W.A.S.P. - Golgotha - Cover
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W.A.S.P. Golgotha


  • Label: Napalm Records
  • Laufzeit: 56 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Hyperaktive Duracell-Häschen und vorzügliche Heavy Metal-Tracks der alten Schule geben einander die Klinke in die Hand.

Steven Edward Duren wird nächstes Jahr 60. Wo andere Menschen in diesem Alter an ihre wohlverdiente Pension denken, überlegt der W.A.S.P.-Frontmann, wie er seine schärfsten Kritiker als nächstes in Form des unerschütterlichen Blackie Lawless schockieren kann. Als letztes verbleibendes Gründungsmitglied einer Band, die bereits seit über 30 Jahren existiert, fällt dies zwar zunehmend schwerer, doch so schnell lässt sich ein Sandkastenfreund von Kiss-Gitarrist Ace Frehley sicherlich nicht unterkriegen. Selbst dann nicht, wenn während des Songwritings für Album Nummer 15 die rechte Schulter chirurgisch behandelt werden muss und ein gebrochenes Bein einem das Leben schwer macht. Mittlerweile ist Blackie aber wieder ganz und bereit, „Golgotha“ auf die Menschheit loszulassen!

Nach sechs Jahren seit „Babylon“ (10/2009), was die mit einigem Abstand größte Pause zwischen zwei W.A.S.P.-Studioalben darstellt, will dann auch keine Zeit verloren werden und das eröffnende „Scream“ jagt mit herrlich aufjaulenden Gitarren und typischem Eighties-Vibe samt Hammond Orgel durch den Äther, als ob die Promo nicht als Download, sondern auf Kassette beim ehrenwerten Verfasser dieser Zeilen angekommen wäre. Dieser Einstieg hinterlässt beim Hörer jedoch sofort einen zwiespältigen Eindruck. Ja, die Nummer rotzt und rockt nach alter Schule, aber (und im Falle von Blackie ist das zum Glück ein eher kleines „aber“) vom Stuhl geblasen wird man angesichts des doch eher konventionell gestrickten Soundgerüsts eigentlich nicht. „Last runaway“ würzt den mehr und mehr an Fahrt aufnehmenden Nostalgiezug mit hochmelodischen Noten Marke bockiger Bryan Adams (ca. 1983/84) und streckt die Kritiker mit einem Bauchschuss aus seiner gerade nach vorne preschenden „Shotgun“ nieder. Die unermüdlichen Gebärden der Heavy Metal-Dampflok beginnen hier aber bereits langsam in Reizüberflutung auszuarten.

Und dann zeigt sich die große Klasse des Blackie Lawless, denn wer eine emotionale und eigentlich durch und durch kitschige Ballade wie „Miss you“ dermaßen charmant und herzerwärmend darbietet, dem seien ein paar Abzüge in der Ideenabteilung gegönnt. Der Track ist nämlich nicht nur ein Best-of aller jemals veröffentlichten Heavy Metal-Schnulzen, W.A.S.P. schaffen es auch trotz völliger Abwesenheit von Innovation, den Hörer acht Minuten lang mit einem präzise getimten Ablauf (sanfter Einstieg, anschwellendes Wehklagen, ergriffenes Weltklasse-Solo, langsam heranrollendes Finale) zu fesseln und mit Leichtigkeit die Augen zu befeuchten. Was 1970 mit „Since I´ve been loving you“ bei Led Zeppelin funktioniert hat, klappt, wenn das Rezept stimmt, eben auch 45 Jahre später. Gekontert wird der hervorragende Gefühlsausbruch mit „Fallen under“, einem zackigen Metal-Kracher, der den roten Teppich für das zweite Highlight von „Golgotha“ ausrollt.

„Slaves of the new world order“, der zweite Achtminüter, beginnt bärenstark mit einem aufbegehrenden Retro-Metal-Part, schaltet ab der Hälfte in den Dio-Modus und rast anschließend mit einem wahnsinnigen Instrumentalteil durch die doppelläufigen Gefilde von Iron Maiden, begleitet von „Hey, hey“-Rufen, die die Mundwinkel wegen ihrer genialen Einbettung unweigerlich nach oben ziehen lassen. Man will sich gar nicht vorstellen, wie das Teil hier live abgehen muss! Denkbar schlechte Karten besitzt logischerweise „Eyes of my maker“, das zudem mit einem zerfaserten Aufbau keinen Boden gewinnen kann und auch „Hero of the world“ verschießt bereits viel zu früh sein Pulver, selbst wenn von der Luftgitarre ordentlich Gebrauch gemacht wird. Die dritte und letzte Komposition, die mit acht Minuten zu Buche schlägt, stellt den Albumtitel und zugleich auch den schwächsten aller Longtracks dar.

Das liegt nicht nur an der im Midtempo angelegten Geschwindigkeit, sondern vorrangig an der wenig ausdruckstarken Entwicklung. „Golgotha“ startet nämlich als Hilferuf an Jesus und endet lediglich in der Einsicht, dass keine Unterstützung zu erwarten ist. Musikalisch wird dies mit relativer Gleichgültigkeit dargeboten. Das allein könnte zwar als konzeptionell gesehen werden, spannender wird es dadurch aber trotzdem nicht. Was bringt das 15. Studioalbum von W.A.S.P. also mit sich? Nun, einerseits lassen einige dunkle Stellen und hyperaktive Duracell-Häschen wie „Shotgun“ oder „Hero of the world“ am Weitblick und Einfallsreichtum der Truppe im Jahr 2015 zweifeln, dafür erstrahlen andererseits Nummern wie „Miss you“ oder „Slaves of the new world order“ in einem gleißenden Licht, dass man als Fan der alten Heavy Metal-Schule regelrecht geblendet ist. Kurzum: Wer bislang von Blackie und seinen Mannen gut unterhalten wurde, wird bei „Golgotha“ in Zukunft sicherlich nicht an die Kreuzigung und den Niedergang von W.A.S.P. denken.

Anspieltipps:

  • Miss You
  • Last Runaway
  • Slaves Of The New World Order

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