Judith Owen - Ebb & Flow - Cover
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Judith Owen Ebb & Flow


  • Label: Twanky Records/Rough Trade
  • Laufzeit: 42 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Judith Owen befördert den Geist des frühen Folk-Rock in die Gegenwart und präsentiert eine Songsammlung, die von den Großtaten ihrer Vorbilder profitiert.

Die Platte „Ebb & Flow“ wird damit beworben, dass die alten Westcoast-Recken Waddy Wachtel (Gitarre), Leland Sklar (Bass) und Russ Kunkel (Schlagzeug) mitspielen. Diese Musiker haben schon in den 70er-Jahren Songs von Jackson Browne, James Taylor, Joni Mitchell und Carole King virtuos begleitet und sind selbst als Trio unter dem Namen The Section aufgetreten. Mit ihrer harmonischen Soft Rock-Begleitung veredeln sie nun das schon zehnte Album der aus Wales stammenden und seit den 90er-Jahren in den USA lebenden Sängerin, Komponistin und Pianistin Judith Owen.

Beim Überfliegen der aufgelisteten Songs zuckt man zuerst unwillkürlich zusammen, weil sich eine Cover-Version des Mungo Jerry Gassenhauers „In The Summertime“ von 1970 darunter befindet. Unter der eingangs geschilderten Ausgangslage wäre dieser Titel nicht im Repertoire zu erwarten gewesen. Sollte das jetzt als schlechtes Omen für die Qualität der Musik zu deuten sein? Der erste Song „Train Out Of Hollywood” beruhigt dann aber, weil er der Erwartungshaltung entspricht. Souverän wird sachte swingender, angenehm ins Ohr gehender Westcoast-Pop geboten. Vielleicht nicht ganz so raffiniert aufgebaut und abgehangen präsentiert, wie man es von Carole King oder Laura Nyro kennt, aber trotzdem professionell gestaltet. Die Ballade „I Would Give Anything” hat grundsätzlich einen natürlichen, anmutigen Flow, der aber beim bemühten und eckig vorgetragenen Refrain etwas ausgebremst wird. Als Vorbild ist hier wohl Joni Mitchell im Hinterkopf gewesen. Deren Individualität und Seriosität wird jedoch nicht erreicht. Dem schon erwähnten „In The Summertime“ wird eine neue Identität verpasst. Aus der banalen Mitsing-Nummer wird ein fließend-luftiger Jazz-Pop mit zartem Schmelz fabriziert. Die zweite Cover-Version auf „Ebb & Tide” ist „Hey Mister, That´s Me Up On The Jukebox” von James Taylor. Das Original von „Mud Slide Slim And The Blue Horizon” (1971) wurde auch schon von Leland Sklar und Russ Kunkel begleitet. Der Song ist eine ideale Cover-Vorlage für die Waliserin, weil er so beflügelnd und gleichzeitig niveauvoll ist. Judith Owen versteht es, eine würdige, angemessene, an der Quelle orientierte Fassung abzuliefern.

Die Musikerin ruht bei „Under Your Door“ in sich. Überlegt und selbstbewusst verwendet sie die passende, zurückgenommene Koordination und wird eins mit diesem nicht leicht zu singenden Track. Die Dynamik-Wechsel stellen eine Herausforderung an die Stimmbeherrschung dar, die aber locker gemeistert wird. Die Jazz-Strukturen und der spannende Aufbau von „About Love“ lassen das Lied durchdacht und differenziert erscheinen und das Arrangement von „I´ve Never Been To Texas” wurde reizvoll durchstrukturiert. Dadurch, dass die Instrumente mehr Raum gegenüber dem Gesang bekommen, wirkt die Stimmung breitflächig und großzügig. „You´re Not Here Anymore” und „Sweet Feet“ sind angenehme, vertraut wirkende, kultivierte Balladen im intimen, selbstbewussten und beherzten Stil von Carole King. Gesanglich und melodiös ist „One In A Million” relativ durchsichtig gestaltet, gehört aber aufgrund seines angenehmen Charakters zu den ansprechendsten Songs des Albums. Die Mid-Tempo-Nummer „You Are Not My Friend” hat eine interessante, verschachtelte Melodie, die an die Schreibkunst von David Crosby erinnert. Leichte Bossa-Nova- und Soft-Jazz-Anklänge zeichnen zum Abschluss „Some Arrows Go In Deep“ aus. Das Stück bildet eine Erweiterung der Soundpalette, die zur Steigerung des Unterhaltungswertes beiträgt.

Judith Owen möchte das goldene Zeitalter des Laurel Canyon-Folk-Rock der frühen Siebzigerjahre zurück ins kollektive Bewusstsein holen. Sie schwelgt dabei in vollmundigem, harmonischem und gepflegtem Soft-Rock mit Folk-Tendenzen. „Ebb & Flow“ behandelt sowohl ernste Themen wie den Tod der Eltern („I Would Give Anything“, „You´re Not Here Anymore”), aber auch ermutigende Aussagen („Train Out Of Hollywood“, „Under Your Door“).

Die musikalische Umsetzung ist nicht richtungsweisend, denn einige Ideen sind offensichtlich an ihren Vorbildern ausgerichtet. Aber neben dem erlesenen Gespür für Qualität liegt die große Stärke der Künstlerin in der Differenzierung und feinen Ausgestaltung von Tempo und Lautstärke. Wenn sie dieses Talent ausspielt, sind ihre Lieder betörend und haben Strahlkraft. Das Album wurde schon vor einem Jahr veröffentlicht und ist nun erstmals offiziell in Kontinentaleuropa zu haben. Dieser Tatbestand spielt aber keine große Rolle, weil das Verfallsdatum der Lieder nicht abzusehen ist.

Anspieltipps:

  • Hey Mister, That´s Me Up On The Jukebox
  • Under Your Door
  • About Love
  • I´ve Never Been To Texas
  • One In A Million
  • You Are Not My Friend

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