Torres - Sprinter - Cover
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Torres Sprinter


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Torres macht's noch mal. „Sprinter“ übertrifft das starke Debüt mit teilweise beängstigender Qualität.

In Deutschland brüsten wir uns ganz gerne damit, dass die Weltsprache Englisch längst zum Repertoire des deutschen Bürgers gehört. Das stimmt so allerdings nicht. Viel englischsprachige Musik wird hierzulande immer noch in erster Linie über Melodien wahrgenommen. Wenn Alben sich tiefen und abstrusen Themen hingeben, erfahren Hörer dies meistens durch ihre bevorzugten Feuilleton-Seiten. Diese können sich seitenweise darüber auslassen, was Hörer alleine kaum noch aus eigener Initiative entdecken.

Torres' Zweitwerk „Sprinter“ könnte zu einem solchen Album werden. Das wird aufgrund der allein schon akustisch starken Songs nur wenige stören. Auf den ersten Hördurchgang zumindest. Denn die junge Mackenzie Scott hat nicht nur eine Stimme mit Charakter und ein Talent für großartige Rockmusik, sondern ist ein Troubadour alter Schule. Sie ist eine Geschichtenerzählerin, die sich auf „Sprinter“ mit Verlust in allen Belangen auseinandersetzt. Von herzzerreißendem Schmerz der romantischen Sorte („Ferris Wheel“) und fast schon kindlich verstörter Schuld gegenüber den Indianern („Cowboy Guilt“) begibt sich die junge Frau in persönliche und religiöse Abgründe („The Exchange“ und „Son, You Are No Island“), die manchmal kaum noch zu unterscheiden sind.

Torres öffnet offenen Ohren für die englische Sprache mit ihrem Album unzählig viele Türen. Doch ihre durchweg starken Texte stehen keinesfalls allein. Der bodenständige Rock spinnt geradlinige Stampfer („Strange Hellos“) oder Mid-Tempo-Hymnen („New Skin“ und „Sprinter“), die auch nach dutzenden Hördurchgängen nichts an ihrer Power verlieren. Wie die auf den Punkt gebrachte und nicht unnötig aufgebauschte Musik auf Scotts ausdrucksstarke Stimme trifft, sorgt für ein unheimliches Kribbeln im Rückenmark.

Diese Lieder allein sind schon das Eintrittsgeld wert, doch die Tiefgründigkeit des Albums wird erst in den Singer/Songwriter-Stücken auch für die Letzten offensichtlich. „Son, You Are No Island“ ist der eindringliche Höhepunkt dieser Tracks, welcher die Symbolik des Texts, die Stimme und die in gewisser Weise Furcht und Ehrfurcht erzeugende Musik zu einem Kunstwerk vereint. In Anbetracht solcher Großtaten fällt es kaum ins Gewicht, dass „Cowboy Guilt“ und „The Exchange“ als alleinstehende Titel nicht richtig funktionieren.

„Sprinter“ ist eines dieser formidablen Alben geworden, die nur in Relation kritisiert werden können. Dass „The Harshest Light“ kein Meisterwerk wie „Strange Hellos“ geworden ist, heißt letztlich auch nicht mehr, als dass der Titel immer noch richtig stark ist. Die Scheibe hat keine kleineren Schwächen, sondern ist mit einer Vielzahl an Höhepunkten gespickt. So und nicht anders sollte dieses hervorragende Album verstanden werden, welches noch in Jahren als Referenz für andere Rockmusiker und musikalische Geschichtenerzähler der bodenständigen Sorte herhalten kann.

Anspieltipps:

  • Strange Hellos
  • Son, You Are No Island
  • A Proper Polish Welcome

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