Benjamin Richter - The Grand Momentum - Cover
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Benjamin Richter The Grand Momentum


  • Label: Sevenone Music/Sony Music
  • Laufzeit: 45 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Pianist Benjamin Richter möchte die Seele von melancholisch veranlagten Menschen streicheln, betont dabei aber auch seinen Hang zu Pop und Rock.

Benjamin Richter ist vom äußeren Eindruck her ein provozierender Pianist. Zumindest vermutet man im Klassik-Umfeld nicht unbedingt eine solche Erscheinung: Statt Smoking trägt er auf der Cover-Abbildung seiner ersten CD nur ein T-Shirt und seine Tattoos und Piercings sind auffällig. Richter betont damit seine Extravaganz in der Szene. Den Klavierunterricht habe er als Jugendlicher geschmissen und erst später das wirkliche Potential des Instruments und seine Berufung erkannt, erklärt er. Seine offensichtlichen Vorbilder sind Chopin, Beethoven und skandinavische Komponisten wie Edvard Grieg. Von ihnen wird er durch die Schwermut und Sehnsucht in der Musik inspiriert. Aber auch Rock- und Pop-Musik sind ihm wichtig. Er schätzt deren Intensität und Direktheit. In seiner Musik versucht er, alle diese Aspekte miteinander zu verbinden. Dazu passt, dass Richter jetzt häufiger beim Sender PRO7 mit einem Mashup aus Depeche Mode´s „Enjoy The Silence“ und Beethovens „Mondscheinsonate” zu hören ist („Enjoy The Silence Sonata“).

Für den Pianisten ist Musik der Ausdruck des Klimas der Seele, denn sie erzählt, was ihn bewegt. Je nach Gefühlsregung soll sie alle emotionalen Schattierungen abdecken. Sein Hauptaugenmerk liegt bei leisen, schmeichelnden Passagen, denn er verfolgt das Credo: „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein“. Das ist ein Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo („Der Glöckner Von Notre Dame“) und für Benjamin ein Leitspruch, mit dem er verbindet, sich den bedrückenden Gefühlen hingeben zu können, ohne von ihnen beherrscht zu werden. Als Gegenpol dazu darf es auch mal heftiger zu Werke gehen. Diese Steigerung der Intensität wird vom Klavier ausgelöst und durch flankierende Rhythmusinstrumente verstärkt.

Benjamin Richter erzeugt Klänge, die wahrscheinlich viele romantisch veranlagte Frauenherzen höher schlagen lässt, denn das ist der Stoff, mit dem man Herz-Schmerz-Fernsehspiele untermalen kann. Neben dem Piano hört man hauptsächlich noch künstliche Streicher als Weichzeichner und für die Erhöhung der Dramatik etwas Schlagwerk. Gerne wird auch eine Kombination von handfesten Klaviertönen mit schwellendem Synthesizer-Schaum verwendet. Die Stimmung wird oft langsam und pathetisch aufgebauscht, um dann wieder in gefühlvolle Schwärmerei übergeleitet zu werden.

Stilistisch kommen grundsätzlich moll-lastige Soundtrack-artige Figuren zum Einsatz, die mit Elementen der Klassik verbandelt werden. Richter macht darauf aufmerksam, dass in seiner Musik auch Heavy-Metal Elemente eine Rolle spielen. Das darf man aber nicht so wörtlich nehmen. Vermutlich meint er die aggressiveren, lauten Tonfolgen, die aber für den Rock`n`Roll-verwöhnten Hörer nach bewährten Mustern der Klassik klingen und kein rebellisches Potential haben. Der Pianist stellt fest, dass auch einige klassische Komponisten Grenzgänger waren, die mit strengen Traditionen gebrochen und neue Wege beschritten haben. Das ist eine Haltung, die man trotz der guten Vorsätze bei ihm vermisst.

Er produziert vielmehr einen Stoff, der Hörern von Oonagh oder Link Gregorian gefallen könnte. Denn es werden pseudo-intellektuelle Klänge produziert, die letztlich nur emotionale Weichmacher sind. Hier gibt es keine Risiken, alles läuft wohlgeordnet, überschaubar, brav und nach dem gleichen Schema ab. Das einzig Subversive bleibt die Aufmachung des Künstlers. Er wirkt zwar unkonventionell, schielt aber mit seiner Musik auf die positive Zustimmung der Mainstream-Hörer, die keine Experimente hören möchten. Es kollidieren hier keine Welten und es werden keine Stile fusioniert, wie die Werbung für dieses Produkt behauptet. Der Ablauf ist sehr gesittet, die impulsiven Bestandteile kommen nicht überraschend, sondern klingen vertraut, nicht avantgardistisch. Das riecht nach einer billigen Marketingstrategie: Was muss getan werden, um das Interesse von Klassik-Fans auf jemanden zu richten, der optisch nicht in das gewohnte, etablierte Klassik-Hörer-Schema passt? Und wie mobilisiert man gleichzeitig Pop-Hörer mit Hang zu Klassik-nahen Klängen wie Prog-Rock oder niveauvolle Film-Musik? Es muss ein neuer David Garrett gefunden werden, dann klingelt die Kasse. Anstatt wirklich richtungweisend zu sein, bedient Benjamin Richter den sowieso schon übersättigten Markt der unverbindlichen, manipulativen Klänge zwischen Klassik und New Age.

Anspieltipps:

  • The Grand Momentum
  • Enjoy The Silence Sonata

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