Al Kooper - Original Album Classics - Cover
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Al Kooper Original Album Classics


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 227 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
7.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Al Kooper ist ein verkanntes und fast vergessenes Genie des Rock. Jetzt gibt es Gelegenheit für eine Wiederentdeckung.

Für die Original Album Classics-Reihe werden jeweils drei oder fünf Alben eines Künstlers in einer Pappbox zusammengestellt. Die CDs sind einzeln in Papphüllen verpackt, die mit dem Originalcover versehen sind, aber kein Booklet enthalten. Manchmal handelt es sich dabei sogar um remasterte Fassungen mit Bonustracks oder um lange vergriffene Werke. Für die neue Al-Kooper-Box wurden die CDs „I Stand Alone” (1968), „You Never Know Who Your Friends Are” (1969), „Easy Does It” (1970), „New York City (You`re A Woman)” (1971) und „Naked Songs” (1973) ausgesucht.

Al Kooper ist als stilprägender Organist auf Bob Dylans „Highway 61 Revisited” (1965) und als Mitspieler bei „Blonde On Blonde“ (1966) und „New Morning“ (1970) aufgefallen. Darüber hinaus war er Mitgründer der innovativen Blues-Band The Blues Project und der Brass-Rock-Band Blood, Sweat & Tears. Außerdem Entdecker von Lynyrd Skynyrd („Sweet Home Alabama“), deren erste drei Alben er auch produzierte. Als Solo-Künstler machte er erstmalig 1967 mit der „Super Session“, einem Album, das gemeinsam mit den Meister-Gitarristen Stephen Stills und Mike Bloomfield eingespielt wurde, auf sich aufmerksam. Die fünf vorliegenden CDs decken einige der wichtigsten darauffolgenden Veröffentlichungen von 1968 bis 1973 ab.

Hört man die Solo-Alben, die Ende der 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre entstanden sind, dann wundert es doch sehr, dass das Multitalent kein Superstar geworden ist. Denn Al Kooper war ein Alleskönner. Es gab kaum einen Stil und keinen Ausdruck, den er nicht einfallsreich in sein Repertoire einbeziehen konnte. Zudem bearbeitete er auch Fremdmaterial überraschend und konsequent. Vielleicht führte seine Vielfalt und eine gewisse überambitionierte Haltung damals zur Überforderung eines breiten Publikums. Es ist anregend, bei Al Kooper auf musikalische Spurensuche zu gehen, Zitate und Einflüsse zu entdecken und alternative Zusammenhänge wahrzunehmen. Der musikalisch weitreichend Interessierte kann sich jedenfalls vortrefflich als Forscher und Entdecker betätigen. Und der Neueinsteiger wird aufgrund der Kreativität ins Staunen geraten.

„I Stand Alone“ von 1968 ist noch stark von den Eindrücken, die „Pet Sounds“ (1966) von den Beach Boys und „Sgt. Pepper`s Lonely Hearts Club Band“ (1967) der Beatles hinterlassen haben, geprägt. Al arbeitet hier unter anderem mit Sound-Gimmicks wie Gesprächsfetzen oder Naturgeräusche sowie mit üppigen Streicher-Arrangements, die sich unverblümt an den erwähnten psychedelischen Meisterwerken orientieren („Overture“, „Coloured Rain“, „I Can Love A Woman“ und „Song And Dance For The Unborn, Frightened Child“). Außerdem gibt es noch groß angelegte, schwelgerische Epen zu hören („I Stand Alone“, „Camille“). Dann noch Cover-Versionen, die ins Klangbild passen („One“ von Harry Nilsson) oder seltsam, beinahe wie eine Persiflage aufgebaut sind („Blue Moon Of Kentucky“ von Bill Monroe). Auch überflüssige experimentelle Spielereien, wie das Orgel-Solo „Soft Landing On The Moon“ und die albernen Lieder „Toe Hold“ und „Right Now For You“ haben ihren Platz bekommen.

Ein Jahr später entstand „You Never Know Who Your Friends Are” und zeigt Fusionen von Jazz und Rock, die aufgrund ihrer Bläserbetonung als Brass-Rock bezeichnet und von Kooper durch seine Arbeit mit Blood, Sweat & Tears maßgeblich entwickelt wurden („Magic In My Socks“, „Loretta“, „I´m Never Gonna Let You Down“). Es gibt wieder „Pet Sounds“-Erinnerungen („Lucille“) und erstklassige Pop-Songs mit Verweisen an The Band, der ehemaligen Begleitgruppe von Bob Dylan („First Time Around“, „You Never Know, Who Your Friends Are“, „Anna Lee“). Außerdem sind inspirierte Cover-Versionen zu hören, so wie die überzeugende Motown-Soul-Adaption von Marvin Gaye`s „Too Busy Thinking About My Baby“ und Harry Nilsson`s „Mourning Glory Story“, das hier die Beach Boys mit Swing bekannt macht. „Great American Marriage“ verbindet Jazz mit dramatischer Filmmusik und zeigt erneut das Talent von Al, neue musikalische Formen zu schaffen. Eher langweilig ist dagegen das Blues-Instrumental „Blues Pt. 4“ geworden, der einzige Makel bei dem Album.

