Will Varley - Postcards From Ursa Minor - Cover
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Will Varley Postcards From Ursa Minor


  • Label: Xtra Mile Recordings
  • Laufzeit: 51 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

An alle gekünstelten Optimisten, die Problemen lieber aus dem Weg gehen und an Melancholie nichts finden: Wir sind dann mal ohne euch weg und hören Will Varley.

Uff, Will Varley ist keine leichte Kost. Seine den Journalismus und die Politik kritisierende Nummer „We Don't Believe You“ sollte auf jeder Demo ihren Platz finden und auch sonst schreibt und singt der Songwriter von den größeren Problemen und Fragen. Das Cover auf „Postcards From Ursa Minor“ verrät schon, dass es um Perspektiven geht, die über unser bloßes Dasein hinausgehen. Das All und seine unendlichen Weiten sind oftmals Ansporn für die hier veröffentlichten Lieder, die von Einsamkeit („The Man Who Fell To Earth“), Relativität („The Endlessness And The Space Between“), Freiheit („Concept Of Freedom“) und vom Zweifel an der Menschlichkeit („Is Anyone Out There?“) berichten.

Wer nun erst einmal schlucken muss und wem das deutlich zu tief geht, der ist bestimmt nicht allein da draußen. Auch Varley scheint zu merken, dass seine Musik durchaus Aufmerksamkeit und im besten Fall auch Konsequenzen erfordert. Genau deswegen öffnet das Album seine dichten Vorhänge mithilfe des gefühlten Trinkliedes „As For My Soul“. Zwar ist auch dieser Song kein oberflächliches Stück Songwriting, doch die Musik macht in diesem Fall den Ton und nicht wenige Menschen werden zu dieser Musik tanzen und ein weiteres Bier bestellen, während Will Varley von ewig währenden Anstrengungen erzählt. Na, Prost!

Doch so wie im ersten Lied die Stimmung auch tief traurig stimmende Texte in Unterhaltung verwandelt, hat Varley nicht bloß für Texte, sondern auch für Melodien ein Gespür. Abgesehen vom absurden und auf lustig getrimmten „Talking Cat Blues“ versieht der Liedermacher seine Lieder mit schnell ins Blut gehenden Tönen. Romantisch melancholische Klänge in „The Man Who Fell To Earth“ und „Is Anyone Out There?“ gehen genauso gut wie kleine Ohrwürmer der Marke „Seize The Night“ ins Ohr. Obwohl Varley äußerst minimalistisch vorgeht, klingen die Tracks stets unterschiedlich genug, dass nicht alles zu einem Song zu vermischen droht, auch wenn man den Text nicht immer mit voller Aufmerksamkeit verfolgt.

Aber Varley ist nicht einfach nur gut. Sein Gespür bringt ihn immer wieder auf eine Stufe mit den ganz großen Namen des Genres. Wenn in „From Halcyon“ alles zusammenkommt, dann muss neidlos anerkannt werden, dass es nicht viel besser geht. Das ist Musik, die problemlos in den Raum geworfen werden darf, wenn es um Spitzenklasse geht. Dabei beschränkt sich dieses Lob nicht auf bald erscheinende Jahresbestenlisten, sondern auch auf hitzige Kneipendiskussionen über richtig gute Singer/Songwriter-Musik.

Kümmern wir uns also noch schnell um die Schönheitsflecken, die so manchem Griesgram aufstoßen könnten. „Talking Cat Blues“ ist eher ein cleveres Statement als ein Song von Weltformat und „Dark Days Away“ gerät am Ende vielleicht ein Stück zu weich. Das kann man als Kritiker so stehen lassen. Der Wahn, an jeder Ecke zu mäkeln, erscheint jedoch ziemlich überflüssig und überhart, wenn ein Songwriter durchgehend unglaublich gute Texte großteils mit einprägsamen Melodien verbindet. „Postcards From Ursa Minor“ ist kein perfektes Album, weil es kein perfektes Album gibt. Das Album ist allerdings genau das, was es sein soll. Eine nachdenkliche Platte voller Botschaften, die jeder früher oder später auswendig lernt, weil die Musik zu erneuten Hördurchgängen und zum Mitsingen einlädt. Das wird Sonnenscheinoptimisten und Fans vielfältiger Arrangements nicht unbedingt überzeugen, doch für solche Menschen ist dieses Album auch nicht gemacht worden.

Anspieltipps:

  • From Halcyon
  • Is Anyone Out There?
  • As For My Soul

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