Mercury Rev - The Light In You - Cover
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Mercury Rev The Light In You


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

„The Light In You“ ist die Kernessenz der Psychedelic Rocker, umgewandelt in 44 Minuten aus musikalischen Juwelen.

Man kann etliche Meter fallen und ohne Verletzungen aufstehen und weitergehen. Es können aber auch ziemlich blöde Variablen aufeinandertreffen und man stirbt bereits beim Fall von einer 2-stufigen Klapptrittleiter. Die Wahrscheinlichkeit für einen dieser beiden Fälle zu bestimmen, dürfte aufgrund der unendlichen Möglichkeiten, wie ein solches Szenario stattfinden kann, nicht besonders viele Früchte tragen. Da ist es schon einfacher zu sagen: Mercury Rev werden nach mehreren Jahren Durststrecke wieder mit einem verdammt starken Album zurückkehren. Wie hoch liegen die Chancen? Nun, seitdem „Deserter´s Songs“ (09/1998) durch den unwiderstehlichen Hit „Goddess on a hiway“ in Chartehren vorrückte, befanden sich die Psychedelic Rocker kurz auf einem Höhenflug. Der Nachfolger „All Is Dream“ (09/2001) sorgte mit einem 11. Platz in England für die (weiterhin) beste Platzierung der Truppe, doch das sukzessive „The Secret Migration“ (01/2005) begann bereits qualitativ und verkaufstechnisch zu schwächeln.

Die Idee, mit „Snowflake Midnight“ und „Strange Attractor“ (beide 09/2008) einen Doppelschlag zu veröffentlichen, von denen letzterer gratis über die Bandhomepage downgeloadet werden konnte, war grundsätzlich nicht schlecht, die unausgegorene Mischung beider Alben verleitete jedoch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Was tun? Das Konzept, tagträumerische Rocksongs zu entwerfen, die auch ohne bewusstseinserweiternde Substanzen einen ähnlichen Effekt erzielten, über den Haufen zu werfen und gänzlich etwas anderes zu machen, bot sich zwar an, stand letzten Endes aber nicht auf der Speisekarte von Mastermind Jonathan Donahue. Er schloss sich viel lieber mit seinem langjährigen Weggefährten Sean „Grashopper“ Machowia zusammen, tüftelte an einem detailverliebten, zupackenden Nachfolger und übernahm die komplette Produktion. Die fertige Scheibe wurde 2013 noch einmal einer Herz- und Nierenprüfung unterzogen und benötigte noch gut zwei Jahre, bis die beiden damit an die Öffentlichkeit gingen. Das Warten hat sich gelohnt!

„The Light In You“ stellt nicht nur die Rückkehr einer einzigartigen Band dar, die Platte ist mit ein paar klitzekleinen Ausnahmen DAS Album von Mercury Rev. Der Silberling ist schlicht und ergreifend die Kernessenz der Psychedelic Rocker, umgewandelt in 44 Minuten aus musikalischen Juwelen. Damit wir uns nicht falsch verstehen, Donahue und Grasshopper haben hier nicht nur ein weiteres Werk veröffentlicht, um die darbenden Fans zu befriedigen. Hiermit liegt ein hochkarätiges Album vor, das an Anhänger sämtlicher Gruppierungen und Musikstile gerichtet ist. Schon der Einstieg mit „The queen of swans“ wandelt zwischen bezaubernd und atemberaubend. Sanfte Orgelklänge, sakrale Chöre und der fragile Gesang von Jonathan geleiten in ein harmonisches Wunderland aus melodischem Eskapismus und poppiger Eleganz. Das darauffolgende „Amelie“ gebärdet sich ein wenig minimalistischer und setzt größtenteils auf zarte Flötentöne und zaghaft gezupfte Streichinstrumente, die nach und nach einsetzende Breitwandinstrumentierung erschlägt nicht, sondern unterstützt. Wer sich ab diesem Zeitpunkt an einen klischeebefreiten und emotional berührenden Pixar- oder Disney-Film erinnert fühlt, liegt goldrichtig.

