Iron Maiden - The Book Of Souls - Cover
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Iron Maiden The Book Of Souls


  • Label: Parlophone/WEA
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Wie immer eine Klasse für sich. Punkt.

The Iroooooooooooon Maideeeeeeeeeeeeeeen! Wenn Maiden eine neue Platte ankündigen, horcht die gesamte Metal-Welt auf: Pandabären und Power-Metaller liegen sich mit Freudentränen in den Armen, Progheads und Grindcoreler diskutieren munter über die Ausgeklügeltheit von „Hallowed Be Thy Name“ und plötzlich erinnert sich auch der Schlipsträger an die wahre Bedeutung von Heavy Metal und haut Rolf und seine Vogelfreunde aus der Anlage seiner Familienkutsche. Diese Band verbindet. Diese Band ist ein Lebensgefühl. Diese Band hat nie enttäuscht und nie zu viel versprochen. Umso erleichterter ist man als Maiden-Fan, dass Onkel Bruce den Krebs besiegen konnte: „fought him hard, fought him well, gave him hell!“ Fünf Jahre nach „The Final Frontier“ sind Steve, Bruce, Dave, Adrian, Nicko und Janick also endlich wieder am Start und wollen die Welt mit ihrem ersten Doppel-Album erfreuen: Zwei Tonträger und 92 Minuten Musik erwarten den ausgehungerten Fan. Dann mal los!

Was Maiden so fantastisch macht, ist eine einfache Tatsache: Es gibt Bands wie Judas Priest, die nicht alt werden wollten (oder konnten) und deshalb unglaubwürdig (aber nie schlecht!) wurden. Es gibt Bands wie Metallica, die ihren alten Zeiten nachtrauern, aber nicht wissen, dass ihre Stärke mittlerweile ganz woanders liegt. Und dann gibt es Iron Maiden, die sich seit ihrem allerersten Album konsequent weiter entwickelt haben, nie auf der Stelle getreten sind und in Würde alterten. Natürlich sind da die Fans, welche immer noch behaupten, Maiden seien in den 80er-Jahren am besten gewesen. Ihnen sei die Meinung natürlich gegönnt, aber Hand aufs Herz: Ist das wirklich so? Seit ihrem zweiten Frühling in Form von „Brave New World“ (2000), damals die große Reunion mit Bruce Dickinson, hauen Maiden Kracher nach Kracher raus, zuletzt das zuerst zwiespältig aufgenommene „The Final Frontier“, welches mittlerweile zum geheimen Fanliebling und alternativen Referenztitel der eisernen Jungfrau geworden ist. Nur so viel: „The Book Of Souls“ fühlt sich komplett anders als sein Vorgänger an, setzt ganz unterschiedliche Schwerpunkte und versprüht einen anderen Vibe - und ist gerade deshalb nicht nur so gut, sondern auch gleichermaßen so relevant.

Wie immer können mehrere Fangruppierungen abgeholt werden. Selten haben Maiden so verstärkt mit dem von „Seventh Son Of A Seventh Son“ (1988) oder „Somewhere In Time“ (1986) bekannten Gitarren-Synthesizer gearbeitet. Das straighte „When The River Runs Deep“ oder das sogar mit einem „Wasted Years“-Zitat im Intro ausgestattete „Shadows Of The Valley“ könnten glatt aus der zweiten Hälfte der 80er-Jahre stammen und können dank dezent eingestreuten Elementen des „neuen“ Maiden-Sounds dennoch aufrecht stehen, ohne sich als Fanservice anzubiedern. Die kürzeren Kompositionen schaffen sowieso einen eleganten Spagat zwischen Straightness und zaghafter Progressivität. Dass an den verstorbenen Schauspieler Robin Williams als Hommage gerichtete „Tears Of A Clown“ wird in seiner Klar- und Einfachheit von Mal zu Mal besser. Das gilt auch für die erste Single „Speed Of Light“, welche zwar unter einer irgendwie disharmonisch wirkenden Gesangsspur und einer generell unerwartet schwachen Gesangsleistung Dickinsons leidet, aber als Maiden-Single im oberen Mittelfeld einzuordnen ist. Lediglich das arg rumpelnde und banal erscheinende „Death Or Glory“ ist ein Ausfall, den sich die Engländer hätten sparen können.

