Gossamer - Automaton - Cover
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Gossamer Automaton


  • Label: Innovative Leisure/Rough Trade
  • Laufzeit: 28 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Was ist Musik? Der Klangexperimentator Gossamer verbindet elektronisch und natürlich erzeugte Töne zu seinen New Age-Fantasien.

Synthesizer-Wissenschaftler. Das ist eine Berufsbezeichnung, die sich Gossamer alias Evan Reiner neben Produzent und Gitarrist selbst gegeben hat. Und folgerichtig sind seine oft elektronisch geprägten Kreationen im Grenzbereich zwischen Song und Sound angesiedelt. Denn Reiner ist ein Künstler, der auch schon mit Klanginstallationen experimentiert und deshalb Erfahrungen im Umgang mit experimenteller Musik gesammelt hat. Für seine Kunstform gibt es Referenzen, die bis zu den deutschen Elektronik-Pionieren Deuter und Peter Michael Hamel in die 70er-Jahre zurück reichen. Musik wird hier zur akustischen Reise oder als klangliches, spirituelles sowie bewusstseinserweiterndes Erlebnis verstanden.

Gossamer bewegt sich bei den ersten drei Tracks seines Albums „Automaton“ nicht inmitten von ausgetretenen Elektronik-Sounds-Pfaden. „Thoughtform“ ist New Age für Fortgeschrittene. Naturgeräusche und verfremdete Stimmen bilden die Grundlage für ein Soundtrack-artiges Gebilde, das sowohl Fantasy- wie auch Science-Fiction-Filme stimmungsvoll untermalen könnte. „Print“ nutzt den Minimalismus und damit repetitive Figuren, um mit Hilfe von Xylophon-artigen Tönen eine positive, lebendige Stimmung zu erzeugen. Diese wird mit indianisch anmutenden Stimmfetzen, einem lockeren Drum-Beat und Klängen, die an trötende Bläser-Fanfaren erinnern, angereichert. „3D Relief” wirkt teils komponiert, teils improvisiert, ist also eher eine Klangerfahrung als ein Song.

Evan Reiner bevorzugt Minimal-Art-Aspekte, er verwendet diese jedoch nicht in Form stumpfer Monster-Beats, sondern bettet sie in selten verwendete Samples ein. Exotische Instrumente und Alltagsgeräusche, die unbearbeitet bleiben oder verfremdet werden, gehören dabei auch zu seinem Repertoire. Nach den ersten drei Tracks wird der Ausdruck oft statisch und die Stimmung introvertiert: Die Töne von „Okuma“ plätschern wie leichte Wellen ans Ohr. „Off World“ und „Truax“ schicken sphärische Klänge ins All und warten geduldig auf Antwort. Ruhe und Gelassenheit drückt „For Sleep” aus, hier bewegt sich nur wenig.

Bei „J-Cruise“ verkehrt sich das grundsätzliche Prinzip des organischen Aufbaus und Ablaufs ins Gegenteil. Der Titel klingt wie eine Feldaufnahme eines Trommel-Workshops. Die Trommeln sind hier dominant und penetrant aufdringlich. Sie lassen keinen Raum für andere Eindrücke. Für seine aktuellen Konstrukte nahm Gossamer tatsächlich etliche Eindrücke auf, wie Echos in Tunneln aus Pasadena, dann noch Zikaden, Züge und das Quietschen von rostigen Fahrrädern in Japan.

Die Produktion von „Automaton“ sorgte bei Evan Reiner für ausgleichende Mechanismen, denn diese Tätigkeit half ihm zu erkennen, wo er im Leben steht. Die Musik symbolisiert für den Künstler den Unterschied zwischen einsam und alleine zu sein. Als Klang-Architekt macht sich Gossamer außerdem Gedanken über die Wirkung von Tönen und setzt seine Erkenntnisse psychologisch wirksam ein. Dabei erzeugt er akustische Landschaften, die unterhalten, ohne aufdringlich zu sein, aber trotzdem anregend bleiben, ohne die Gehörgänge zu verkleben.

Anspieltipps:

  • Thoughtform
  • Print
  • 3D Relief
  • Okuma
  • For Sleep

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