Jean-Michel Jarre - Electronica 1: The Time Machine - Cover
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Jean-Michel Jarre Electronica 1: The Time Machine


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 68 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Teil eins eines Mammutprojekts, das die Geschichte der elektronischen Musik aufarbeitet.

Es ist ein echtes Großprojekt: Die ambitionierte Aufarbeitung der elektronischen Musik aus der Sicht eines Künstlers, der das Genre selbst mit geprägt hat. Für solche Ideen kommen in der Tat nicht wirklich viele Musiker in Frage. Wer will schon hören, wie sich irgendein Jungspund an dem Erbe seiner Vorgänger vergreift? Wer also, wenn nicht Elektro-Pionier Jean-Michel Jarre, hätte sich eine solche Mammutaufgabe einfallen lassen und umsetzen können? Die Antwort fällt eindeutig aus. Schließlich ist der 67-jährige Genre-Guru seit Jahrzehnten für die spektakuläre Umsetzung seiner Musik, zum Beispiel mit gigantischen Live-Events, bekannt.

Jetzt rollt Jarre also die Geschichte der elektronischen Musik aus seiner Perspektive neu auf. Aber natürlich nicht allein. Vier Jahre arbeitete der Franzose an den Songs, für die er 30 Kollaborateure angefragt hatte, die prompt alle zusagten. Damit keiner dieser Kollegen aus dem „Drehbuch“ gestrichen werden musste, wurde das Projekt auf zwei aufeinanderfolgende Alben gestreckt. Nummer eins ist nun an der Reihe, während die Fortsetzung im ersten oder zweiten Quartal 2016 erwartet wird. Ein Grund, warum die Entstehung von „Electronica 1: The Time Machine“ so lange gedauert hat, ist Jarres Old-School-Herangehensweise an die Aufnahme eines Albums. Er trifft sich lieber mit seinen Mitstreitern im Studio und verzichtet, wenn es geht, auf das stumpfe Mailen von Soundfiles.

Im ersten Rutsch erwarten den Hörer 16 Tracks unter der Mitwirkung von u.a. Armin van Buuren, Lang Lang, Air, M83., Pete Townshend (The Who), Moby, Little Boots, Vince Clarke (Ex-Depeche Mode, Erasure), Tangerine Dream, 3D (Massive Attack) und John Carpenter. Ziel war es dabei, den Markenzeichen-Sound Jarres mit dem Input der Kollaborateure zu verbinden und auf diesem Weg die unterschiedlichen Spielarten der elektronischen Musik „einzusammeln“. Dies liest sich noch nicht einmal auf dem Papier wie eine einfache Aufgabe. Schließlich muss so viel, von Pop bis Techno, über Ambient und Trance bis hin zu House Music unter einen Hut gebracht werden.

In Anbetracht dessen, dass der zweite Großmeister des Elektro, Giorgio Moroder (75), Mitte des Jahres mit dem ähnlich gelagerten Kollabo-Projekt „Déjà-Vu“ (06/2015) recht deutlich Schiffbruch erlitten hat, ist der französische Herr über die Synthesizer mutiger und konsequenter unterwegs. Seine typischen Klangteppiche sind zwar nach wie vor unverkennbar („Zero gravity“) und der Input der Kollegen fällt mal dominanter (Pete Townshend in „Travelator part 2“) und mal weniger relevant aus (Laurie Anderson in „Rely on me“). Damit ist „Electronica 1: The Time Machine“ im Vergleich zu „Déjà-Vu“ jedoch das entschieden spannendere Elektro-Album, wenngleich nicht alle Stücke so funktionieren, wie es sich der Meister vorgestellt hat.

Zwischen Avantgarde, Eklektizismus, Nostalgie und dem Versuch, ein paar moderne Elemente in seinen Sound zu implementieren, bewegt sich Jean-Michel Jarre auf einem schmalen Grat. Denn dem Franzosen muss auch klar sein, dass sich Elektro-Hörer nicht pauschal auf jede Ausprägung des Genres verständigen können und deshalb, je nach Geschmack, ein paar Ausfälle auf der Heatmap gelandet sind. Umgekehrt allerdings auch. Denn des einen Flop, ist des anderen Highlight.

So mag dem einen oder anderen beispielsweise das vermeintliche Geklimper eines Lang Lang („The train & the river“) nicht zusagen, während ihm auf der anderen Seite das Herz aufgeht, wenn Pete Townshend mit der E-Gitarre in Jarres Synthie-Welten einbricht. Man sieht, „Electronica 1: The Time Machine“ ist eine wahre Herkulesaufgabe, die kaum zur Zufriedenheit aller über die Bühne zu bringen war. In Anbetracht dessen, ist das Ergebnis allerdings durchaus versöhnend.

Anspieltipps:

  • If…!
  • Glory
  • Stardust
  • Zero gravity
  • Automatic (Part 1)
  • Travelator (Part 2)
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