Culcha Candela - Candelistan - Cover
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Culcha Candela Candelistan


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 46 Minuten
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1.5/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

„Wir sind scheiße, aber happy.“ Danke für die späte Erkenntnis. Warum ändert ihr denn dann nicht wenigstens etwas?

„Am Anfang waren wir noch okay und hatten viel zu sagen. Doch niemand wollte uns hören, da hat der Schwachsinn angefangen“, heißt es auf „Candelistan“, wenn Culcha Candela ihr „Scheiße, aber happy“ ganz weit hinten positionieren und somit einen wirklich grandiosen selbstironischen Track abliefern, der vielen Kritikern („vom Fiskus geliebt, von Kritikern gehasst“) wie aus der Seele sprechen wird. Würde „Candelistan“ aus diesem einen Song bestehen, würde das fünfte Album der Candelisten eine satte 10 von 10 einheimsen. Doch leider reicht selbst eine solch entwaffnende Ironie nicht aus, um ein Album Culcha Candelas zur Abwechslung mal nicht scheiße zu machen. Nö, einen Blankocheck gibt es auch dafür nicht. Da kann die auf ein Quartett geschrumpfte Band (Larsito und Mr. Reedoo sind raus) noch so viel wollen, wie sie will. Der von ihnen so genannte „Schwachsinn“ hat nicht aufgehört, überwiegt und paart sich unheilvoll mit Multi-Kulti- bzw. Ethno-Romantik von der Stange, langweiligen Beats und einer Innovationsarmut, die irgendwo zwischen ärgerlich und fantastisch schlecht hin- und herpendelt.

Zum Glück verschonen die verbliebenen Johnny Strange, Itchyban, Don Cali und DJ Chino uns mit Songs der Marke „Hamma“, „Monsta“ oder „Wildes Ding“, wofür man ihnen auf Knien danken möchte. Doch auch solche Schoten wie „Schöne Frauen“, „Natural“, „Nie genug“ (sogar Mark Medlock hatte mehr Stil), „Coming Home“ oder „Wayne“ kommen der Qualität der gelisteten Songs recht nahe. Überhaupt: Wer zum Teufel sagt heute noch „Wayne interessierts“? Culcha Candela haben ihre Kreativität und ihren Witz anscheinend noch im Jahre 2004 liegen gelassen, gleich neben ihrem okayen „Union Verdadera“. Oder „Lass ma einen bauen“. Die besungenen Mädels im Song würden den Candelisten eher in die Schnauze hauen, als mit ihnen zu kiffen - „ich versteh' nicht, was du sagst, aber ist ja auch egal!“ Unverständlich ist hier, wie lapidar Culcha Candela mit der Thematik umgehen. Für sie ist auch in der heutigen Zeit (Thema: Flüchtlinge) alles easy, alles lässt sich mit einem Joint lösen. Das ist, sollte man es allen Ernstes mit den heutigen Zuständen in Deutschland in Verbindung setzen, politische Bildung für Schwachsinnige, die schwachsinnig bleiben wollen. Wenn es doch nur wirklich so einfach wäre, Culcha Candela... So viel Blauäugigkeit und fehlende Reflexion stimmen aber einfach nur ärgerlich.

Das Gewicht legen Culcha Candela eh auf Fake-Melancholie der Marke „Bei uns läuft“, die Leute abholen soll, welche die „Lila Wolken“ verpennt haben und darum zur Strafe mit einem „jeder Tag is beste“ auf Autotune im tiefsten Loch der Charthölle Qualen erleiden dürfen. Prost! Potential hätte „Traumwelt“, welches sich als angenehmer Pop präsentiert und mit naiven Weltverbesserungen im Konjuntik II einen witzigen Text hat - aber auch das wurde schon deutlich besser und galanter gemacht, egal ob nun von Juli („Eines Tages“) oder den Toten Hosen („Wünsch dir was“). Viel des restlichen Materials dient dann gerade so als Filler: Der ausgeprägte Latinsound von „La Bomba“ passt genau so wenig ins besudelte Gesamtbild wie der schmierige R'n'B-/Dancehall-Hybrid „Zeiten ändern sich“, aber wenigstens bleiben sie auch nicht penetrant in der Gehörgängen kleben.

Das Fazit: Ey, es sind Culcha Candela! Sie bleiben Culcha Candela. Sie haben keinen Anspruch, sie machen nicht mal dann Spaß, wenn du in der Großraumdisse auf Mallotze mit 5,0 Promille einsteigst. Hinzu kommen Innovationsarmut, eine ärgerliche Naivität und teilweise richtig grenzdebile Texte, die bis auf die eine genannte Ausnahme („Scheiße, aber happy“) nicht mal ironisch sind. Ganz ehrlich: Wer Culcha Candela und eine wirklich gute Band, wenn es sein muss auch aus dem gleichen Genre, hört, muss sich so langsam entscheiden. „Candelistan“ ist da zwar nicht der absolute Tiefpunkt, aber die schmerzhafte Nachwehe, die wir uns alle ersparen sollten. Hauptsache wir bleiben happy. Ohne Culcha Candela.

Anspieltipps:

  • Scheiße, aber happy

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