Cradle Of Filth - Hammer Of The Witches - Cover
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Cradle Of Filth Hammer Of The Witches


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 56 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Wiege des Schmutzes befindet sich im Aufbruch in ein neues Zeitalter!

Ein düsterer Klangteppich, gesponnen aus einem zaghaft angeschlagenen Klavier, einer gespenstischen Geigenmelodie und verhuschten Stimmfetzen - mehr braucht es nicht, um sofort in den Bann des neuen Cradle Of Filth-Opus „Hammer Of The Witches“ gezogen zu werden. Zugegeben, das geschmackvoll in Szene gesetzte, äußerst freizügige Artwork des lettischen Künstlers Arthur Berzinsh ist nicht ganz unschuldig am gesteigerten Interesse am neuen Werk der Extreme Metal-Koryphäen, doch selten hatte ein Album einen Tittenbonus weniger nötig als der elfte Streich der britischen Symphonic Black/Death-Truppe rund um Rumpelstilzchenberserker Dani Filth. Da wird man nicht nur im die Rohre durchpustenden „Yours immortally…“ gepflegt in den Arsch getreten und von einem wahnwitzigen Break zum nächsten geprügelt, sondern schnappt sich bereits während der anschließenden Achterbahnfahrt „Enshrined in crematoria“ lieber ein Sauerstoffzelt, da man angesichts des mit giftigen Blastbeats und finsterem Gekrächze versetzten Dolchs, den Cradle Of Filth tief in das Fleisch des Hörers rammen, womöglich das Luftholen vergisst.

Die Fahnenflucht des langjährigen Weggefährten, Songschreibers und Gitarristen Paul Allender in die USA (er plädierte auf eine längere Pause, biss bei Mr. Filth allerdings auf Granit) macht sich entgegen aller Unkenrufe jedenfalls zu keiner Zeit bemerkbar. Ganz im Gegenteil! Der um die beiden Saitenhexer Richard Shaw und Ashock angewachsene Kader (ansonsten zählen aktuell Daniel Firth am Bass, Lindsay Schoolcraft am Keyboard und Marthus am Schlagzeug dazu) brettert durch ein ungezügeltes Extreme Metal-Buffet der Extraklasse und lässt kein noch so winziges Detail aus, um ein in sich geschlossenes, facettenreiches und perfekt aufeinander abgestimmtes Gesamtkunstwerk abzuliefern. Kein Anflug von Trauer, Melancholie oder Schmerz. Der „Hammer Of The Witches“ fährt unerbittlich auf seine Feinde nieder und zertrümmert alles, wo er einschlägt. Wer gedacht hat, „The Manticore And Other Horrors“ (11/2012) wäre bereits für immer das härteste Werk von Cradle Of Filth gewesen, der wird in den ersten Minuten dieses Meilensteins eines Besseren belehrt.

Mit Ausnahme der vergleichsweise sinnvollen Zwischenspiele und Instrumentals „The monstrous sabbat (summoning the coven)“ und „Blooding the hounds of hell“ gibt es für die Briten 2015 nämlich nur eine Richtung: Nach vorn! Gelegentlich werden zwar auch Abstecher zur Seite gemacht und eine Gothic-Ader darf mit lieblichem Frauengesang für zarte Momente sorgen („Blackest magick in practice“, „Right wing of the garden triptych“) oder oszillierende Synthesizer hellen das unbarmherzige Klangbild ein wenig auf („Onward christian soldiers“), die vorwärts gerichtete Sicht besteht jedoch durchgehend auf ihre alles unter sich begrabende Offensivtaktik. Das mag auf den ersten Blick vielleicht eintönig und nach Dauergeprügel klingen, wird in den Händen von Cradle Of Filth allerdings zu einer durchaus melodisch agierenden Angelegenheit, die vorwiegend auf die vorzügliche Arbeit der Doppelaxt-Fraktion zurückzuführen ist. Dies eröffnet nicht nur neuen Handlungsspielraum für die seit jeher gelungenen Soli in den Kompositionen des Sechsers, auch die Stücke an sich wachsen durch die Wechselwirkung und Reibung der beiden Gitarren.

Man höre nur einmal auf das fiese Duell in „Onward christian soldiers“ oder die intensive Verdichtung im Sound, die im Titeltrack stattfindet. Hier handelt es sich schlicht und ergreifend um das Ergebnis jahrelanger Erfahrung, das nach einem absinkenden Qualitätsniveau nun durch frische Impulse einen unglaublichen Arschtritt bekommen hat. Der Iron Maiden-Bonus ist jedoch nicht die einzige Komponente, die ordentlich Boden gutgemacht hat, denn auch der Gift und Galle spuckende Dani blüht, angestachelt durch das frische Blut, förmlich auf und klingt auf „Hammer Of The Witches“ so diabolisch, durchtrieben und dämonisch wie schon lange nicht mehr. Wenn er im meisterhaft inszenierten „Deflowering the maidenhead, displeasuring the goddess“ (was für ein genialer Titel!) beginnt, den Text im Stakkato raus zu pfeffern, während ein Blastbeat-Orkan mit zünftigen Riff-Gewitter über das Wohnzimmer hereinbricht, dann ist das Ohrgasmus und Gänsehaut-Feeling zugleich. Auf einen derartig monumentalen Moment, der nicht weniger als Freudentränen ins Gesicht des Hörers treibt, mussten Cradle Of Filth-Fans jedenfalls bereits sehr lange warten. Wir tippen einmal auf etwa 15 Jahre.

Natürlich kommen auch die alten Trademarks ausreichend zur Geltung, sodass neben subtil eingewobenen Streichern, rasenden Black Metal-Ausbrüchen und donnernden Todesblei-Avancen auch rockige Ausflüge dem mitreißenden Extreme Metal-Maelstrom beiwohnen und die elfte Ausgabe der Briten zu einer einzigartigen Tour de Force macht. Wo zum Beispiel ein Album wie „Thornography“ (10/2006) zu experimentell ausfiel und „Damnation And A Day“ (03/2003) im Bombast absoff, konzentriert sich der „Malleus Maleficarum“, also das titelgebende Werk „Der Hexenhammer“, das im 15. Jahrhundert von Heinrich Kramer als Rechtfertigung für die Hexenverfolgung entstand und im Cradle Of Filth-Kontext als furiose und unerbittliche Rache der Hexen zu verstehen ist, auf einen bestimmten Aspekt im Klangspektrum des Sechsers und dieser will nichts anderes, als dem jeweiligen Individuum vor dem Abspielgerät nach allen Regeln der Kunst das Gehirn aus dem Schädel pusten.

Anspieltipps:

  • Yours Immortally…
  • Blackest Magick In Practice
  • Right Wing Of The Garden Triptych
  • Deflowering The Maidenhead, Displeasuring The Goddess

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