Kamelot - Haven - Cover
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Kamelot Haven


  • Label: Napalm Records
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Zurückhaltender, reduzierter, fokussierter - und gerade deshalb so gut!

Die Symphonic-Metal-Szene ist im Jahre 2015 freudig erregt: Nightwish liefern ab, Kamelot liefern ab und mit dem Zweitwerk „The Valiant Fire“ der Damnation Angels hat das Subgenre eine künftige Großmacht gewonnen. Wenn es dann um den Kampf zwischen den beiden Großen, also Nightwish und Kamelot, geht, so kann allerdings direkt gesagt werden, dass es nicht mal ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt, sondern sich die Euro-Metaler aus Tampa durchsetzen. Oh, eine lange Geschichte und sie soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden. Der Sympho-Metaler darf sich einfach freuen, denn Kamelot bleiben stark und untermauern mit dem elften Studioalbum „Haven“ ohne Schwierigkeiten ihre Stellung als einer der großen Genreanführer.

Besonders der Frontmann Tommy Karevik hat in seiner zweiten Arbeit mit Kamelot einen ganz persönlichen „Haven“, also einen Zufluchtsort, gefunden. Spätestens jetzt ist er vollends etabliert - nicht nur, weil er nach Khans Abgang von den Fans mit offenen Armen empfangen wurde. Auch sind die Kompositionen auf „Haven“ mehr denn je seinen Leistungen und seinem Stil angepasst. Kein Wunder also, dass sich der Schwede nicht nur pudelwohl fühlt, sondern gesanglich eine derart fulminante Leistung erbringt, dass es schon beängstigt. Natürlich wird Roy Khan immer einen Platz im Herzen des Kamelot-Fans haben, aber wenn Karevik nicht nur den Stil seines Vorgängers übernimmt, sondern so sehr mit seinem eigenen verknüpfen kann, dass sich alles vertraut und doch eigenständig anhört, dann darf sich der Fan noch auf künftige Großtaten des jungen Herrn freuen.

Stellvertretend für Kareviks Leistung ist die relativ am Ende platzierte Ballade „Here's To The Fall“, die mit reduziertem Orchestereinsatz voll und ganz auf Gesang setzt. Selbst wenn „Here's To The Fall“ nicht unbedingt das große Highlight von „Haven“ ist und sich auch nicht in der Riege der besten Kamelot-Balladen befindet, handelt es sich doch um einen wichtigen Song, der eventuelle Kritiker und Zweifler überzeugen wird. Musikalisch malen Kamelot nach Zahlen. Das ist nach dem für sich alleine stehenden „Silverthorn“ aber auch nötig gewesen. Die Band bewegt sich wieder ein wenig zu den Anfängen ihrer zweiten Ära (vielleicht ab „The Black Halo“, spätestens ab „Ghost Opera“) zurück und versucht mit Karevik ein wenig „Alltag“ in den Sound zu bringen. Deshalb ist „Haven“ zwar nicht ein großes Ausnahmealbum in der Diskographie geworden, allerdings mit sich im Reinen und zaghaft doch stilsicher, wenn es um Innovationen und Experimente geht. Oder mit anderen Worten: Nicht nur der Sänger, die gesamte Band ist im ganz eigenen „Haven“.

Die Jungs wissen eben, was funktioniert, wie es funktioniert und dass nur sie es in jener Form auch umsetzen können. Den gelungenen Mix aus Symphonic-, Gothic-, Power- und Prog-Metal hat sich die Band längst zu eigen gemacht; „Haven“ ist auf angenehme Art und Weise aber dann und wann auch zurückhaltender, reduzierter und fokussierter. Die starke erste Single „Veil Of Elysium“ erinnert schwer an den „Ghost Opera“-Titeltrack und kann mit Fug und Recht zu einer der stärksten Singles der Band gezählt werden. Viele unscheinbare Nummern wie „Insomnia“, „Beautiful Apocalypse“ oder „My Therapy“ entpuppen sich trotz ihrer Einfachheit als echte Grower, während „End Of Innocence“ (zurück zu den Power-Metal-Wurzeln!) und ganz besonders das fantastische „Liar Liar (Wasteland Monarchy)“ waschechte Euphorie-Garanten darstellen. „Liar Liar (Wasteland Monarchy)“ glänzt mit einem der wirkungsvollsten Einsätze eines weiblichen Gastbeitrags in der Geschichte der Band und funktioniert in jener Hinsicht weitaus besser als die recht kitschig geratene Ballade „Under Grey Skies“. Das absolute Highlight ist dann „Citizen Zero“, welches in bester Manier von „The Zodiac“ („Poetry For The Poisoned“) vor sich her stampft und mit dem Refrain zu hypnotisieren versucht.

Schwächen? Ja, auch. „Fallen Star“ ist beileibe nicht der beste Opener, den Kamelot jemals geschrieben haben. Und leider wird es gegen Ende recht dünn. Der eigentliche Titeltrack und Rausschmeißer ist kurz, instrumental und eher nichtssagend. „Revolution“ wurde im Vorfeld schon als einer der härtesten Songs der Band überhaupt angepriesen und hat genau das Problem, welches im Vorfeld angekündigte „härteste Songs“ eben haben. Da wird sich eine Band zu untreu und ballert ohne Sinn und Verstand aus allen Rohren. Das wirkt zu gewollt, zu konstruiert, zu belanglos und lässt das starke Album als eigentlich letzter Track nicht mit dem Knall enden, den wir so gerne gehabt hätten. Tut dies der eigentlichen Qualität „Havens“ einen Abbruch? Nein! „Haven“ ist sicherlich kein zukünftiger Klassiker der Band, aber ein großer Kandidat, zu einem dieser persönlichen Geheimtipp-Alben zu avancieren. Mit Sinn und Verstand bleiben Kamelot ihrem Stil treu und veröffentlichen ihr vielleicht „größtes kleines Album“. Alle Trademarks sind am Start, die Band harmoniert noch besser als auf „Silverthorn“ und hinter Nümmerchen, die anfangs unscheinbar erscheinen, verstecken sich zum Teil echte Giganten.

Anspieltipps:

  • Citizen Zero
  • Veil Of Elysium
  • End Of Innocence
  • Beautiful Apocalypse
  • Liar Liar (Wasteland Monarchy)

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