Calexico - Edge Of The Sun - Cover
Große Ansicht

Calexico Edge Of The Sun


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 41 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Gerade Linien und massenhaft Rückendeckung sorgen für ein wunderbares und faszinierendes Hörerlebnis.

Wirklich vorstellen muss man die beiden Herrschaften Joey Burns (Gitarre, Banjo, Piano, Orgel, Akkordeon) und John Convertino (Schlagzeug) eigentlich niemandem mehr. Die grenzüberschreitende Erfahrung namens Calexico, die das Duo nach ihrer Zusammenarbeit bei der legendären Formation Giant Sand ins Leben gerufen hat, sollte jedem aufgeschlossenen Hörer und Musikfan bekannt sein. Was man sich allerdings vor Augen halten sollte: Die beiden Herrschaften haben noch nie ein schlechtes Album vorgelegt. Nach der anfänglichen Abenteuerlust, die das Debüt „Spoke“ (08/1997) und das sukzessive „The Black Light“ (05/1998) noch nicht so fokussiert erscheinen ließ, bündelte das Duo mit den nachfolgenden Werken „Hot Rail“ (05/2000) und „Feast Of Wire“ (02/2003) bereits in unvergleichlicher Manier ihre Kraft und kredenzte zwei beinahe perfekte Platten der wachsenden Hörerschaft.

Der etwas rohe und zugleich entgleisende Sound des 2006er-Werkes „Garden Ruin“ (03/2006) gilt mitunter nicht gerade als Fanliebling, hatte aber trotzdem starke Momente und vor allem eine wichtige Botschaft zu übermitteln. Calexico wollen und werden sich nie auf eine starre Struktur festlegen und wenn einmal die Mariachi-Trompeten fehlen, dann sind eben andere Instrumente für das Überschreiten von Grenzen zuständig. Darüber hinaus dauerte es ohnehin nur 2½ Jahre, bis mit „Carried To Dust“ (09/2008) die nächste Großtat der beiden Masterminds das Licht der Musikläden erblickte und der Siegeszug der musikalischen Heirat von Kalifornien und Mexico mit „Algiers“ (09/2012) sich bis zum Erscheinen des nun vorliegenden „Edge Of The Sun“ etwas nachdenklich, aber durchaus überzeugend das Ja-Wort gab.

„Quo vadis, Calexio?“ möchte man nach der mittlerweile fast 20 Jahre umspannenden, turbulenten Reise durch sonnendurchflutete Wüstengebiete und vor Lebenslust strotzende und vibrierende Städten fragen. Die Antwort lautet, selbst ein natürliches, atmendes und kollaboratives Mitglied dieses Mikrokosmos zu werden und die 12 neuen Kompositionen als Bindeglied zu den unterschiedlichsten Facetten des im wahrsten Sinne des Wortes Crossover-Sounds von Burns & Convertino anzulegen. Mit anderen Worten ausgedrückt: „Edge Of The Sun“ ist erneut kein Produkt von zwei Individuen geworden und versammelt neben den bekannten Wegbegleitern wie Paul Niehaus, Jacob Valenzuela, Martin Wenk und Volker Zander eine ganze Menge Charakter aus anderen Gruppierungen und musikalischen Strömungen.

So kommt es, dass es dieses Mal nicht nur eine Handvoll Gaststars auf das Album geschafft haben, sondern jeder Song mit einem Feature bestückt wurde. Das Gefühl, einem musikalischen Roadtrip von Amerika nach Mexiko, runter nach Kolumbien, über den großen Teich nach Spanien und wieder zurück zu lauschen, wird damit umso mehr verstärkt und bekommt eine ganz eigene Klangfarbe. Nach einem von Americana und Alternative Country geprägten Eröffnungsdreier, der unter anderem mit Ben Bridwell (Band Of Horses) und Sam Beam (Iron & Wine) einen Brückenschlag aus Bob Dylan und Ryan Adams hervorruft, tauchen Calexico mit Neko Case und dem grandios-unaufgeregten „Tapping on the line“ in simple, aber umso effektivere Pop-Sphären ab, während mit der verschwitzten Darbietung des extrem tanzbaren „Cumbia de donde“ die Vorzüge des gleichnamigen, kolumbianischen Musikgenres Verwendung finden.

Mit der guatemaltekischen Singer/Songwriterin Gaby Moreno entführen uns Calexico gleich zwei Mal, unterschiedlicher könnten diese Beiträge aber wohl kaum sein. In „Miles from the sea“ lauschen wir einem funkelnden Kleinod mit verträumter Melodie und mit „Beneath the city of dreams“ finden wir uns unter der prallen Sonne Mexikos wieder, die ein Date mit amerikanischen Pop-Gepflogenheiten hat und somit für einen knackigen, 2½ Minuten langen Endorphin-Schub sorgt. Dazwischen erfolgt mit dem atmosphärischen Instrumental „Coyoacan“ ein Ausflug in den gleichnamigen idyllischen Bezirk Mexico Citys, bevor „Woodshed waltz“ per Pedal Steel, gespielt von Greg Leisz, eine sanfte Country-Note beisteuert und der Hörer vom relaxten „Moon never rises“ mit der mexikanischen Sängerin Carla Morrison wahrhaftig „in ein komplett anderes Universum“ geschickt wird.

Dort angekommen drängt sich das verhuschte „World undone“ erst nach und nach mit der griechischen Folk-Band Takim in den Vordergrund und gibt sich als experimentellster Beitrag auf „Edge Of The Sun“ zu erkennen. Für ein fabelhaftes Albumende gönnen sich Burns & Co. noch Schützenhilfe von Nick Urata (Devotchka), der die melancholische Ader seiner eigenen Band in „Follow the river“ mit der Calexicos verbindet und dadurch zu einem eindringlichen, wenn auch leicht wehmütigen Schlusspunkt kommt, der eigentlich nur von einem weiteren Durchgang gemildert werden kann. Das ist mit dem neuen Werk der Grenzgänger Burns und Convertino nun einfacher als je zuvor. An jeder Ecke entdeckt man praktisch eine neue Melodie, kleine Details oder schlicht und ergreifend eine große Portion Glücksgefühle. „Edge Of The Sun“ mag vielleicht nicht das experimentellste oder gar aufwändigste Album in der Diskographie Calexicos sein, aber es mit Sicherheit das durchdachteste, wenn es um das Zusammenspiel jedes einzelnen Zahnrades und Mosaiksteinchens geht. Gemeinsam mit der Vielzahl an Gästen liegt uns somit das eingängigste, dafür aber auch am breitesten gefächerte Werk (ohne dabei Füllmaterial oder qualitative Durchhänger aufzuweisen) in der bisherigen Geschichte der Band vor.

Anspieltipps:

  • Coyoacan
  • Follow The River
  • Cumbia De Donde
  • Miles From The Sea
  • Tapping On The Line

Neue Kritiken im Genre „Rock“
5.5/10

Songs Of Experience
  • 2017    
Diskutiere über „Calexico“
comments powered by Disqus