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Tocotronic Tocotronic (Das Rote Album)


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Aus der Revolte wird Gelassenheit.

Hi, Freaks und Freakinnen! Dass über Tocotronic so ziemlich alles gesagt wurde, sollte mittlerweile klar sein. Es muss an dieser Stelle reichen, dass der Dirk, der Jan, der Arne und der Rick 22 Jahre dabei sind und ihr elftes Album raushauen. Die Folgen? Der behornbrillte Feuilletonist wichst sich ins Cordhöschen, Intellektuelle kapern mit auswendig gelernten Toco-Parolen den Dancefloor und ganz Musik-Deutschland darf sich über eine feste Instanz freuen, die eine Mindestqualität verspricht, welche seine sonstigen ach so hoch gelobten Musiker nicht mal am Höhepunkt ihres Schaffens erreichen werden. An dieser Stelle könnten nun Ausführungen kommen, warum Tocotronic so groß und so wichtig für die deutsche Musiklandschaft sind, wie großartig es doch wäre, wenn sich mehr Bands und Interpreten ein Beispiel an ihnen nehmen könnten, die Pioniere der Hamburger Schule aber gleichzeitig einzigartig und unkopierbar sind. All dies sind alte Hüte, die man sich immer dann aufsetzt, wenn ein neues Album der Hamburger veröffentlicht wird. Das gilt natürlich auch für „Das rote Album“, wobei es sich nach langer Zeit wieder anders anhört als seine Vorgänger.

Musikalisch bleiben Tocotronic natürlich trotzdem Tocotronic, wobei sich die vier Jungs lieber wieder am „einfacheren“ „Wie wir leben wollen“ (2013) orientieren und auf die düsteren, beinahe schon progressiv anmutenden Kompositionen von „Kapitulation“ (2007) und „Schall und Wahn“ (2010), verzichten. „Tocotronic (Das rote Album)“ ist ungewohnt leichtfüßig, straight und unbeschwert. Oder schlicht und ergreifend: poppig. Ob das den Hörern gefällt, sei dahin gestellt. Für die Band scheint es die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Zumindest lässt sich erahnen, dass sie Lust darauf gehabt haben muss. Und vielleicht brauchte sie nach langer Zeit einfach mal wieder ein Gegengewicht. Ihr rotes Album wird so zu einer kunterbunten Reise durch die Pop-Geschichte, wartet mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen auf und bettet diese im bekannten Stil ein.

Andere Trademarks sind ebenfalls geblieben. Da lauscht man gebannt den Weisheiten von Lowtzows Dirk und sucht nach Leitfäden und Parolen für seine eigene (längst vergangene?) Jugend und jede Sekunde könnte eigentlich eine Punchline kommen, die sich als zitierbar erweist. Tocotronic haben da immer noch Narrenfreiheit (und diese haben nicht mal Blumfeld, nur so als Beispiel): Texte, welche bei anderen Bands peinlich, kitschig und dämlich wären, genießen durch die (Selbst-)Ironie von Lowtzow wie immer Immunität. So richtig ernst nehmen will es schließlich keiner und gleichzeitig kommt einem Tocotronic auch auf „Das rote Album“ wie eine bierernste Rettung der deutschen Musik vor - man kennt das ja. Ist es nicht mittlerweile extrem langweilig, dieser Band mit den Ansprüchen eines selbstgerechten Feuilletonisten gerecht werden zu wollen? Trash und Humor, Weisheit und Blödsinn sind eine Einheit und wie immer wird das Auge permanent gezwinkert: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, irgendwie auch heute noch, und gleichzeitig sind Tocotronic eher der gemütliche Abend mit den Drei ??? als eine Tour durch Szenekneipen.

Flotte Nummern wie das psychedelisch anmutende „Sie irren“, die weniger gelungene Single „Die Erwachsenen“, „Rebel Boy“, „Zucker“ oder „Prolog“ stehen im Kontrast zu ruhigeren der Marke „Solidarität“ und „Spiralen“. Wie auf „Wie wir leben wollen“ bringen es Tocotronic lieber auf den Punkt und präsentieren ihre zwölf Kompositionen kurz, knapp, doch gewohnt verspielt. Da gibt es das versöhnlich-kitschige „Haft“, aber auch den nur so vor Melancholie sprühende Albumabschluss in Form von „Jungfernfahrt“ oder „Diese Nacht“. Insgesamt ist „Das rote Album“ ein weiterer Zündstofflieferant für Liebhaber Tocotronics. Hauptsächlich wird es von einer beinahe vergessenen Leichtigkeit durchströmt und geht sparsam mit der Melancholie der letzten Alben um. Bis auf Ausnahmen jedoch kann der gezielte Schritt zurück auch als Dämpfer von den Hörern gesehen werden, die sich an die jüngeren (und definitiv starken) Tocotronic gewöhnt haben und eine gewisse Schwermut erwarten. Alte Hasen erfreuen sich dagegen endlich wieder an einem gelungenen Pop-Album, welches die „erwachsenen“ Tocotronic nicht nur mit einer überzeugenden Gelassenheit kombiniert, sondern sich auch rundum in der Diskographie platzieren kann, ohne dabei zu heterogen zu klingen oder sich sklavisch an die Regeln zu halten, wie ein Album der vier Hamburger zu klingen hat. „Das rote Album“ ist sicherlich nicht ihr bestes, aber gewohnt gut. Und das erwartet man von dieser festen Instanz aus Hamburg ja auch.

Anspieltipps:

  • Rebel Boy
  • Chaos
  • Spiralen
  • Sie irren
  • Jungfernfahrt

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