Nils Wülker - Up - Cover
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Nils Wülker Up


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 56 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Der angesehene Jazz-Trompeter gibt seine Unabhängigkeit auf und begibt sich in die Hände eines Medien-Riesen. Die Gewinn- und Verlustrechnung hält sich dabei in etwa die Waage.

Till Brönner hat ernsthafte Konkurrenz bekommen. So wie der etablierte Jazz-Trompeter streckt jetzt erstmalig auch sein Kollege Nils Wülker seine Fühler in Pop-Gefilde aus. Mit „Up“ hat er einen Mix aus rein instrumentalen und durch Gastsänger begleitete Kompositionen zusammengestellt, bei denen die Jazz-Puristen wahrscheinlich wegen des Verdachts auf Verrat an der Sache die Nase rümpfen werden. Wülker sucht eine Lücke zwischen Anspruch und Unterhaltung, die es schon längst nicht mehr gibt. Sein Crossover-Projekt ist aber dennoch geschickt angelegt. Er verleugnet nicht seine Jazz-Wurzeln und gleitet nur selten ins Seichte ab. Sein Trompeten-Stil ist in den Tradition von Miles Davis oder Chet Baker angesiedelt und, wie die Tondichtung auch, sehr melodisch gehalten. Es gibt nur kurze Improvisationseinlagen. Die bestens eingespielte Band schafft dabei eine solide, homogene Basis zur Unterstützung von Nils und den Gesangsbeiträgen. Auf dieser Plattform hinterlassen besonders der belgische Pop-Künstler Ozark Henry („Reading Kafka On The Shore“), der schon durch Veröffentlichungen wie „This Warm Solitude“ positiv aufgefallen ist, und der von Stefan Raab entdeckte Max Mutzke mit dem gefühlvollen „Season“ einen guten Eindruck.

Der Beitrag von Lauren Flynn ist makellos und sie demonstriert bei „Homeless Diamond“, mit welcher Souveränität sie Fremdmaterial leicht umsetzen kann. Sie beweist einen großen Stimmumfang, ohne an ihre Grenzen zu stoßen. Beim Funk-Pop von „Three Grains Of Saffron“ liefert sich der Gesang von David McAlmont ein abwechslungsreiches Zwiegespräch mit dem Trompetenspiel von Nils. Mal agieren sie im Duett, mal gibt die Trompete den Ton an, mal unterstützt sie den Gesang. Die Neo-Soul-Diva Jill Scott macht sich relativ rar. Für Nils Wülker war es eine besondere Freude, dass sie als Gastsängerin zusagte, denn er liebt ihr Erstlingswerk „Who Is Jill Scott?“. Mit „Worth The Wait“ wurde der Sängerin eine soulige Jazz-Ballade auf den Leib geschneidert.

Der mit dem ECHO Jazz und German Jazz Gold Award ausgezeichnete Trompeter und Songwriter hat sich bewusst für eine andere Vorgehensweise als auf seinen bisher in Eigenregie herausgebrachten Alben entschieden. Er wollte die Vorteile der Unabhängigkeit eines eigenen Labels zugunsten der breiteren Möglichkeiten einer Major-Company-Produktion austauschen. Jetzt konnte er vielfältige andere Ideen einfließen lassen und so eine breitere Palette von Sounds ausprobieren. Zwar spielt der Pop-Faktor eine große Rolle, Leidenschaft und Kraft haben aber eine wichtige Funktion als Schmiermittel bei den Interpretationen behalten. Der Perfektionist Nils Wülker hat dieses Mal Wert darauf gelegt, Reibungen zuzulassen. Wenn auch in einem beschränkten, eher hintergründigen Rahmen. So wurde gleich die erste Einspielung von „Keeps On Walking” mit Schmusesänger Sasha für das Album ausgesucht und nachträglich nichts mehr geschönt. Für „I Just Want To Play“ hat sich der Trompeter Xavier Naidoo als Sparringspartner geholt. Nils nimmt den Mannheimer an die kurze Leine und gibt seiner Stimme keine Gelegenheit für ausgedehnte Ego-Trips. Xavier agiert diszipliniert, wird aber nur notdürftig integriert, was einen reizvollen Bruch darstellt.

„Confluence“, „Bridges“ und „Prism“ bleiben jedoch im Niemandsland zwischen sanfter Berieselung und ansprechender Unterhaltung hängen. Die romantischen Instrumental-Balladen „Dawn“ und „Kelvingrove“ (vom Film-Musik-Produzenten Craig Armstrong verantwortet) könnten auch eine „Jazz For Lovers“-Compilation füllen. Sie sind also Futter für die Unentschlossenen, die eigentlich keinen Jazz mögen, ihn aber akzeptieren, wenn er sanft und unkompliziert verabreicht wird.

Man bekommt den Eindruck, dass die Zusammenarbeit mit den Gesangspartnern den Trompeter beflügelt und seine Sinne geschärft hat, die Instrumental-Stücke aber eher nur nettes, schmückendes Beiwerk sind. Nils Wülker hat sich bei „Up“ nicht ausschließlich auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen, sondern als Co-Produzenten noch Peter Vetesse, der durch seine Arbeit für Jethro Tull bekannt geworden ist, angeheuert. Dieser Tatbestand mag dazu geführt haben, dass die Vorstellungen des Jazz-Musikers nicht immer ohne Kompromisse umgesetzt wurden und die Risikobereitschaft der Plattenfirma aufgrund der hohen Produktionskosten nicht besonders hoch war.

Anspieltipps:

  • Season
  • Homeless Diamond
  • Reading Kafka On The Shore
  • Worth The Wait

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