Love Amongst Ruin - Lose Your Way - Cover
Große Ansicht

Love Amongst Ruin Lose Your Way


  • Label: Ancient B Records
  • Laufzeit: 45 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein ordentliches Album, das Brian Molko in tiefste Selbstzweifel stürzen sollte.

Genres sind wie Insekten: Aussterben werden die einzelnen Vertreter wohl nie, aber es hängt doch sehr vom Zeitpunkt ab, welche Spezies einem vermehrt über den Weg läuft. Alternative Rock, vor einigen Jahren mit Ablegern wie Stone Sour und Placebo so ganz und gar en vogue, wurde in der jüngeren Vergangenheit zusehends in den Hintergrund gedrängt und erlebt in diesen Monaten sein Comeback. Im Sommer kommen die Viecher eben doch wieder hervor, um mal in der Insekten-Metapher zu bleiben.

Dabei plagen sich Bands des Genres mit denselben Problemen herum wie Vertreter aller anderen Stilrichtungen. Es gibt nichts mehr zu erfinden, ehemals kreative Pfade und Windungen sind erkundet und wurden von den Hipstern dieser Welt mehr als einmal platt gelatscht. Wenn eine Band im Jahr 2015 ein mehr oder weniger klassisches Alternative Rock- Album auf den Markt wirft, haut das niemanden mehr vom Hocker. Angenehm an Love Amongst Ruin: Den Hörer beschleicht zu keinem Zeitpunkt dieses ekelhafte Gefühl, die Band würde sich anbiedern und versuchen kreative Bäume auszureißen, die tatsächlich schon vor vielen Jahren abgestorben sind. Keine Fremdscham, keine gescheiterten Experimente.

Verwundern kann das nicht. Fronter Steve Hewitt hat das Business verstanden und lieferte sein Karrieremeisterstück im Jahr 2007 ab, als er - wenn auch nicht ganz freiwillig - die Drums bei Placebo aufgab und damit gerade noch rechtzeitig den Absprung schaffte, bevor Molkos Mannen aus ihrem selbstgeschaffenen Musikhimmel stürzten und mit zwei kläglichen Alben hart auf dem Boden der irdischen Rockbands aufschlugen. Hewitt prägte Placebos Großtaten, trug maßgeblich zu deren jahrelanger (und über die Maßen gerechtfertigter) Beweihräucherung bei und beschloss auf dem letzten Gipfel „Meds“ seinen eigenen Weg gehen zu wollen. Soweit alles richtig gemacht!

Nach dem selbstbetitelten Debüt „Love Amongst Ruin“ von 2010 erscheint jetzt die zweite LP von Hewitts eigener Band. Die Musik von Love Amongst Ruin rockt stellenweise klassisch alternativ vor sich hin, wirklich spannend ist das zunächst nicht. Was „Lose Your Way“ aber eine mehr als passable Existenzberechtigung verschafft sind die Schwere und Düsternis, die Songs wie „Oh God“ oder „Lose Your Way“ innewohnen. Was Hewitts Hausband in besten Zeiten mit Übersongs wie „Follow The Cops Back Home“, „Special Needs“ oder „Passive Aggressive“ so unsterblich machte und in den letzten Jahren so jämmerlich verloren ging, lebt in einer zarten und unscheinbaren Art und Weise in den Tracks von „Lose Your Way“ weiter. Gewiss, Molkos Zwitterorgan fehlt in dieser Perspektive an allen Ecken und Enden, die Kunst düstere Rocksongs mit beachtlichem Spannungsbogen zu schreiben hat Hewitt von seinem früheren Frontmann jedoch mitbekommen und so liefert er auf dem zweiten Album seiner neuen Band mehrmals sehr ordentliches Songwriting.

Wahrscheinlich tut man Hewitt böses Unrecht, seiner Ex-Band in einer Review zu „Lose Your Way“ derart viel Text zu widmen. Dennoch: Dass Placebos Ursound auch Hewitts Werke in beachtlichem Maße beeinflusst ist nicht von der Hand zu weisen und sollte Brian Molko überaus zu denken geben. Warum ist mein verdammter Ex-Drummer in der Lage, richtig ordentlichen Alternative Sound zu schreiben, wo ich selbst daran seit fast einem Jahrzehnt scheitere? Vielleicht ist „Lose Your Way“ aber auch mehr als nur ein typisches 7/10-Album auf cdstarts.de. Vielleicht hinterfragt sich Molko, verfällt in gnadenlose Selbstzweifel, besinnt sich seiner Stärken und kommt in zwei Jahren mit einem neuen Überalbum in der Tradition der früheren Werke seiner Band zurück. Vielleicht rettet Steve Hewitt mit Love Amongst Ruin 2015 nicht nur ein Stück weit den Alternative Rock, sondern auch ein wenig Placebo. Genres sterben nicht aus. Manchmal muss man nur auf deren erneuten Sommer warten.

Anspieltipps:

  • Lose Your Way
  • Oh God
  • Watch Myself

Neue Kritiken im Genre „Alternative Rock“
Diskutiere über „Love Amongst Ruin“
comments powered by Disqus