Elvis Costello - Unfaithful Music & Soundtrack Album - Cover
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Elvis Costello Unfaithful Music & Soundtrack Album


  • Label: Concord/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 160 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Elvis Costello veröffentlicht seine Memoiren und bietet auch gleich den Soundtrack dazu an.

Elvis Costello kam am 25. August 1954 als Declan Patrick Aloysius MacManus in London zur Welt. Sein Vater war der Sänger, Komponist und Trompeter Ronald Patrick „Ross“ MacManus, der mit dem Song „Patsy Girl“ 1966 einen Hit landete. Costello platzte mit seinem Debutalbum „My Aim Is True“ im Jahre 1977 in das britische Punk- und New Wave-Phänomen und wurde sofort darin vereinnahmt. Dabei passte der ehrgeizige, wissbegierige Musiker weder äußerlich, noch von der Einstellung her in diese Zielgruppe. Seine Erscheinung erinnerte eher an eine Reinkarnation von Buddy Holly oder an einen Buchhalter als an einen Punk. Geprägt von der Musik der Beatles und von den Arrangement-Künsten eines Burt Bacharach, war er komplexen Strukturen zugeneigt, die mehr als drei Akkorde enthielten. Außerdem konnte er Gitarre und Piano spielen, wodurch seine Ausdrucksmöglichkeiten weiter gefächert waren als beim Durchschnittsmusiker. Einige seiner Songs transportierten jedoch die unbändige Energie der Zeit und passten deswegen zu der explosiven Bewegung. Es gab auch herzzerreißende Balladen, die so gar nicht zum Umfeld einer Revolte gehörten, so dass der talentierte Brillenträger als Musiker eigentlich zwischen allen Stühlen saß. Die Kritiker feierten seine Leistungen aber dennoch ab und legten damit die Grundlage für eine erfolgreiche Karriere, die bis heute andauert.

Nun hat der Künstler unter dem Titel „Unfaithful Music And Disappearing Ink“ seine Memoiren verfasst und liefert gleich die akustische Begleitung dazu mit. Die vorliegende Doppel-CD wurde von Elvis persönlich zusammengestellt, wobei Songs auswählt wurden, zu denen es eine besondere emotionale Bindung gibt und die einen Zusammenhang zu den Themen und Geschichten des Buches bilden. Neben Solo-Nummern und Einspielungen mit seinen Begleitbands The Attractions, His Confederates, The Sugarcanes und The Imposters nimmt die Zusammenarbeit mit anderen Kollegen einen breiten Raum ein. Besonders dürfte dem ausdrucksstarken Sänger dabei der Song „Stranger In The House“ am Herzen liegen, der von seinem großen Gesangs-Idol, dem Country-Sänger George Jones, begleitet wurde. Mit dem Album „Almost Blue” von 1981 betonte der Londoner Großstadt-Cowboy dann auch nachdrücklich und kompetent seine Liebe zur Country-Musik. Der hier enthaltene Song „Almost Blue” ist jedoch kein Country, sondern eine feinnervige Jazz-Ballade, die vom Trompeter Chet Baker beeinflusst wurde.

Viele Aufnahmen aus dem Repertoire des Song-Schmieds sind von großem musikalischen Wert, so wie die Lieder, die sich aus den Begegnungen mit der New Orleans-Legende Allen Toussaint („Ascension Day”) und dem Easy-Listening-Pabst Burt Bacharach entwickelt haben („In The Darkest Place”). In beiden Fällen spornten sich die Beteiligten zu Höchstleistungen an und schufen bewegende Pop-Musik für die Ewigkeit. Dass Costello keine Berührungsängste hat, bewies er z.B. durch eine Hinwendung zur Klassik („I Want To Vanish”), die er auch durch die Kooperation mit den Streichern des Brodsky Quartet („The Birds Will Still Be Singing”) auslebte. Das vorzügliche Teamwork mit den HipHoppern von The Roots ist hier sogar mit zwei Beispielen („Cinco Minutos Con Vos“, „Wise Up Ghost”) vertreten.

Die Lieder wurden nicht chronologisch angeordnet, so dass ein spezieller Flow angestrebt werden konnte, der die Vielfalt demonstriert, aber auch den qualitativen Kern der Songs herausstellt. In diesem Zusammenhang wird die Güte der Costello-Kompositionen erneut deutlich. Egal ob nun der druckvolle Reggae-Punk von „Watching The Detectives” eine aggressive Seite hervorbringt oder „When I Was Cruel No.4” dem TripHop zugeneigt ist. Costello besitzt genügend Einfühlungsvermögen, um alle Winkelzüge überzeugend umzusetzen. Das frühe „Alison”, in dem es um unerwiderte Liebe geht, rührt auch heute noch zu Tränen und einen perfekt-raffinierten, verwinkelten Song wie „Man Out Of Time” hört man auch nicht alle Tage.

Die Auswahl enthält außerdem die größte Annäherung von Herrn MacManus jr. an den Mainstream („The Other Side Of Summer“) und mit „Shipbuilding“ einen politischen Beitrag zur Falkland-Krise von 1982. „Bedlam” transportiert gehetzte innere Unruhe genauso authentisch wie „I Want You” verzehrende Leidenschaft verkörpert. „Couldn’t Call It Unexpected No. 4” zaubert dann noch mit leichter Hand Jahrmarkts-Bilder mit sich gemütlich drehenden historischen Karussels vor das geistige Auge.

Elvis Costello ist ein Ton-Magier, der aus dem verfügbaren Portfolio der musikalischen Schwingungen auf Basis seiner Erfahrungen und Eindrücke einen bunten Strauß eigentümlicher, persönlicher Reflektionen entwirft. Und das gelingt ihm häufig so vortrefflich, dass diese subjektive Reihenfolge ein hohes Maß an Unterhaltungswert abwirft. Diese Werkschau wird von einem 38seitigen Booklet begleitet, das alle Texte zu den ausgesuchten Songs enthält. Leider gibt es keine Kommentare zu der Auswahl, die verdeutlichen könnten, warum grade solch eine Abfolge getroffen wurde. Darüber kann der Interessierte wahrscheinlich im Buch mehr erfahren.

Der Hard-Core-Fan wird mit zwei unveröffentlichten Songs geködert: Die betörend schöne Ballade „April 5th” mit Rosanne Cash, John Leventhal und Kris Kristofferson sowie die frühe Demo-Aufnahme „I Can’t Turn It Off”. Außerdem gibt es noch drei gesprochene Anekdoten zu hören, die nicht für die gedruckten Erinnerungen verwendet wurden. Auch für den neugierig gewordenen Hörer ist diese mit fast 180 Minuten Spielzeit optimal ausgereizte Mischung aus bekannten und raren Stücken ein schöner Einstieg in die schillernde musikalische Welt des Elvis Costello.

Anspieltipps:

  • Watching The Detectives
  • Man Out Of Time
  • I Want You
  • Beyond Belief
  • In The Darkest Place
  • Wise Up Ghost
  • Alison
  • April 5th

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