Benjamin Clementine - At Least For Now - Cover
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Benjamin Clementine At Least For Now


  • Label: Caroline/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 51 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Er ging durch die ganz harte Schule als Musiker und Performer in den Straßen von Paris. Jetzt erntet der Londoner den verdienten Lohn dafür.

Benjamin Clementine (26) wurde 1988 als fünftes Kind seiner ghanaischen Eltern im Süd-Londoner Stadtbezirk Crystal Palace geboren. Er wuchs bei seiner Großmutter in Edmonton im Norden Londons auf und hatte eine schwere Kindheit. Er wurde u.a. wegen seiner Hautfarbe schikaniert und von seinen Mitschülern gemobbt, was er mit häufigem Schulschwänzen beantwortete. Er flüchtete sich in die Welt der Literatur, Kunst und Musik, befasste sich u.a. mit der Dichtung von William Blake und der Bibel und bereicherte damit seinen Wortschatz.

Nachdem Clementine sein Studium der Rechtswissenschaften an die Wand gefahren und sich mit seinem Mitbewohner verkracht hatte, brach er seine Zelte in London ab. Er flüchtete nach Paris, wo er mehrere Jahre als Obdachloser lebte, bis er seinen Lebensunterhalt als Straßenkünstler (er spielte z.B. in der Pariser Métro Songs auf der Gitarre) sowie Pianist in Bars und Hotels bestreiten und sich eine Unterkunft in einem Wohnheim im Pariser Künstlerviertel Montmartre leisten konnte. Er begann eigene Songs zu schreiben und vorzutragen und wurde von einem A&R-Manager entdeckt, der ihn förderte und einen Vertrag beim französischen Label Barclay Records besorgte.

Nachdem in den Jahren 2013 und 2014 jeweils eine EP von Benjamin Clementine auf den Markt kam, steht in diesem Jahr sein Longplay-Debüt an, das in vielen Ländern Europas bereits erhältlich ist und nun auch in Deutschland offiziell erscheint. „At Least For Now“ wurde in London zusammen mit dem Produzenten Jonathan Quarmby (u.a. Ziggy Marley, Pretenders, Eagle-Eye Cherry, Sugababes) aufgenommen und bündelt den Soul und Jazz der großen amerikanischen Meister mit den Pop-Einflüssen seiner englischer Heimat und mit der auf ihn abgefärbten Chanson-Kultur Frankreichs.

Daraus resultiert ein Album, das alles andere als gewöhnlich ist. Clementines virtuose Vermischung von Soul, Jazz, Klassik und Pop zu einem eigenständigen Stil ist in der Vergangenheit durchaus schon vorgekommen (vergleiche: Rufus Wainwright), aber in der theatralischen Form des Briten doch irgendwie neu. Mit einer Stimme, die ihre ghanaischen Wurzeln nicht verheimlichen kann und in Sachen Ausdruck an Antony Hergarty (Antony And The Johnsons) erinnert, liefert der Songschreiber einen tiefen Einblick in seine Seele, die zwischen seinen Erfahrungen in London und Paris hin- und hergerissen scheint.

Der beeindruckende Seelenstriptease beginnt mit dem hypnotisch-meditativen Opener „Winston Churchill’s boy“ und führt über musikalische Kleinode wie „Quiver a little“, „Cornerstone“ und „Gone“, in denen Benjamin Clementine immer wieder seine Jugend thematisiert und verarbeitet („Many people said oh I’m lost, I’m a bastard. Those same people pray for the best, for their own brothers, so why would I quiver but quiver a little then burst in laughter“). Dazu nutzt er dramatisch-schwere Piano-Akkorde („Then I heard a bachelor’s cry“), sehnsüchtige Streicher („London”) oder auch überraschende Dubstep-Rhythmen („Condolence”). Er wechselt zwischen sanfter Kammermusik („The people and I“) und nervösen Streichern im Filmmusik-Stil („Nemesis”).

„At Least For Now“ ist ein beeindruckendes Debütalbum, in dem Leib und Seele des Künstlers stecken. Hier klingt nichts aufgesetzt, überproduziert oder trendanbiedernd. All die Jahre der Entbehrungen, des Leidens und die Erfahrungen vom Leben auf der Straße, sind in ein Werk geflossen, das sich wohltuend von der Masse abhebt und dabei Kunst in einer Weise aufbereitet, wie es heute kaum noch üblich ist. Vor dieser Leistung müssen selbst die großen Meister des US-Soul den Hut ziehen.

Anspieltipps:

  • Nemesis
  • Condolence
  • Cornerstone
  • The people and I
  • Winston Churchill’s boy
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