Lightning Bolt - Fantasy Empire - Cover
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Lightning Bolt Fantasy Empire


  • Label: Thrill Jockey/Rough Trade
  • Laufzeit: 48 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Schlagzeug mit Tourette und ein komplett wahnsinniger Bass erzählen ein paar Gute Nacht-Geschichten.

Nein, Lightning Bolt hantieren nicht mit Noise-Eskapaden, wie sie The Chemical Brothers auf ihrem letzten Studioalbum „Further“ (06/2010) beispielsweise im Track „Snow“ verwendet haben. Und es handelt sich auch definitiv nicht um ein halbgares Experiment, das Altmeister wie Neil Young zu mehr avantgardistischen Höhen behelfen sollte (die Rede ist von „Le Noise“ aus September 2010), aber bereits am Fundament scheiterte. Vielmehr hat man es bei den zwei Herrschaften Brian Chippendale (Gesang, Schlagzeug) und Brian Gibson (Bass) mit Vollblutmusikern zu tun, die ihr Leben lang nichts anderes getan haben, als Verzerrungen zu fördern und dadurch gefordert zu werden.

„Fantasy Empire“, das siebente Album in mehr als 20 Jahren Bandgeschichte, markiert allerdings nicht nur einfach einen weiteren Meilenstein in der unerschöpflichen Kreativität und Spielweise des Duos, sondern darf sich auch rühmen, die erste Aufnahme zu sein, die Lightning Bolt in einem richtigen Studio mit ordentlichem Hi-Fi-Equipment aufgenommen haben. Aber ist das bei gestandenem Noise Rock denn überhaupt notwendig? Nun, oberste Priorität hat dies sicher nicht, aber geschadet hat es dem Erlebnis, das „Fantasy Empire“ darstellt, auf gar keinen Fall. Gegendarstellungen mit der vorhandenen Diskographie zu machen ist aufgrund der musikalischen Extravaganz jedoch Humbug, vielmehr handelt es sich beim neuen Werk der zwei um neue Ideen mit leicht geänderten Vorzeichen.

Übrigens: Wer das Wort „Erlebnis“ im vorletzten Satz für übertrieben hält, der legt bitte einfach nur die CD ein, stellt die Lautstärke auf das Maximum, startet den ersten Track „The metal east“ und lässt sich gepflegt von einer undurchdringlichen Wall Of Sound gegen die nächste Mauer drücken. Damit haben Lightning Bolt zwar schon ihr Pulver verschossen und präsentieren in den folgenden acht Tracks nichts anderes als eine Abwandlung von wuchtigen Bässen, phrenetischen, am Rande der Ekstase spielenden Drums und verzerrten Sounds, doch die Variabilität mit der dieses Schema immer wieder aufs Neue durchbrochen und aufgelockert wird, sucht in der heutigen Musikgesellschaft nahezu ihresgleichen.

In diesem Sinne erinnern die Jungs oftmals an das verschrobene Rhythmusgefühl der Black Keys („Runaway train“) oder orientieren sich durchgehend an komplett irrwitzigen Schlagzeugfolgen, die mal hypnotisch („Horsepower“, „King of my world“), mal völlig von der Leine gelassen ihr Unwesen treiben („Over the river and through the woods“, „Dream genie“), grundsätzlich aber immer nachvollziehbar sind und nach einer kurzen Eingewöhnungszeit sogar ordentlich Laune machen. Bei der überlangen Schlussnummer „Snow white (& the 7 dwarves fans)“ nehmen sich Brian & Brian sogar Zeit, damit einem der urplötzliche Break umso eindringlicher an die Gurgel springt (selbst wenn er sich in weiterer Folge wie bei einem verheerenden Autounfall mehrmals die Böschung hinunter überschlägt) oder starten im fulminanten „Mythmaster“ einen Großangriff auf die Hörsynapsen, indem nach allen Regeln der Kunst Rhythmus, Melodie, Verzerrung und Spielwut unter einen Hut gebracht werden.

„This is heavy, turbulent music, but it is executed with the precision of musicians that have spent years learning how to create impactful noise through the use of dynamics, melody and rhythm“, weiß der Pressetext zu berichten und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Krach machen kann schließlich jeder, aber dass bei dem irrwitzigen Lärm auch etwas Sinnvolles und derartig Fesselndes herauskommt, ist ein großer Verdienst, den man Lightning Bolt nicht hoch genug anrechnen kann.

Anspieltipps:

  • Mythmaster
  • Dream Genie
  • The Metal East

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