Viele der Kompositionen bestehen aus einzigartigen Stimmungen und spiegeln sofort Assoziationen wider, die man in dieser Form nur von der großen Leinwand kennt. „Emotional free fall“ atmet die ansteckende Unbeschwertheit und positive Energie einer Poppy aus „Happy Go Lucky“, der leicht verschrobene Charme einer Arcade Fire-Nummer findet sich in „You´ve Gone With So Little For So Long“ und weckt Erinnerungen an das grandiose Michel Gondry-Werk „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“, während „Autumn´s in the air“ überhaupt eine halbe Minute lang filmmusikalischen Hochgenuss zum Besten gibt und eine knallbunte Kostprobe aus unzähligen Farbtupfern unterschiedlichster Filme anrührt, sodass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Mit der Zeile „Am I the only lonely boy who has ever walked in central park?“, begeben sich Mercury Rev anschließend auf einen sechs Minuten langen Streifzug durch herbstliche Wälder und Parks im Zero 7-Territorium, vergessen aber nicht den positiven Touch, der dem Titel „The Light In You“ mehr als gerecht wird.

Ein zweischneidiges Schwert ist hingegen „Coming up for air“. Hier bimmeln anfänglich recht frech ein paar Glöckchen und aufgeregte Streicher generieren eine verschneite Szenerie kurz vor Heiligabend (Kitschgefahr!), doch zum Glück reißt das ab der Hälfte einsetzende Schlagzeug gemeinsam mit dem tanzbaren Rhythmus alles mit und begeistert. Spätestens, wenn Donahue die aufmunternde Melodie zu pfeifen beginnt, ist es aus und man weiß, auf welchen Ohrwurm man sich die nächsten Stunden einzustellen hat. Ab diesem Zeitpunkt ist aber Schluss mit lustig. „Are you ready?“ fährt (für eine eigentlich doch recht gesetzte Band wie Mercury Rev) schwere Geschütze auf und rockt ordentlich das Haus. Einen ähnlichen Effekt sollte wohl auch „Sunflower“ erzielen, der Hippiesound des abgedrehten Tracks, der wohl unter den bisherigen Zutaten ein wenig Crack erwischt hat, gebärdet sich jedoch ein wenig zu zappelig und wäre wohl besser als B-Seite aufgehoben gewesen.

Mit „Moth light“ verschätzen sich Donahue & Grasshopper dann leider ein wenig, denn der von Flöten getragene Track erinnert maximal an einen Vogelkäfig, der sich nicht zwischen aufgedreht und ruhig entscheiden kann und somit weder Fisch noch Fleisch bleibt. Um wieder die Assoziationen mit dem Traumland zu bestärken, greifen Mercury Rev im Abschluss „Rainy day record“ zu einer wahrlich abstrusen Konstellation, die man so wohl nicht erwartet oder für möglich gehalten hätte. Flankiert von einer aufgeweckten Big Band rappt (sic!) Donahue einen Teil seines Textes und hinterlässt den Hörer ein wenig verdutzt. Das ist mit Sicherheit nicht das geruhsame Schlusswort mit dem man gerechnet hat, nach ein paar Durchgängen geht der wohl nicht allzu ernst zu nehmende Part aber völlig in Ordnung und der bombastische Abgang passt wie die Faust aufs Auge. Somit ist es amtlich: Man kann etliche Jahre nichts von sich hören lassen und trotzdem mit einem Knall und einer großen Portion Tagträumerei sowie grenzenloser Kreativität ins Rampenlicht springen. „The Light In You“ ist mit seinem Füllhorn an bezaubernden Stimmungen, ansteckenden Melodien und (im Hinblick auf das letzte Drittel) einer großen Portion Chuzpe der beste Beweis dafür!

Anspieltipps:

  • Central Park East
  • Autumn´s In The Air
  • The Queen Of Swans
  • You´ve Gone With So Little For So Long

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