Jay-Jay Johanson - Opium - Cover
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Jay-Jay Johanson Opium


  • Label: Kwaidan/INDIGO
  • Laufzeit: 44 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Jay-Jay Johanson wirft seine musikalischen Fangstricke aus und spinnt den Anhänger des anspruchsvollen Liedguts mit sensiblen Schalldichtungen in einem Geflecht aus natürlichen und elektronisch erzeugten Tönen ein.

Da ist aber jemand schlecht drauf, könnte man beim Betrachten des Cover-Fotos der neuen CD von Jay-Jay Johanson meinen, die er auf den Namen „Opium“ getauft hat. Dabei möchte Mr. Johanson - der so ernsthaft aussehend abgelichtet wurde - erreichen, dass seine Zuhörer süchtig nach seiner Stimme, seinen Songs und seiner Musik werden. Der schwedische Produzent, Songwriter und Sänger trat zum ersten Mal im Jahr 1996 mit seinem TripHop-Beitrag „Whiskey“ ins Licht der Öffentlichkeit. Nicht nur wegen der Verwendung von Genuss- und Rauschmitteln als Titel schließt sich jetzt ein inhaltlicher Kreis. Bei „Drowsy/Too Young To Say Good Night” werden nämlich wieder monotone TripHop-Rhythmen verwendet, die sich mit folk-bluesigen Mundharmonika-Einlagen verbinden. Auch „I Don't Know Much About Loving” beginnt rhythmisch aufreizend wie ein sich aufbauender TripHop-Dancefloor-Track, doch der Gesang legt zunehmend Trübsal über den angedeuteten Groove. Das zusätzlich montierte jazzige Piano verstärkt dann noch die aufkommende Sachlichkeit.

Als Melancholiker transportiert der vielseitig interessierte Musiker mit seiner lieblichen, verführerischen Stimme nicht unbedingt die Sonnenseite des Lebens. Seine musikalischen Geschöpfe sind eher im Downtempo-Bereich angesiedelt, verlieren sich aber nicht in Selbstmitleid, sondern lassen immer mindestens ein Licht am Ende des Tunnels erkennen. Mehr noch, die Songs bekommen durch die Kombination von klassischem Entertainment mit moderner Produktionstechnik einen erbaulichen, geistreichen Anstrich. Dieser wandelt die bleierne Schwermut oft in eine sorglose, gelassene, die Umstände anerkennende Haltung um. So wurde „I Love Him So” in einer emotionalen Ausnahmesituation verfasst. Jay-Jay`s Sohn musste operiert werden und während des Aufenthalts im Wartezimmer des Krankenhauses wurde diese Ballade komponiert. Sie drückt die ganze Furcht und Liebe des Vaters aus. Das Lied wird aber mit Break-Beats aus seiner Traurigkeit gerissen, so dass der verzweifelt-hoffende Ausdruck in der Stimme kein Übergewicht bekommt. „NDE“ bedeutet Near Death Experience und könnte auch als Gedanke während der durchzustehenden OP entstanden sein. Trotz des bedrückenden Themas strahlt der Song gesanglich Erleichterung und Hoffnung aus.

Jay-Jay, der eigentlich Jäje heißt, ist ein Emotions-Manipulierer. Je länger die Musik läuft, desto eher nimmt man die häufig als nachdenklich und dunkel empfundene Stimmung als selbstverständlich hin. Mr. Johanson versteht es, die betrüblichen Schwingungen durch die eingesetzten musikalischen Mittel entweder zu entkräften oder sogar in eine hoffnungsvolle Atmosphäre umzuwandeln. Hinzu kommt, dass der Schwede einfach gute Songs schreiben kann. Er hat verstanden, dass es auf die Erzeugung einer verlockenden Melodie, die Einbringung einer individuellen Persönlichkeit und das geschmackvolle Arrangieren von akustischen Widerhaken ankommt. Dabei spielt es keine Rolle, mit welchen Mitteln dieser Kunstgriff realisiert wird. „Scarecrow“ und „I Can Count On You“ haben eine solch hingebungsvolle, empfindsame Pop-Ästhetik, dass die Songs auch gut auf das letzte Prefab Sprout-Album „Crimson/Red“ (2013) gepasst hätten. „Be Yourself“ wirkt hingegen romantisch wie ein Carpenters-Song, hat aber die Eleganz und Feinnervigkeit von Kompositionen, die sich Brian Wilson für „Pet Sounds“ ausgedacht hatte.

Erwähnenswert sind auf jeden Fall auch die Fähigkeiten, Soundtrack-kompatible Melodien zu erschaffen. So wurde „Moonshine” in Anlehnung an Filmmusik der 70er-Jahre von John Barry oder Ennio Morricone geschaffen und ist deshalb entsprechend luxuriös und bedeutungsschwanger verpackt. Inhaltlich handelt der Song davon, dass man in Liebesdingen seinem Herz folgen sollte, auch wenn man vielleicht jemandem verfallen ist, der einem nicht unbedingt gut tut. Auch „Alone Too Long“ hat eine cineastische Ausrichtung. Hier wird eine finstere Spannung erzeugt, die gut zu Psycho-Thrillern passen würde. „Harakiri“, ein Instrumentaltrack, geht in die gleiche Richtung. „Celebrate The Wonders” stellt die einschmeichelnden gesanglichen Fähigkeiten nochmal in den Vordergrund und empfiehlt sich dadurch als Zutat für eine romantische Komödie.

„Opium“ erfüllt tatsächlich die Hoffnungen von Jay-Jay Johansen. Die Musik kann tatsächlich süchtig machen, denn die Inhaltsstoffe sind sauber aufeinander abgestimmt, werden verlockend präsentiert und sind so dosiert, dass man gerne wieder darauf zurückgreift. Gut, dass dieses phonetische Rauschmittel legal zu beziehen ist!

Anspieltipps:

  • Moonshine
  • Be Yourself
  • Scarecrow
  • I Can Count On You

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