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Helsinki A Guide For The Perplexed


  • Label: Fierce Panda/CARGO
  • Laufzeit: 38 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
4.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Helsinki ist der Verbund der Freunde von Drew McConnell, die sich im Umfeld von Indie-Folk und -Rock tummeln. Gerne und gekonnt auch mit Psychedelic-Pop Referenzen.

Helsinki ist nicht nur das Indie-Rock All-Star-Projekt des Babyshambles-Bassisten Drew McConnell, sondern auch dessen Spitzname. Neben Peter Doherty, dem Chef seiner Stammband, wirken noch Albert Hammond Jr. (The Strokes) und die Gewinnerin der Talentshow „Must Be The Music“, Emma Gillespie, als Gäste mit. Außerdem noch der irische Liedermacher Fionn Regan sowie der Violinenspieler, Keyboarder und Gitarrist Ray Suen. Aber damit noch nicht genug mit Querverweisen, denn die rekrutierte Backing-Band besteht auch noch aus namhaften Musikern. Dazu gehören unter anderem der Drummer Seb Roachford von Polar Bear, Gitarrist Matt Park von den Mystery Jets sowie Keyboarder Stephen Large, der schon für Squeeze in die Tasten gegriffen hat. Ferner bilden noch der Percussion-Spieler Jamie Morrison (Noisettes, Stereophonics), Kontrabassist Spencer Brown aus der Band des Jazz-Saxophonisten Andy Sheppard und Geiger Johnny Fielding (Larrikin Love) den Rahmen des Geschehens.

Diese Auflistung zeigt, dass Mr. McConnell jede Menge Freunde und musikalische Begleiter hat, die sein Vorhaben beeinflussen. Aber kann man solch eine bunte Schar von Künstlern zu einer fokussierten Band zusammenfügen? Die Antwort darauf ergibt sich aus der Analyse der einzelnen Tracks. Im Kalkül des Bassisten scheint zu sein, dass er sich nach Möglichkeit gegenüber den Babyshambles abgrenzen sollte, um nachhaltig Beachtung zu finden. Deshalb lässt er sich auch nicht auf eine Stilrichtung festlegen. Die Songs für „A Guide For The Perplexed“ wurden in nur zwei Tagen quasi live im Studio aufgenommen. Drew spielte seinen Kollegen die Entwürfe nur ein paarmal auf der akustischen Gitarre vor. Danach erläuterte er seine Vorstellungen von der Umsetzung und das Ergebnis ergab sich spontan aus den Einfällen des Augenblicks.

Die gut austarierte Stimme des Projektleiters eröffnet deutlich, klar und entspannt „Rising Heights“. Der Opener rochiert zwischen leisen und nachdrücklichen, langsamen und schnelleren Passagen. Folk-Sensibilität trifft auf das Querdenken des Indie-Rocks. Nebenbei funkelt die Rock-Historie in Form von psychedelischen, verspielten Ideen durch, die von Kevin Ayers beeinflusst sein könnten. Daneben werden auch griffige Rhythmus-Muster, die leicht gegen den Strich gebürstet sind, eingebaut. Durch diese Kombination wird das Stück immer wieder neu beflügelt.

Verschrobenen, eckigen Pop mit Temposprüngen, wie man ihn von den frechen Ausflügen der britischen New Wave-Band XTC kennt, kann man bei „Cologne Hotel“ entdecken. „Choices“ wirkt auch etwas überdreht, doch der Ska-Folk-Punk, der mit französischem Neo-Chanson gekreuzt wurde, kann trotz der Gastrolle von Peter Doherty melodiös nicht wirklich überzeugen. „Brideshead“ passt da besser zum Babyshambles-Mitglied. Der ausgeruhte Gesang, der über den wie beiläufig eingebundenen Schlagzeug-Beat gelegt wurde, hat etwas Gewinnendes. Wieder ist es die detailverliebte, verzierende, phantasievolle Ausstattung, die dem Song die glitzernden, besonderen Momente beschert und neben der edlen Melodie den besonderen Reiz des Liedes darstellt.

Folk-Jazz, der von einem hastig-unruhigen Gitarre/Keyboard-Duett angetrieben wird, gibt es bei „The Batteries Weren`t Dead” zu hören. Man wartet ständig auf den einsetzenden Gesang, der den Titel in die Schranken verweist oder tempomäßig einfängt - aber Fehlanzeige. Die Elfe Emma Gillespie bringt als Duett-Gesangspartnerin von „Keys“ neue Frequenzen ins Spiel. Diese feminine, leichte Pop-Seite ist leider nicht so verführerisch, wie sie hätte sein können. Der Song wird eher durchsichtig gestaltet. Er ist freundlich und eingängig, aber nur ein flüchtiger Spaß. Hauchzarter Gesang begleitet „Bitpart“, eine angenehme, lässige Folk-Pop-Nummer. Durch die Geige fühlt man sich an die Dexys Midnight Runners zu Zeiten von „Too-Rye-Ay“ (1982) erinnert. Reggae, Funk und Pop wird für „Ampersand“ gemixt. Gesanglich schimmert manchmal sogar Ray Davies von The Kinks durch. Aber so richtig kommt der Track nicht aus dem Mittelmaß heraus. Optimistisch, mal leise, mal schwungvoll, schaut „Ribtickling“ in die Welt. Drew greift wieder in seine dezent-geschmackvolle Tempo-Variations-Trickkiste und garniert den Song mit spritzigen Arrangement-Ideen. Lange Zeit ist „Green-Eyed Twin” eine Solo-Nummer zur akustischen Gitarre, bis eine Violine klirrende und weiche Klangsplitter beisteuert. Abrupt geht die Platte dann zu Ende.

Waren die ersten kargen Aufnahmen, die unter dem Etikett Helsinki rauskamen („Coast Of Silence“, 2014), eigentlich nur das Ergebnis einer Therapiephase nach einem schweren Verkehrsunfall, so steht „A Guide For The Perplexed“ für die Rückkehr in die Normalität und die Feier der Verbundenheit mit den Freunden. Drew McConnell hat wahrscheinlich absichtlich eine relativ unausgewogene Songsammlung vorgelegt, um allen mit ihm arbeitenden Künstlern gerecht zu werden. Er versucht unterschiedliche Hörerschichten zu erreichen und deshalb wird eine Menge ausprobiert. Dabei verliert er manchmal aus den Augen, wo seine wahren Stärken liegen. Die findet man eindeutig im psychedelischen Folk-Pop, der eigenständig, variationsreich und einfühlsam interpretiert wird. Wäre das gesamte Album auf diesem Prinzip konzipiert worden, dann hätte es womöglich ein Volltreffer werden können.

Anspieltipps:

  • Rising Heights
  • Cologne Hotel
  • Brideshead
  • Ribtickling

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