Muse - Drones - Cover
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Muse Drones


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 53 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Konzeptalbum über Drohnen für Drohnen, gespielt von Drohnen.

In ihrer über 20-jährigen Karriere haben Muse schon fast alles probiert. Exaltierten Gesang zur Unterstreichung emotionaler Befangenheit, orchestrale Dramatik für die spezielle Note oder Inkorporation elektronischer Trends zum Beweis der Anpassungsfähigkeit an den Puls der Zeit sind nur ein paar der Beispiele, die man auf Alben wie „Origin Of Symmetry“ (06/2001), „Absolution“ (09/2003) oder „The 2nd Law“ (09/2012) zur Unterstreichung der Genialität des Trios, bestehend aus Matthew Bellamy (Gesang, Gitarre), Christopher Wolstenholme (Bass) und Dominic Howard (Schlagzeug), vernehmen durfte. Dieser durchaus zu begrüßende Facettenreichtum ist auch der Grund, aus dem ein neues Album der Briten bei Fans und Kritikern trotz einiger weniger gut geglückter Ideen („Black Holes And Revelations“ aus Juni 2006) herbeigesehnt wird, wie die Ankunft des neuen Messias. Um die mittlerweile auf 15 Millionen verkaufte Alben angewachsenen Umsatzzahlen nicht stagnieren zu lassen, haben sich Matthew & Co. für ihr siebentes Werk etwas ganz Spezielles ausgedacht und legen erstmals in der Geschichte der Band ein Konzeptalbum vor.

Moment, was ist mit der Kernessenz hinter Platten wie „Black Holes And Revelations“ über korrupte Politiker oder „The 2nd Law“, wo es um das zweite Gesetz der Thermodynamik geht? Ach was, alles Mumpitz! „Drones“ ist „the real deal!“ „Alles begann mit dem Entdecken von „Kill Decision”, einem Technothriller von Daniel Suarez, sowie Matts Bücherliste, darunter Jon Ronsons „The Psychopath Test” sowie „Predators: The CIA's Drone War On Al Qaeda” des Journalisten Glyn Williams, über die Effizienz von Kampfdrohnen im Verlauf der vergangene Dekade“, weiß der Pressetext zu berichten und wenn man sich näher mit den Hintergründen der genannten Bücher beschäftigt, klingt die Ausgangslage für ein Konzeptalbum wahrlich nicht verkehrt. Darüber hinaus legten Muse ihren Fokus dieses Mal nicht auf die unendlichen Möglichkeiten, die sich in einem Studio bieten, sondern konzentrierten sich voll und ganz auf die heilige Dreifaltigkeit ihres Selbst und gingen dafür „back to the roots“, indem sie wesentlich rockiger und direkter klingen wollten.

Das haben sie auch definitiv geschafft und wer ein Album mit einem packenden Rhythmus beginnen lässt, wie er in „Dead inside“ durch die Boxen bollert, und alles mit einem gregorianischen Choral zu Ende bringt, wo nur Matthew sein Leid im Kanon klagen darf („Drones“), der hat nicht nur eindeutig einen an der Waffel, sondern schöpft durch seinen exponierten Status im Rocksektor ordentlich aus dem Vollen und zeigt dabei allen anderen Möchtegern-Progrock-Truppen den Stinkefinger. Ja, Muse sind auch auf Album Nummer sieben eine Klasse für sich, selbst wenn dies nicht immer bedeutet, dass man über die aktuelle Entwicklung des Dreiers glücklich sein muss. So legt Herr Bellamy in „Psycho“ beispielsweise eines seiner begnadeten Gitarrenriffs ins Ohr des Hörers, damit dieser sofort gefangen mit den Füßen zu wippen beginnt, und führt die Nummer nach knapp fünf Minuten vorbei an Pink Floyds „Money“ und Tame Impalas „Elephant“ zu einem saucoolen Finale.

Anschließend sorgt ein nett gemeinter Angriff aufs Formatradio mit einem Selbstplagiat bei „Starlight“(„Mercy“), bevor sich die mächtig aufbäumenden Tracks „Reapers“ und „The handler“ bei der Dringlichkeit und Freiheit der Anfangsphase des Trios bedienen, in der Glanzstücke wie „Citizen erased“ und „Showbiz“ entstanden sind. Hier sind die rohe Energie und Kraft zu spüren, die wie ein perkussiver Donnerkeil über einen hereinbrechen und alles im Umfeld des Hörers zu verschlingen versuchen. Bellamys stimmliche Höhenflüge gehören da freilich genauso dazu wie unvorhergesehene Falltüren, die mal ins Nichts führen, mal in atemberaubenden Gitarrensoli gipfeln. Doch dann schweifen die drei Herrschaften wieder ins gemächliche Pop-Land ab und servieren in „Defector“ eine Musical-Endlosschleife als Dreh- und Angelpunkt, mischen in „Revolt“ The Killers‘ „All these things that i´ve done“ mit Queens „The show must go on“ und gesellen sich in der anfänglich gut gemeinten Ballade „Aftermath“ durch ein unsägliches Endstück zu den Hintergrundbeschallungen der Spendenaufrufe in der Weihnachtszeit.

Diese Kritikpunkte könnten mit einem Schlag zu Staub zerfallen, denn im Longtrack „The globalist“ legen Muse ihre komplette Extravaganz in zehn Minuten auf die Waagschale. Angefangen bei einem Ennio Morricone-Auftakt, gefolgt von einer sanften Überleitung durch Matthew und daran anschließender, am ehesten an „Knights of cydonia“ orientierender Aufbruchsstimmung, platzt der Song mit unerbittlichem Gestus aus allen Nähten, nur um von Edward Elgars „9. Enigma-Variation“ wieder standesgemäß durch klassische Gefilde zum Ausgang begleitet zu werden. Klingt ungemein spannend, wirkt durch den szenenhaften Aufbau allerdings etwas uninspiriert und überhastet. Übrigens ganz im Gegensatz zu dem restlichen Gebärden auf „Drones“. Hier haben Matthew, Christopher und Dominic einen gelungenen Bogen geschaffen, der nicht nur durch eine an „Full Metal Jacket“ erinnernde Bootcamp-Sequenz („(Drill sergeant)“), sondern auch eine Rede John F. Kennedys über den Kommunismus („(JFK)“) zusammengehalten wird und abzüglich der angesprochenen Makel und wiederkehrenden Motive bestens unterhält. „Drones“ ist somit sicherlich nicht das stärkste Album in der Geschichte der drei Briten, aber wenn es um den Unterhaltungswert geht, auf jeden Fall ganz vorne.

Anspieltipps:

  • Psycho
  • Reapers
  • The Handler

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