Kwabs - Love + War - Cover
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Kwabs Love + War


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 46 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Brite mit der großen Soulstimme ist am besten, wenn die Musik ihn begleitet und nicht zu erdrücken beginnt.

Kwabena Sarkodee Adjepong alias Kwabs hätte zur Erneuerung des Pop beitragen können. Mit seiner unglaublich souligen Stimme und seinem charismatischen Auftreten hat der 25-jährige Brite mit ghanaischen Wurzeln schon Jahre vor seinem Debütalbum „Love + War“ auf sich aufmerksam gemacht. Anfänglich als Leadsänger beim National Youth Jazz Orchestra und in weiterer Folge als Jazz-Studierender an der Royal Academy Of Music war es vor allem die Verbreitung seiner Coverversion von Corinne Bailey Raes „Like a star“ über das Videoportal Youtube, die sämtliche Internetleitungen zum Schmelzen brachte. Er bekam einen Plattenvertrag bei Atlantic Records und nach zwei EPs stürmte die Single „Walk“ die Charts (Platz 1 in Deutschland, Platz 3 in Österreich und Platz 4 in der Schweiz).

Maßgebend für den großen Erfolg war auch die Beteiligung am Soundtrack zum alljährlichen EA-Fußballspiel FIFA und die Verwendung des Songs in den BBC-Trailern zu den britischen Unterhauswahlen 2015. Obwohl sich eine Plattenfirma bei einem derart regen Interesse für einen Künstler meist nicht zweimal bitten lässt und unverzüglich ein Album in die Läden stellt, hieß es für Kwabs erst einmal abwarten und Tee trinken. „Love + War“ wurde mehrmals verschoben, es musste noch einiges abgeändert werden und der Feinschliff benötigte mehr Zeit. Nach ein paar Durchgängen fragt man sich allerdings, was hier die längere Wartezeit gerechtfertigt hat, denn rein musikalisch ist das Debüt ein heilloses Durcheinander.

Zu Beginn ist jedoch noch alles in Ordnung. Der Titeltrack eröffnet fulminant mit dunklen Electrobeats und das anschließende „Fight for love“ entführt den Hörer in die Welt des Disco-Soul. Während man sich aber in Sicherheit wiegt und weitere aufregende Songs mit ähnlicher Verortung erwartet, nimmt die Produktion nach und nach das Zepter in die Hand und erschlägt mit einer Wall of Sound, die dem Bariton von Kwabs keine Luft zum Atmen lässt („My own“, „Look over your shoulder“). Zwischendurch zeigt das emotionale, wesentlich minimalistischere „Perfect ruin“ wie man mit dieser Soulstimme punkten kann und auch „Forgiven“ präsentiert sich als treibender Electropop-Song von der besten Seite, bevor das Spiel mit „Layback“ wieder von vorne beginnt und ab „Make you mine“ in eine gänzlich unvorhersehbare Richtung abdriftet.

Danach werden nämlich nicht nur ziemlich käsige 80er-Jahre-Beats aufgewärmt, gegen die Kwabs ansingen muss (und zum Glück obsiegt), sondern auch die Abgründe der 90er-Jahre-Abspannfilmmusik aufgerissen, die sich als fürchterlicher Fremdschäm-Moment entpuppen. Es ist zwar okay, dass den Fans ein besonders breites Portfolio angeboten werden soll, mit dieser lächerlichen Konsequenz muss man, selbst wenn Kwabs stimmlich überzeugt, gewiss nicht vorgehen. Zusammen mit dem schmalzigen Abschluss „Cheating on me“, wo der Engländer gegen ein schwülstiges Echo und Gospel-Versatzstücke ankämpfen muss, die von der Niederkunft des neuen R. Kelly munkeln, manifestiert sich langsam die Absicht hinter dem wirren Schauspiel. Dem 25-Jährigen wurde einfach noch kein fester Platz in der Musikszene zugestanden und auf diese Art und Weise soll kategorisch die Zugehörigkeit eruiert werden. Eigentlich ist das aber völlig unnötig, denn wie sein erstes Youtube-Video zeigt, ist Kwabs am besten, wenn seine Stimme im Vordergrund steht und die Musik ihn lediglich unterstützt und nicht erdrückt oder aufgrund von Lächerlichkeiten im Vordergrund steht.

Anspieltipps:

  • Walk
  • Forgiven
  • Love + War

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