Spin Marvel - Infolding - Cover
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Spin Marvel Infolding


  • Label: Rare Noise Records
  • Laufzeit: 59 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
4.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Provokativ + extravagant = Spin Marvel.

Das ist ja mal eine abenteuerliche Besetzung: Zwei Schlagzeuge, Trompete, Bass und Live Electronics. Diese Ausstattung gehört zum Projekt Spin Marvel des britischen Schlagzeugers Martin France. Der Jazz-Ambient-Electronic-Mix wird vom norwegischen Ton-Bildhauer Terje Evenson in Szene gesetzt und vom Remix-Spezialisten und Drummer Emre Ramazanoglu gestalterisch betreut. Achtung, Rock-Musik-Hörer: Wer sich in den Soundlandschaften von David Sylvian, Talk Talk („Laughing Stock“) oder King Crimson („Larks` Tongues In Aspic“) wohl fühlt, der wird auch hier in den ruhigeren Passagen Berührungspunkte finden („Canonical“). Manche Tonfolgen erinnern sogar an den Soundtrack für „The Hot Spot“ von 1990, der unter anderem mit Miles Davis und John Lee Hooker eingespielt wurde („Tuesday`s Blues“).

Aber Spin Marvel belassen es nicht bei organisch angelegten Konstruktionen, sondern sie können auch sehr energisch und ungestüm werden. Dann muss man schon genau hinhören, ob die freien Einwürfe aus dem Elektronik-Baukasten oder vom brillanten und dominanten Trompeter Nils Petter Molvaer stammen. Mit „Two Hill Town“ tritt das Ensemble in die experimentelle Phase ein. Stoisch bahnen sich die Schlagzeug-Figuren ihren Weg durch die elektronischen, scheinbar zufällig erzeugten Klangsplitter. Trompeten-Schwaden und ein pumpender Bass glätten die Geräuschkulisse ein wenig, bevor dieses Duett durch Trompete und/oder Electronics aufgelöst wird. Dramatisch wird es bei „Leap Second“. Es hängt ständig etwas Bedrohliches in der Luft. Man erwartet den kollektiven Geräusch-Ausbruch, der aber ausbleibt. Solch eine Eruption trifft den Hörer dann aber bei „Same Hand Swiss Double Pug”. Das Stück steigert sich von einer im Zen-Buddhismus verankerten Ruhe zu freien, zügellosen Improvisationen. Das abschließende „Minus Two“ wird hauptsächlich durch das solistische Zurschaustellen von Schlagzeug-Künsten geprägt. Von cineastischen Sound-Kulissen bis zu Schock-Akkorden ist hier stimmungsmäßig alles dabei.

Improvisierte Musik macht nur dann Spaß, wenn sie es schafft, interessante Bilder im Kopf entstehen zu lassen oder ein eindringliches, überraschendes Klima zu erzeugen. Sie kann aber auch die Gehörgänge frei pusten und dadurch empfindsamer für das Spüren von Nuancen machen. Das gelingt dem experimentierfreudigen Kollektiv Spin Marvel immer dann, wenn es sich vom puren Demonstrieren handwerklicher Fähigkeiten und damit vom solistischen Schaulaufen löst.

Anspieltipps:

  • Canonical
  • Tuesday's Blues

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