Helen Schneider - Collective Memory - Cover
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Helen Schneider Collective Memory


  • Label: SPV Recordings
  • Laufzeit: 52 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Helen Schneider macht gepflegt-seriöse Musik für das Bildungsbürgertum.

Bevor Helen Schneider im Pop-Bereich Fuß fasste, hatte sie in New York brav klassisches Klavier spielen gelernt. Mit 17 Jahren ist sie dann von zuhause abgehauen, statt ein Stipendium anzunehmen. In den 70er-Jahren spielte sie Blues und in den 80er-Jahren war sie dem Rock zugeneigt. Damit war sie besonders in Deutschland erfolgreich. Unter anderem hatte sie 1981 einen Top-10-Hit mit „Rock`n`Roll Gypsy“ und konnte im Vorprogramm von Udo Lindenberg erlebt werden. 1981/82 wurde die Wahl-Berlinerin von der Deutschen Phono Akademie sogar zur besten Sängerin gewählt.

Neugier war stets der Antrieb für die vielfältigen Stilwechsel, die die Künstlerin durchlebt hat. Heute hängt sie nicht mehr den stürmischen Noten nach, sondern macht Musik für gesittete Erwachsene. Sie bewegt sich dabei sowohl im Bereich des gepflegten Easy Listening, was sie mit einem Tribute-Album für Bert Kaempfert („The World We Knew“, 2010) ausgelebt hat und tummelt sich im weiten Feld des Great American Songbook. Helen hat außerdem etliche Erfahrungen mit Musical-Darstellungen und Chanson-Bearbeitungen gesammelt. Daher versteht sie es vortrefflich, sich blumig, vollmundig und auffallend in Szene zu setzen. Und zwar auch auf die Gefahr hin, dass dies dem Ausdruck nicht gut tut, weil dadurch die Zwiesprache mit den Instrumenten an Charakter verlieren kann.

Für „Collective Memory“ hat Linda Uruburu die Texte verfasst und Gitarrist Jo Ambros sorgte für die Kompositionen. Die beiden Vertrauten haben der Sängerin ihre Entwürfe passend auf den Leib geschneidert, denn nach eigener Auskunft liegt ihr das Interpretieren von Fremdmaterial wesentlich besser als das Verfassen von eigenem Material. Die große Dame des auf Chanson basierendem Musical-Pop kann ihre Sichtweise von Liedern, die ins kollektive Bewusstsein gehören sollten, mit den neuen Stücken mundgerecht interpretieren. Wie schon erwähnt, merkt man dem Gesang die schauspielerische Bildung an. Die vielseitig Begabte erzeugt nicht nur Töne, sie gestaltet sie auch hinsichtlich der textlichen Aussagen, indem die Emotionen phonetisch herausgehoben werden. Der Musical-Star ist also eine schauspielernde Sängerin, die eine Rolle spielt und es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass sie ihre eigenen Gefühle preisgibt. Das ist gewöhnungsbedürftig und wirkt manchmal operettenhaft, aufgesetzt und überbetont.

Die Songs haben durchweg eine seriöse und gepflegte Oberfläche und laufen oft in langsamen und mittleren Tempi ab. Die Musik scheint für das kulturbeflissene Bildungsbürgertum oder den Musical-Fan konzipiert zu sein. Die 62-jährige Künstlerin macht es sich in ihrer Komfortzone bequem und geht gerne in einen unschuldig wirkenden, traditionsbewussten Folk-Music-Modus über, der ihr zusätzliche Ernsthaftigkeit verleiht („Land Of Dreams And Plenty“, „Light Years Away“, „Poem's Half Written“). Außerdem mag die gebürtige New Yorkerin vertraut klingende, leicht erfassbare Pop-Songs („Tell Me Why“, „Bring The Winter On“, „Dreamtime“) und vor allem gemütliche, kontrollierte, nicht zu traurige Balladen („I'll See You Once Again“, „One Step Closer“, „The Shadow Side Of Life“, „Day By Day“, „If I Could Pick A Day“).

Zu einem Helen Schneider-Konzert geht man fein gekleidet und ist ergriffen von der weltgewandten Ausstrahlung der Künstlerin, die sie sich in Jahrzehnten der Bühnenerfahrung erworben hat. Und der geneigte Hörer verlässt im Bewusstsein, ein Ereignis der gehobenen Unterhaltungskultur erlebt zu haben, die Veranstaltung. Die Begleitung der Aufführung ist dabei handwerklich ohne Tadel, fällt aber bieder aus. Nach diesem Prinzip funktioniert auch „Collective Memory“.

Anspieltipps:

  • Land Of Dreams And Plenty
  • Bring The Winter On
  • Poem's Half Written

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