wie sorgfältig und bedacht sie von der Band geschrieben wurden. Es ist nicht einfach, einen Song mit Details zu schmücken, ohne ihn zu überladen. Cryptex meistern genau dies. Langsamere Nummern profitieren davon sogar noch mehr: „Melvins Coolercoup“, „Madame De Salm“, „New York Foxy“ und ganz besonders der Opener „The Knowledge Of Being“ offenbaren dann eine ganz eigene Magie und Faszination. Melancholische Monster wie „Stroking Leather“, „Release My Body“ und „A Quarter Dozens In Ounces“ zeichnen sich dann unter all den Qualitäten der Band als größte Stärke ab und sind die vielleicht feinsten Momente auf „Madeleine Effect“. Auch hier gibt es eine Menge zu entdecken: verträumte Akkordeon-Klänge, das beinahe immer präsente Piano, Glockenspiel, Hintergrundgesang von allen Bandmitgliedern oder auch mal hartes Riffing. Kollege Moskon und seine Jungs sind gleichzeitig unbeschwert wie auch fokussiert - ihnen ist anzumerken, dass sie sich bei jedem ihrer Songs etwas gedacht haben.

All das macht „Madeleine Effect“ zu einem höchst organisch wirkenden Album, dem anzuhören ist, wie viel Arbeit und Herzblut investiert wurden. Nach dem ohnehin schon großartigen Debüt, setzen Cryptex noch einen drauf. Dieses Album strotzt nur so vor Esprit, Opulenz und Musikalität. Und so was mit vollster Überzeugung zu behaupten, ist heutzutage echt selten. Da bleibt nur noch eine Frage offen: Wen wollen Cryptex eigentlich musikalisch erreichen? Nun, die Antwort ist gar nicht mal so schwer. Progheads erfreuen sich an den detailreichen und ausgeklügelten Kompositionen, die dadurch, dass sie nicht unnötig verschachtelt sind, eine schwierige Kür meistern. Freunde von guter Musik im Allgemeinen kommen sowieso auf ihre Kosten und insgesamt hat „Madeleine Effect“ das Potential ein weitaus größeres Publikum anzusprechen, als man vielleicht annehmen könnte. Deshalb liefern die vier Schlingel ein Werk ab, das sie endgültig in einer eigenen Liga spielen lässt und sie zu einer echten Ausnahmeband macht. Diesen Musikern wünscht man den Erfolg nicht nur, man gönnt ihn ihnen auch von ganzem Herzen. Wenn es wirklich gerecht zugeht, wird sich Qualität eben durchsetzen und Cryptex sind dann ganz vorne mit dabei.

Anspieltipps:

  • Ribbon Tied Swing
  • Stroking Leather
  • Release My Body
  • A Quarter Dozens In Ounces
  • New York Foxy

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