Bristol - Bristol - Cover
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Bristol Bristol


  • Label: JSM/Rough Trade
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Hat TripHop eine Zukunft? Ja, in der Vergangenheit!

Ein TripHop-Revival. Braucht das jemand? Schließlich stehen bereits einige Platten von Massive Attack, Portishead, Tricky usw. in unseren Regalen. Und mit Archive, Goldfrapp, Lamb etc. werden wir mit weiterentwickelten Versionen des Bristol-Sounds versorgt. Womit wir beim Thema und der Band Bristol sind. Manchmal ist ja der einfachste Name der beste, bei Bristol trifft er ins Schwarze. Ihr Debütalbum gleichen Namens ist dann ebenso Rückbesinnung und Gegenwart sowie Vorausschau auf ein geschichtsträchtiges, aber auch totgeglaubtes Genre.

In den Neunzigern schlug TripHop ein wie eine Bombe. „Blue Lines“ von Massive Attack und „Dummy“ von Portishead waren die Speerspitzen eines neuen, aufregenden Sounds. HipHop, Dub, Soul und Jazz fanden im TripHop zueinander. Wer nahe an der Genre-Bezeichnung bleibt, könnte auch sagen: HipHop wurde auf einen halluzinogenen Trip geschickt. Ein Sound, der Bilder geradezu heraufbeschwor, der sich auch an Agenten-Soundtracks orientierte und nach und nach ebenso seine Bestimmung in Kinoproduktionen fand. Mit den Jahren wurde der Bristol-Sound auf eine andere Stufe gehievt und kam in Schweden (Jay-Jay Johanson), Belgien (Hooverphonic), Frankreich (Kid Loco), Österreich (Kruder & Dorfmeister) und den USA (Thievery Corporation) an. Und bis heute hallt jener Sound nach, erfährt aber mit Bristol eine Frischzellenkur der besonderen Art.

Jene Frische und Modernisierung liegt dabei in der Vergangenheit noch vor den Neunzigern, Bristol findet in den Sechzigern den Ursprung von TripHop. Womit wir wieder bei den Soundtracks zu Agentenfilmen wären. Gespenstische Orgeln, geheimnisvolle Rhythmik, Gitarren im Jazz- oder Reggae-Modus, eine ebenso hauchende wie coole Frauenstimme, Tempowechsel sowie reizvoll inszenierte Melodie- und Spannungsbögen ergeben in der Summe atmosphärische Songs, die die 60er- mit den 90er-Jahren verbinden. Wobei sie auch zeitlose Latino-Elemente („Overcome“ im Original von Tricky) und einen Titel zwischen Roots- und Dub-Reggae („No Justice“ im Original von Smith & Mighty) ansiedeln.

Es gibt auch skelettierten TripHop („Widows By The Radio“ im Original von Perry Blake), der mit weiblich/männlichen Stimmen, vibrierender E-Gitarre und Klatschen Atmosphäre zaubert. Ihre Magie ziehen sie aus überwiegend analogen Klangspuren, die dennoch, nun ja - Moderne und Frische ausstrahlen. Sicherlich der Verdienst von Marc Collin (Nouvelle Vague), Mastermind von Bristol und bekanntlich Meister in Sachen atmosphärischer Songs und entsprechender Produktion. In manchen Titeln steckt gar die Portisheadsche „Dummy“-Magie, man höre „Road“ (im Original von ebendiesen Portishead), „It Hurts Me So“ (von Jay-Jay Johanson) und „All Is Full Of Love“ (im Original von Björk). Die akustische Gitarre wird für „Nothing Else“ (im Original von Archive) ausgepackt und Massive Attack („Safe From Harm“) erfährt gleich zu Beginn die spezielle Bristol-Behandlung.

„Bristol“ ist die gelungene Neueinordnung eines in die Jahre gekommenen Genres. Wie sie das Originalmaterial zurück in die Sechziger beamen und schließlich ins Hier und Heute transformieren, das hat wirklich was. Warum ist auf diese Idee noch keiner vorher gekommen? Das fragt man sich immer, wenn etwas ebenso durch Einfachheit wie Originalität funktioniert. Die Zukunft des TripHop liegt in den Sechzigern.

Anspieltipps:

  • Safe From Harm
  • Roads
  • Widows By The Radio
  • It Hurts Me So
  • All Is Full Of Love

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