The Hirsch Effekt - Holon : Agnosie - Cover
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The Hirsch Effekt Holon : Agnosie


  • Label: Long Branch Records
  • Laufzeit: 59 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Platzhirsch-Effekt: Konsequent zwischen den Stühlen, stellenweise viel zu heterogen und unangenehm prätentiös.

Durchaus große Wellen schlagen konnten The Hirsch Effekt aus Hannover. Mutig war es, als drei Musiker einen bunten Genre-Mix probierten und sich zudem für die deutsche Sprache als Träger entschieden. Die Fans jubelten, die Fachpresse jubelte auch und wer eben nicht jubelte, war ein Vollhonk, der sich einfach nicht dieser komplexen Musik öffnen konnte. Moment mal, stop! So einfach ist es mit dem Trio nun auch wieder nicht. Fangen wir mal am Anfang an. Wer bislang noch keine Chance hatte, The Hirsch Effekt kennenzulernen, darf sich ihre Musik in etwa so vorstellen: Blumfeld, Tocotronic (ohne deren Selbstironie und Witz) oder Kante (in den ruhigeren Momenten) treffen auf The Dillinger Escape Plan. Das hört sich auch zum dritten Mal in Albumfolge höchst merkwürdig an und ist und bleibt absolute Geschmackssache.

Vielleicht wird auch „Holon : Agnosie“ von seinen eigenen Ambitionen erdrückt. Ohne den Musikern etwas Böses zu wollen oder ihre Arbeit herabzuwürdigen: Das gut eine Stunde dauernde Album wirkt wie eine einkalkulierte Tour de Force und nimmt sich viel zu ernst. Völlig ironiefrei werfen The Hirsch Effekt mit Metaphern um sich, dass die Schwarte kracht, und wirken in jener Hinsicht wie ein (zugegeben begabter) Mittelstufenschüler, der seine Teenage-Angst-Phase gerade überwunden hat und jetzt mit aller Macht seinen Worten einen kryptischen Anstrich verpassen will. Gerade dieses Bierernste sorgt immer wieder für eine unfreiwillige Komik - besonders wenn der Gesang in Screams und Growls übergeht. Gerade im Vergleich zu „Holon : Hiberno“ und „Holon : Anamnesis“ wirken die Lyrics noch konstruierter und im schlimmsten Falle wie eine noch größere Eigenparodie. Sind The Hirsch Effekt vielleicht die Samsas Traum des Hardcore? Wer das jedenfalls Kunst nennt, darf sich mal fic....huch, ein Schimpfwort - wie gewagt! Ist diese Rezension jetzt auch Kunst?

Musikalisch bleiben sich The Hirsch Effekt ebenfalls treu und erneut wird ein Teil der Hörerschaft absolut begeistert sein, ein Teil sich achselzuckend abwenden und ein weiterer Teil das Trio belächeln. Eine gewisse Faszination ist ohne Frage vorhanden, sofern man sich einem höchst technischen Mathcore öffnen kann und will. Dieses Genre, welches zusammen mit Spielarten wie Zeuhl oder Rock In Opposition, selbst im Prog-Sektor wie beinharter Nerd-Kram wirkt, wurde zumindest von The Hirsch Effekt seit jeher als wohlplatziertes Stilmittel benutzt und auch auf „Holon : Agnosie“ rasen aberwitzige Passagen durch die Gehörgänge der Hörer. Insgesamt handelt es sich hier um ein Liebhaberstück und um Special Interest. Wer über 15 ist und sich in Sachen musikalische Experimente die Hörner abgestoßen hat, wird schnell erkennen, dass übertriebene Frickelei alleine keinen guten Song ausmacht. Das haben auch Prog-Bands jeglicher Couleur über die Jahre gemerkt - selbst die technischsten und „komplexesten“. Kompositionen wie „Agnosie“, „Cotard“ oder „Fixum“ wirken daher aus Notwendigkeit verschachtelt, verkopft und schwer greifbar. Sich auf einem Album einem Grower nach und nach zu nähern oder sich in ein Gesamtwerk einzuarbeiten, ist das eine, sich ein durch und durch konstruiertes Werk aus Selbstzweck schön zu hören, das andere. Kurze Intermezzi wie „(Chelicera)“, „(Defaetist)“ oder „(Tischje)“ sind dann musikalische Verschnaufpausen, welche dadurch noch heterogener wirken. Mit der gelungenen, von Streichern getragenen Ballade „Tombeau“ (hier gibt es den angesprochenen Kante-Einschlag) treiben es The Hirsch Effekt auf die Spitze und zelebrieren ihre Kompilations-Wut vollends. Das ist auf musikalischer Ebene gelungen, aber zeigt, dass die Band zwischen den Stühlen sitzt.

Schlagartig wechseln The Hirsch Effekt zwischen deutschem Indie-Rock und -Pop sowie sogenannten „Artcore“ - teilweise sogar innerhalb der Songs. Auch oder besonders dann wirkt das gewollt. Kontrastreiche Songs zu schreiben ist für die Hannoveraner wohl so einfach wie der Härtebonus durch eine Kellerproduktion für den Black-Metal-Panda. Tatsächlich wären die drei Musiker gerade in der - wenn man so will - seichteren Ecke besser aufgehoben, denn immer wenn sie ihre Songs nicht überladen, zeigt sich Potential. Ein „Athesie“ weiß Härte, Melancholie und Komplexität hervorragend zu verbinden. Dann erinnern The Hirsch Effekt an dredg oder The Intersphere und spielen ihre Qualitäten voll aus. Ob die Gruppe jemals eine Ideallinie finden wird, ist allerdings fragwürdig. Dafür wollen The Hirsch Effekt auch auf „Holon : Agnosie“ zu viel, dafür scheitern sie genau so oft wie sie etwas Gutes schaffen und generell fischen sie zu sehr im Trüben. Eines jedoch bleibt: Diese Band sollte niemanden kalt lassen. Lieb sie oder hass sie - Zwischenstationen machen sich bei diesem Platzhirsch jedenfalls rar und alleine das ist ja auch etwas wert.

Anspieltipps:

  • Tombeau
  • (Defaetist)
  • Athesie

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