Cattle Decapitation - The Anthropocene Extinction - Cover
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Cattle Decapitation The Anthropocene Extinction


  • Label: Metal Blade/Sony Music
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Cattle Decapitation ist endlich der Knopf aufgegangen. Ob da wohl jemand zu viel vom Metzger genascht hat?

Wirft man lediglich einen Blick auf diverse Albumcover der Gruppe, die menschliche Überreste als Fäkalien von Kühen zeigen oder Menschen an sich auf dem Weg zur Schlachtbank bebildern, und hört sich das zwischen tiefem Geröchel, hohem Geschrei und nach einem Würgereflex klingenden Gegrunze des Sängers Travis Ryan an, dann kommt man ohne Zusatzwissen schnell auf die Idee, Cattle Decapitation würden den Metal als Ventil für puren Menschenhass benutzen. Doch damit haben die misanthropischen Texte und Artworks zuallererst nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich bei der Band um eine andersartige Kampagne für Tierschutz, die ihren Fokus auf den Verzehr von Fleisch und die industrielle Tierhaltung legt, indem Menschen in lyrischer Form denselben Begebenheiten wie die diversen Zuchttiere ausgesetzt werden. Die Gruppe lässt sich dabei von Tierschutzorganisationen wie PETA oder Menschen nicht sehr wohlgesonnenen Vereinigungen wie VHEMT oder der Church Of Euthanisia inspirieren, deren erklärtes Ziel es ist, für mehr Tierrechte zu sorgen oder schlicht und ergreifend mit Slogans wie „Save the planet - Kill yourself“ die menschliche Population auszudünnen, da diese schlecht für den Planet Erde wäre.

Cattle Decapitation gaben in mehreren Interviews jedoch zu verstehen, dass keines der Mitglieder aktiv an einer der Gruppierungen teilnimmt. „Our activism, I guess, would be in our lyrics, imagery and themes and it kind of ends there. A lot of people assume that we’re crazy PETA activist warriors for all things green and it’s just not the way - never really has been. It’s just the medium and nobody really reads the lyrics apparently - our fans get it. They understand. And that’s kind of where it ends“, erläutert Ryan. Menschenverachtende Texte wie „This is my body / Pourous, flagella-like due to decomp / This is my blood / Fermented well-aged sanguine / Putrid cocktail” von „Wine of the sanguine“ (zu finden auf der 2000er EP „Homovore“), die an kirchliche Einsetzungsworte erinnern, oder „The human body, in its systematic nature, has 3 primary objectives: 1) Procreate 2) Food Intake 3) The elimination of waste / This is the human equation / One half is feces, the other mammal / The human as shit” von „Humanure“ (Titeltrack der dritten LP vom Juni 2004) zeigen eine sehr pessimistische und menschenfeindliche Weltsicht, lassen die Gruppe in Betrachtung der Gründe hinter diesen Texten und Artworks aber in einem anderen Licht erscheinen.

Hier geht es nicht um die Grausamkeiten der Band, sondern um die Grausamkeiten, die der Mensch an der obersten Stelle der Nahrungskette andere Lebewesen erleiden lässt. Dies mag zwar als eine etwas radikale Art und Weise erscheinen, um auf ein Thema dieser Größenordnung aufmerksam zu machen, doch die Band hält sich hier einfach an das Motto „Extreme Umstände provozieren extreme Aktionen“ und will mit ihrem freiwilligen Handlungsakt ein Umdenken generieren. Die Käufer des letzten Outputs „Monolith Of Inhumanity“ (05/2012) werden deswegen wahrscheinlich nicht alle zu Vegetariern mutiert sein, aber wenn sich zumindest immer mehr Menschen aufgrund von Gruppierungen wie Cattle Decapitation mit Tierschutz und dergleichen auseinandersetzen, dann haben letzten Endes alle gewonnen. Darüber hinaus hat der Extreme Metal-Fan schon alleine deswegen gewonnen, weil der sechste Longplayer der Kalifornier eine absolut perfekte Grindcore-Platte war, die die Kinnlade nicht nur zum Salatverzehr geöffnet ließ.

Mit „The Anthropocene Extinction“ bauen Travis Ryan und seine Gemüsebeet-Kumpels nun auf dem vorzüglichen Smoothie aus Death Metal, Grindcore und Deathcore auf und peppen die unvergleichlich dichte Struktur des Vorgängers mit ein paar kleinen Twists auf. Am auffälligsten betrifft das die stärker in den Kontext eingebundenen Gesangsausbrüche von Ryan, der seine gepressten Klagelaute dieses Mal öfter zum Einsatz bringt und dem Geschehen dadurch wesentlich mehr Dramatik und Tiefe verleiht. Hinzu kommt eine auf Deutsch vorgetragene Spoken Word-Einlage von Jürgen Bartsch (Bethlehem) im Schlussplädoyer „Pacific grim“, das den ohnehin bereits sehr stimmungsvollen Songreigen auf ein gänzlich neues Niveau hebt. Dazwischen wird reichlich Gift und Galle gespuckt („Apex blasphemy“), eine MG-Doublebasssalve nach der anderen verschossen („Plagueborne“) oder mit schleppenden Doom-Elementen am Songwriting geschraubt („Manufactured extinct“).

Wer zudem nicht aufpasst, den erwischt die absolut tödliche Grindwalze namens „The prophets of loss“, die ihren Mahlstrom aus Raserei, mehrstimmiger Boshaftigkeit und unmenschlichen Rhythmuswechseln zusammengezimmert hat oder man wird von der sich immer schneller drehenden Todesspirale in „Clandestine ways (krokodil rot)“ erfasst, bis einem Travis Ryan ins Gesicht kotzt. Es gibt aber auch ein paar schwarze Schafe in der Obhut der Grindcore-Truppe. Diese zerstören zwar nicht den Fluss der Platte oder etwa einzelne Songs, aber sie sind auf jeden Fall ein Dorn im Auge. Paradigmatisch hierfür kann der Track „Not suitable for life“ herangezogen werden, der mit seiner Stop and Go-Mechanik nicht sonderlich innovativ geraten ist, selbst wenn die Nummer abseits davon abgeht wie Schmitts Katze, die in ihrem Sheba-Döschen eine Chilischote vorfinden durfte. Ansonsten scheinen immer wieder kurze Passagen durch, die in ähnlicher Form schon auf dem Vorgänger den Hörer schänden durften oder den Core trifft Death-Gedanken nicht unbedingt weiter ausbauen.

Nichtsdestotrotz hat man es auf „The Anthropocene Extinction“ mit einem Metal-Output allererster Güte zu tun, auf dessen Level sich Cattle Decapitation vermutlich noch für ein paar Alben befinden bzw. ausruhen werden. Abgesehen vom musikalischen Aspekt regen vor allem die anprangernden Lyrics erneut zum Denken an, die sich mit problematischen Themenkreisen wie den Unmengen an Plastikmüll in den Ozeanen und der Ausrottung verschiedenster Tiergattungen durch den Menschen befassen. Das ist in dieser ernst gemeinten Art und Weise nicht selbstverständlich im Metal und sollte, selbst wenn der Vierer beim nächsten Werk qualitativ wieder absinken sollte, definitiv in ein Selbststudium der angesprochenen Probleme führen. Vielleicht kann man nichts an der globalen Situation ändern, aber wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Wirbelsturm auslösen kann, wer weiß, wozu der Kauf des äußerst empfehlenswerten „The Anthropocene Extinction“ führt!?

Anspieltipps:

  • Pacific Grim
  • Circo Inhumanitas
  • The Prophets Of Loss
  • Clandestine Ways (Krokodil Rot)

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