„Easy Does It“ von 1970 war ursprünglich ein Vinyl-Doppelalbum und verarbeitet als einen neuen Schwerpunkt den damals sehr populären Country-Rock („Brand New Day“, „I Bought You The Shoes“, „Let The Duchess No“, „A Rose And A Baby Ruth“), was sich außerdem bei „Country Road“ von James Taylor zeigt. Sehr gediegen ist auch die ausführliche Interpretation von Ray Charles „I Got A Woman“ mit langer Solo-Piano-Einleitung. Blues-Rock mit Bläsern und energischem Gitarren-Solo wird beim Song „Easy Does It“ geboten. Einer der stärksten Stücke von Al Kooper ist „Buckskin Boys“, bei dem er alle Register zieht und ein unglaublich raffiniertes Feuerwerk aus vielen seiner Vorlieben hinbekommt, ohne akademisch zu werden. Im Kern ist das nämlich ein flotter Power-Pop geblieben. Von innigem Ausdruck ist die Ballade „Love Theme From The Landlord“, bei der die Dramatik langsam gesteigert wird. Raga-Rock nannte man Songs, wo die indische Sitar oder Tablas verwendet wurden. Das hat Al bei „Sad, Sad Sunshine“ ausprobiert und das Ergebnis klingt nicht streng nach Weltmusik. Die raumgreifende 13minütige Version des R&B-Klassikers „Baby Please Don`t Go“ enthält sowohl psychedelische wie auch jazzige Elemente und präsentiert Mr. Kooper wieder als nicht ausrechenbaren Musiker mit Kunst-Ambitionen. Dagegen zeigen „She Gets Me Where I Live“ und „God Sheds His Grace On Thee“ lockeren Pop, der auch von Burt Bacharach stammen könnte. „Easy Does It“ ist ein sehr abwechslungsreiches Album geworden, das ungerechterweise kaum bei Auflistungen der besten Doppelalben erwähnt wird.

Mit „New York City (You`re A Woman)” von 1971 ist wieder ein bunter Stilmix gelungen. Der Song „New York City (You`re A Woman)” vereint Las Vegas-Glamour mit Blue Eyed Soul. Auch „John The Baptist (Holy John)” bevorzugt ausladende, opulente Arrangements. Von Southern Soul-Herrlichkeit, glühender Gospel-Verehrung und inniger Leidenschaft wird „Can You Hear It Now (500 Miles)“ getragen. „Ballad Of The Hard Rock Kid“ huldigt der wachsenden Popularität des aufkommenden Hard-Rock und anschließend gibt es mit „Going Quietly Mad“ eine Ballade, wie sie auch von John Lennon oder Harry Nilsson verfasst worden sein könnte. Schwitzende Soul-Power bietet „Medley: Oo Wee Baby, I Love You, Love Is A Man`s Best Friend“ und überschwänglichen Pop hört man bei „Back On My Feet”. Schwebend-jazzig kommt „Come Down In Time” daher und „Dearest Darling” transportiert R&B-Erdung, Soul-Ekstase und Funk-Rhythmus. „Nightmare #5“ verinnerlicht den Roots-Rock von The Band und mit „The Warning (Someone`s On The Cross Again)“ wird Soft-Rock geboten, der in Soul und Cabaret verankert ist.

Die jüngste CD in der Box ist „Naked Songs“ von 1973. Al Koopers Integrationsgeist lief weiter auf Hochtouren. Munter bediente er sich vorurteilsfrei im Pop-Universum und ließ die Stil- Kombinationen teils vertraut, teils ungewohnt klingen. So ist „(Be Yourself) Be Real” eine clevere, emotional aufgeladene R&B/Soul/Pop-Nummer, deren Bestandteile bekannt vorkommen. Ganz im Gegensatz zu „Been & Gone“, einem experimentellen Pop-Song mit außergewöhnlichem, unkonventionellem Aufbau. Im Original stammt die Komposition von der Jazz/Avantgarde-Sängerin Annette Peacock. Neben weiteren Fremdtiteln (dem Gospel „Touch The Hem Of His Garment“ von Sam Cooke und dem Country-Folk „Sam Stone“ von John Prine) zeigt Al, dass er auch Swamp-Rock a la Creedence Clearwater Revival mit Country & Western vermählen („Blind Baby“) sowie die große Show-Bühne bedienen kann („Jolie“). Nur der Blues-Jam „As The Years Go Passing By“ ist ihm zu lang geraten, ansonsten sind die „Naked Songs“ sehr unterhaltsam bis erstaunlich geraten.

Al Kooper ist eine lebende Legende. Die Leistungen des Komponisten, Arrangeurs, Gitarristen und Keyboarder füllen Seiten. Dass es seine teils schwer zu bekommenden CDs jetzt preisgünstig wieder gibt, ist eine Bereicherung, auch wenn es keine Bonus-Tracks gibt. Diese Original Album Classics Box ist eine Empfehlung an Musikfreunde, die die musikalischen Errungenschaften der 60er- und 70er Jahre in der Rockmusik zu schätzen wissen oder einen Helden dieser Zeit entdecken möchten.

Anspieltipps:

  • Buckskin Boys
  • New York City (You`re A Woman)
  • I Stand Alone
  • First Time Around
  • Too Busy Thinking About My Baby
  • Country Road
  • Can You Hear It Now (500 Miles)
  • (Be Yourself) Be Real

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