Tribulation - The Children Of The Night - Cover
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Tribulation The Children Of The Night


  • Label: Century Media/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 56 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Ihr wolltet schon immer wissen, wie die perfekte Fusion aus Watain, Opeth und Morbid Angel klingt? Vorhang auf für „The Children Of The Night“!

Schweden hat wieder zugeschlagen und diesmal wird es unheimlich. Nachdem sich das kurz nach der Jahrtausendwende gegründete Thrash Metal-Gespann namens Hazard, dessen bevorzugte Themen Blut, Gewalt und untotes Fleisch waren, bereits 2004 wieder in Wohlgefallen auflöste, beschlossen ein paar der Herrschaften, mit leicht veränderter Ambition an anderer Ort und Stelle weiterzumachen. Tribulation war geboren und nach einer ungestümen Demo („The Ascending Dead“ aus 2005) und einer hochgelobten EP („Putrid Rebirth“ aus 2006) verblüffte der furiose Mix aus progressivem Death Metal mit dezent geschwärztem Korpus und Gruselatmosphäre im Erstlingswerk „The Horror“ (01/2009) Kritiker und Fans gleichermaßen. Dieser Kantersieg war Johannes Andersson (Gesang, Bass) und seiner Truppe jedoch nicht genug und mit „The Formular Of Death“ (03/2013) entschied man sich, verstärkt an die 70er-Jahre erinnernde Prog-Anleihen einzubinden und einen Spagat zwischen den drei Genres zu bewerkstelligen.

Dieser gelang auf dem 76 Minuten langen Werk schon ausgesprochen gut, allerdings schlich sich ab und zu ein uninspirierter Part ein, der so manches Stück unnötig in die Länge zog. Zwei Jahre später haben Andersson und seine aktuellen Mitstreiter Adam Zaars (Gitarre), Jonathan Hultén (Gitarre) und Jakob Ljungberg (Schlagzeug) aus ihren Fehlern gelernt, die Zutaten feiner aufeinander abgestimmt, kompakter gebündelt und mit einem Gespür für Natürlichkeit und Authentizität auf ihren dritten Longplayer „The Children Of The Night“ gepresst. Wer einen Blick auf ein Foto des Vierergespanns wirft, kann sich überdies schon ein ungefähres Bild davon machen, wie das zehn Stücke umfassende (und soviel darf schon verraten werden) Meisterwerk klingen mag. Drei Herren, die offenkundig aus einer früheren Epoche stammen und wohl gerade den Summer Of Love hinter sich gebracht haben, sitzen oder stehen neben einem dezent von Corpsepaint bedeckten Andersson, dessen fauchendes Gekrächze trotz der übrigen musikalischen Ausrichtung stark zur Prägung von Tribulation beiträgt.

Es ist fast so, als würde man Opeth, Morbid Angel und Watain in einen Topf werfen, überflüssige Ideen wegschneiden und sich einfach auf das Wesentliche dieser drei Gruppierungen konzentrieren. Das soll jetzt allerdings nicht heißen, dass Tribulation Patchwork betreiben ohne eigenständig zu agieren, denn vielmehr möchte man beim Genuss von „The Children Of The Night“ meinen, Opeth & Co. hätten sich hinsichtlich der völlig natürlichen und unbekümmerten Darbietung des Vierers hier bedient und nicht umgekehrt. Wie dem auch sei, wer auf der Suche nach einem Album mit dem gewissen Etwas ist, dessen Erlebnis man kaum in Worte fassen oder sonst wie beschreiben kann, der muss auf alle Fälle zu diesem Prachtexemplar im Portfolio des Dortmunder Heavy Metal-Labels greifen. Schon der völlig gespenstische Einstieg mit Hammond Orgel, Cello und Klavier in „Strange ways beckon“ packt sofort und lässt eine Gänsehaut über den gesamten Körper fahren und obwohl es den schwarzmetallischen Gesangsstil gar nicht bräuchte, um für einzigartige Impulse zu sorgen, wirkt es doch so, als ob beseelter Seventies-Prog schon immer mit dieser Mischung aus Krächzen und Schreien ausgeübt wurde.

Natürlichkeit ist jedenfalls das ganz große Schlagwort, wenn man eine der zehn Kompositionen beschreiben möchte. Ausgestattet mit einer Produktion, die das Vierergespann direkt ins Wohnzimmer holt, ohne jegliche Zugeständnisse zu machen, fegen die stimmungsvollen Stücke aus den Boxen, dass es eine wahre Freude ist, ihnen nur einmal zu lauschen anstatt große Analysen oder Farbverläufe zu definieren. Hier ist einfach alles auf seinem Platz und wenn eine zum Niederknien schöne Melodie wie in „Melancholia“ die Gehörgänge beglückt, möchte man am liebsten vor Freude weinen. Ja, „The Children Of The Night“ ist kein gefühlskalter Highspeed-Brocken, der einem das Fleisch von den Knochen reißt, sondern ein behutsam ausgerollter Klangteppich, dessen Spielfreude und detailliert ausgearbeitete Struktur unweigerlich in seinen Bann zieht. Egal ob es sich dabei um einen triumphalen Marsch handelt („Winds“), punkige Unschuld in einen kraftvollen Doom-Walzer eingreift („Själaflykt“) oder wirbelnde Drums und Bluesgitarren einen tiefen Kniefall vor anderen Gruppierungen der 60er- und70er-Jahre wie Deep Purple, Black Sabbath oder Led Zeppelin machen („Motherhood of god“, „Holy libations“). Die dritte Stufe in der Evolution von Tribulation ist von einer Selbstverständlichkeit und allumfassenden Wärme geprägt, die selbst Bands, die den Blick über den Tellerrand hinaus als Lebensinhalt sehen, nie erreichen werden.

Urplötzliche Falltüren wie in „In the dreams of the dead“, bei denen man erst nach einigen Durchgängen vollständig verstanden hat, was einem gerade widerfahren ist, oder der atmosphärisch dichte Ausflug „Strains of horror“, der weder vor gruseligen Orgelklängen, vorbei huschendem Flüstergesang, noch vor einer majestätischen Bluesrock-Explosion à la The Allman Brothers Band zurückschreckt, sind weitere Indizien, dass Tribulation nicht nur einfach verschiedene Ideen zusammengeklaubt haben und ihren Namen darunter schreiben, sondern schlicht und ergreifend bereits bestehende Ideenkomplexe für ihre eigenen Zwecke adaptieren und zu einer ganz eigenständigen und großartigen Erfahrung formen. Am Ende des aufbegehrenden Abschlusses „Music from the other“, der als langsam heranrollende Doom-Maschine einen kurzen Ausflug in stampfende Industrial-Gefilde einer Mordid Angel-Komposition macht, beendet ein fulminantes Trommelgewitter die Szenerie und hinterlässt den mit einem breiten Grinsen vor dem Abspielgerät sitzenden Hörer mit nur einem Wunsch: Wiederholung!

Anspieltipps:

  • Själaflykt
  • Melancholia
  • Holy Libations
  • Strains Of Horror
  • In The Dreams Of The Dead

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