Matthew Herbert - The Shakes - Cover
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Matthew Herbert The Shakes


  • Label: Caroline/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 65 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Durchaus befriedigende, wenn auch stellenweise recht anstrengende Rückkehr des englischen Elektronik-Fricklers.

Eigentlich war Matthew Herbert nie wirklich weg. Der aus Großbritannien stammende Soundtüftler legte vor neun Jahren mit „Scale“ (05/2006) zwar sein letztes, hoch gelobtes Werk unter der Herbert-Flagge vor, er ist mit einigen Nebenprojekten wie Doctor Rockit, Wishmountain oder Radio Boy aber ein Mann der vielen Gesichter und lotet stets neue Grenzen aus. Unter eigenem Namen veröffentlichte er z.B. Anfang des neuen Jahrzehnts eine Trilogie über Soundcollagen aus dem eigenen Leben („One One“), dem Nachtleben in den Clubs („One club“) oder dem Leben eines Schweins („One pig“). Darüber hinaus arbeitete er mit Harry Gregson-Williams (Komponist für Soundtracks wie „Shrek“, „Die Chroniken von Narnia“ oder „X-Men Origins: Wolverine“) an der Musik zum Youtube-Dokumentarfilm „Life In A Day“, führte seine Oper „The Crackle“, die Goethes „Faust“ zum Ursprung nimmt, im Royal Opera House in London auf oder orientierte sich mit dem aus Bombardement-Samples aus dem Lybien-Krieg bestehenden „The End Of Silence“ an seinem 2005er Oeuvre „Plat Du Jour“, auf dem neben 3.500 apfelessenden Menschen noch etliche andere Nahrungsmittel und deren Konsumenten als Sample mit Hörspielfunktionalität zum Einsatz kommen.

Ohne Konzept begibt sich Mr. Herbert also gar nicht erst ins Studio und genauso verhält es sich auch mit seinem neuesten Werk „The Shakes“, für das verschiedene Gebrauchtwaren wie Kugeln oder Granaten bei ebay eingekauft wurden und nun als ergänzendes Klangelement zu rhythmusorientierten House-Beats herhalten dürfen. Damit die „electronic music for the soul“, wie Matthew sie nennt, auch multimedial funktionieren kann, drehte der ambitionierte Soundtüftler zu jedem Track einen kleinen Kurzfilm, von dem pro Woche, bis zur Album-Veröffentlichung, im Web ein Exemplar präsentiert wurde. Diese audiovisuelle Unterstützung wird bei für sich sprechenden Kompositionen wie dem langsam aufwallenden „Battle“, dem mit Handclaps und Kopfnickerbeat versetzten „Strong“ oder dem gemächlichen, von einer besänftigenden Aura umgebenen „Silence“ zwar nicht benötigt, übereifrige Kunststudenten werden über die meist recht schlicht gehaltenen Videos aber vermutlich noch in Jahren Dissertationen schreiben.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber leider nicht, dass anstrengende Soundkulissen wie das mit seltsamem Geplucker verzierte „Safety“, die anschwellende Blues- und Jazz-Fusion „Stop“, das gehetzt wirkende Klavier mit Swing-Unterstützung in „Smart“, sowie der sakrale Gestus von „Bed“ im Kontext wesentlich mehr Sinn ergeben würden, aber so ist man zumindest nicht ganz allein mit den teilweise verstörend wirkenden oder monoton vor sich hin mäandernden Songs. Auf die Spitze treibt es Herbert damit übrigens in „Even“, wo ein mächtig stapfender Subbass die Szenerie anfänglich hübsch inszeniert, das finale Fadeout jedoch satte zwei Minuten in Anspruch nimmt. Zum Glück hat sich Matthew mit dem klaren Timbre von Madame Rahel Debebe-Dessalegne und der warmen Soul-Stimme von Ade Omotayo zwei begnadete Sänger angelacht, die den einen oder anderen festgefahrenen Karren wieder aus dem Dreck ziehen.

Paradigmatisch hierfür steht eindeutig das Albumende, welches vom Zehnminüter „Peak“ beschlossen wird. Hier wechselt die elektronische Landschaft nicht nur zwischen Pet Shop Boys-Harmonien und Mercury Rev-Düsternis umher, sondern setzt mit der Gegenüberstellung beider Stimmen, Gospel-Referenzen und dem hervorragenden Einsatz einer Orgel, die auf „The Shakes“ übrigens mehrmals einen Auftritt hat, sakrale Komponenten nüchterne Techno-Beats gegenüber, was dem Album auf den letzten Metern noch die notwendige Absolution erteilt. Sicherlich ist das neue Werk von Matthew Herbert kein Tanzbodenkracher wie das zeitgleich erscheinende Dancehall/Moombahton-Inferno von Major Lazer. Abseits des teilweise doch recht sperrigen, künstlerischen Anspruchs und einer gewissen Monotonie, die am ehesten an die verschwitzten Ergüsse eines Patrick Pulsinger denken lassen, finden sich auf „The Shakes“ aber durchaus Momente, die auch ohne kunstwissenschaftliche Analyse zum Genießen und Verweilen einladen.

Anspieltipps:

  • Peak
  • Strong
  • Silence

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