Bei den Iron Maiden des 21. Jahrhunderts interessiert sich der Hörer eh für die musikalische und kompositorische Finesse, welche die Band in ihre mittellangen und langen Songs gesteckt hat. Und gerade hier weiß „The Book Of Souls“ sein volles Potential auszuspielen. Der sich zurückhaltende, melancholische Opener „If Eternity Should Fail“ ist ein fantastischer Grower, der sehr stark an die Soloarbeit Dickinsons erinnert und das Album eher ungewöhnlich, jedoch nach mehreren Malen extrem intensiv beginnen lässt. Stichwort Grower: „The Great Unknown“ und „The Man Of Sorrows“ sind die zwei geheimen Stars auf „The Book Of Souls“, welche sich sehr stark am Material von „The Final Frontier“ orientieren. „The Man Of Sorrows“ beweist ein für alle Mal, dass Maiden ihre progressive Ausrichtung, welche spätestens seit „The X Factor“ (1995) mehr und mehr Überhand gewonnen hat, aus dem Effeff beherrschen. Selbst der wüste Einsatz von Themen- und Tempowechseln folgt hier einer klaren Linie, was dem Song eine faszinierende Intensität beschert und so ziemlich jede Komposition auf dem 16. Album der Metal-Götter überstrahlt.

In Sachen Longtracks wurde schließlich tief in die Trickkiste gegriffen! Das im Vorfeld medial behandelte „Empire Of The Clouds“ ist mit 18 Minuten und einer Sekunde der bisher längste Song, den Maiden jemals aufgenommen haben und löst „Rime Of The Ancient Mariner“ („Powerslave“, 1984) somit um Längen ab. „The Red And The Black“, eine sich hochschaukelnde Harris-Hymne mit typischer Hymnen- und Ohrwurmhaftigkeit, ist mit 13 Minuten und 33 Sekunden genau eine Sekunde kürzer als „Rime Of The Ancient Mariner“. Das sind am Ende natürlich nur Hausnummern und beim großen, von Dickinson alleine geschriebenen Longtrack-Finale, darf sich der Fan durchaus fragen, ob die Nummer nicht ein paar Minuten zu lang geworden ist. Das wunderbare Pianohauptthema (Dickinson an den Tasten) und einsetzende Violinen, die weitaus weniger dezent als noch auf „Brighter Than A Thousand Suns“ („A Matter Of Life And Death“, 2006) daherkommen, wollen die Nummer im Alleingang als Meilenstein der Band und Bombast-Overkill etablieren. Der direkte Vergleich zum fantastischen „When The Wild Wind Blows“ („The Final Frontier“), das mit einer ähnlichen Ästhetik (alleine das musikalische Hauptthema) aufwartet, bleibt natürlich nicht aus. Im direkten Vergleich zieht der 18-Minüter den Kürzeren. „Empire Of The Clouds“ verrennt sich letzten Endes zu oft, um ein konstant hochklassiges Gesamtbild zu erreichen. Von den drei Longtracks ist es vielleicht der schwächste auf „The Book Of Souls“, welches zwischen den Stühlen steht, auf denen das kurzweilige „The Red And The Black“ und der sich angenehm zurückhaltende, atmosphärische Titelsong sitzen. Auch bei diesem verbinden die Musiker ihre klassische Phase, besonders den „Powerslave“-Titeltrack und seine orientalischen Grundstimmung, mit all den Qualitäten ihrer jüngeren Vergangenheit.

Ja, Iron Maiden wissen einfach was sie tun und sie tun es wie immer in einer Liga, die ihnen komplett alleine gehört. Ihr unvergleichbarer, warmer und weiter Sound kommt natürlich auch auf „The Book Of Souls“ zum Tragen. Mehr denn je bringt die Band alte und neue Elemente ihrer Musik auf einen Nenner und zeigt sich mit einer entwaffnenden Einfachheit. Aber auch viele Ideen und Spielereien haben sie dabei, welche ihren Kompositionen stets das gewisse Etwas verleihen und bei denen man immer wieder etwas Neues entdecken kann. Alleine das zeichnet Iron Maidens „The Book Of Souls“ aus. Nur diese Band hat es wirklich verstanden, wie reiner Heavy Metal funktioniert, wie er auch Jahrzehnte nach seinem Boom noch interessant und frisch bleiben kann. „The Book Of Souls“ bietet all das und beweist erneut, warum Iron Maiden die größte Metalband des Planeten ist und für immer bleiben wird. Kurz: Wie immer ein wahres Fest für den langhaarigen Gesellen, dessen Aufgabe es jetzt sein wird, das Album in sein persönliches Ranking zu stellen. Das Potential, weit oben zu landen, ist sicher gegeben. Und überhaupt: Wer will eigentlich noch die Maiden von vor 30 Jahren, wenn sie so wie jetzt klingen? (Und an dieser Stelle würde ein „Up the Irons!“ folgen, aber das wäre zu ausgelutscht.)

Anspieltipps:

  • If Eternity Should Fail
  • The Great Unknown
  • The Red And The Black
  • The Book Of Souls
  • Shadows Of The Valley
  • The Man Of Sorrows

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