Ratatat - Magnifique - Cover
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Ratatat Magnifique


  • Label: Because Music/WEA
  • Laufzeit: 45 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Vom Experiment zum Kitsch. Ratatat spielen aktuell instrumentalen Pop zwischen Rock-Parodie und Easy Listening.

Das Duo Ratatat verbreitet höchst eigenwillige Schwingungen. Die Musiker Mike Stroud und Evan Mast klingen vertraut und seltsam zugleich. Plakativ, parodistisch, aufreizend, teils schrill, teils anheimelnd. Wie die bunte, herausfordernde, übertriebene Welt der Comic Strips sind sie reißerisch, großspurig, provokant und anmaßend. Oder sie schwelgen in romantischen Gefühlen und vermitteln eine scheinheilige, trügerische Stimmung. Die New Yorker warten mit einem kreativen Zitatenschatz auf und bedienen sich ohne Scheuklappen in der Pop-Historie. Unbekümmert und clever schrauben sie gesangsfreie Kabinettstückchen mit seltsam erfrischendem Unterhaltungswert zusammen. „Magnifique“ ist also im wahrsten Sinne des Wortes die wunderbare (oder wunderliche) Welt von Ratatat.

Das Album „Magnifique“ wird durch eine Einleitung, die Elemente von Kabarett und Barock enthält, und einen Abspann von Monty Python-artigem Humor zu einer Art Gesamtkunstwerk oder zu einem eigenartigen Konzeptalbum verbunden. Im Einzelnen läuft die verrückte Show so ab: „Cream On Chrome“ enthält diesen zickig-kühlen Großstadt-Funk, den man von den Talking Heads kennt. Das Stück wartet zusätzlich noch mit einer Queen-Gedächtnis-Gitarre auf. Außerdem wird mit einem kitschigen Synthesizer-Solo aufgetrumpft, das unter anderen Umständen als geschmacklos empfunden werden könnte. Hier passt es wie die Faust in die Magengrube. Man hat zunächst den Eindruck, der Track „Magnifique“ vermittle Südsee-Feeling. Da bei Ratatat aber nichts eindeutig ist und Bestand hat, verfliegt dieser Eindruck immer wieder und wird neu belebt. Was bleibt, ist eine gewisse Leichtigkeit des Seins.

„Abrasive“ basiert auf einem billigen Synthesizer-Beat und hat auch diese jaulende, kitschige Queen-Gitarre, die oft und gerne auch anderswo eingesetzt wird. Und auch hier tritt wieder der Effekt ein: Minus mal minus ergibt plus. Das Ergebnis ist nämlich aufgrund einer zündenden Melodie, die der Komposition zugrunde liegt, und den eingesetzten Stimmungsabstufungen, doch gelungen. „Countach“ verarbeitet schwere Break-Beats und 80er-Jahre Synthie-Pop-Figuren, kommt aber nicht so richtig aus dem Quark. „Drift“ macht wieder auf Südsee und simuliert durch singende Hawaii-Gitarren-Imitate den Eindruck von Gesangslinien. Stoische Orgelakkorde sorgen für die rhythmische Basis und entführen den Hörer dadurch aus der irrealen Ferien-Idylle.

Bei „Pricks Of Brightness“ wird die Queen-Parodie auf die Spitze getrieben. Der Titel ist im wahrsten Sinne des Wortes quietsch-lebendig und streift aufgrund seiner aufgekratzten Art die Grenze zum Albernen. House-Music Standards, Hard-Rock-Gitarren und Disco-Beats zieren „Nightclub Amnesia“, einen tanzbaren Club-Track, der gleich nach „Blue Monday” von New Order aufgelegt werden könnte.

Die Gitarre klingt, als hätte Brian May von Queen wieder seine Finger an den „Cold Fingers“: Classic Rock und Disco-Groove verbinden sich zu verfremdetem Sly & The Family Stone-Funk. Südsee-Feeling, Teil 3: Lässig-schläfrige Solo-Parts lassen „Supreme“ zu einem entspannten Easy Listening-Stück werden. Die zu hörenden exotischen Saiten-Sounds stammen übrigens von einer Steel-Gitarre, die anders als im Country eingesetzt wird, sie hat hier weichere Konturen.

Die 5 1/2 Minuten Laufzeit sind zu viel für das im Kern an irische Folklore angelehnte „Rome“. Hier geht deshalb das hippe Pop-Konzept von Ratatat nicht auf. Es entsteht ein (Über)-Sättigungsgefühl. Weniger wäre eindeutig mehr gewesen. „Primetime“ ist durch seine optimistische, gleichförmige Ausrichtung wie gemacht für eine Warteschleife am Telefon, ohne dabei zu nerven. „I Will Return“ ist die Cover-Version eines Titels von Springwater, was eigentlich der britische Gitarrist Phil Cordell war. Das Stück brachte es 1971 zum Nummer-eins-Hit. Die Verwendung bestätigt das Pop-Wissen von Ratatat, führt aber in diesem Fall zu keinem Mehrwert gegenüber dem Original.

Dieses absurd-aufreizende, kitschig-auffallende Pop-Panoptikum dieses ehemals experimentellen Projektes kann unmöglich ernst gemeint sein. Man hat es vielleicht mit einer Idee zu tun, die aus einer Bierlaune heraus entstanden ist. Ratatat haben ein amüsantes Pop-Album fabriziert, das trotz fehlenden Gesanges nicht ermüdend ist. Damit segeln sie an allen Trends vorbei und wirken wahrscheinlich grade deshalb so frisch und munter.

Anspieltipps:

  • Cream on Chrome
  • Magnifique
  • Nightclub Amnesia
  • Cold Fingers

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