Unheilig - MTV Unplugged: Unter Dampf - Ohne Strom - Cover
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Unheilig MTV Unplugged: Unter Dampf - Ohne Strom


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 110 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
2.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Unheilig tauschen E-Gitarre gegen Orchester, holen sich Helene Fischer auf die Bühne und drücken konsequent auf die Tränendrüse. Da müssen selbst Fans schlucken.

Vor etwas mehr als einem Jahr, genau am 5. Oktober 2014, gab Unheilig-Mastermind Der Graf bekannt, dass er das Unheilig-Projekt nach dem finalen Studiowerk „Gipfelstürmer“ (12/2014) und einer Abschiedstournee beenden wolle. Seitdem wurde das lang angekündigte Unheilig-Ende nach allen Regeln der Kunst zelebriert und kommerziell mit zahlreichen Veröffentlichungen ausgeschlachtet. So gab es bereits vor der „Gipfelstürmer“-Platte eine Best-Of-Sammlung, gefolgt von gleich zwei „Gipfelstürmer“-Live-Alben im Juni und einer luxuriösen Vinyl-Box im November. Doch das war noch immer nicht das Ende der Fahnenstange. Denn das große Finale steht erst noch bevor.

Der Musik-Fernsehsender MTV lud den Grafen mit seiner Band im Oktober 2015 zu einer Unplugged-Aufzeichnung ein. Damit sind Unheilig nach Cro und Revolverheld der dritte deutsche Act, der in diesem Jahr ein offizielles „MTV Unplugged“-Album auf den Markt bringt. Mit diesem Ritterschlag sollte das Kapitel Unheilig eigentlich endgültig beendet sein. Doch die Band befindet sich noch bis September 2016 auf Tournee. Und wer weiß, was danach kommt. Die Scorpions haben ja quasi auch ihren Rücktritt vom Rücktritt verkündet, um scheinbar doch weiterzumachen.

Also holen wir zum vielleicht doch nicht letzten Mal die Taschentücher raus und geben uns dem aus der Gothic-Szene entwachsenen Pathos-Pop-Rock von Unheilig hin, der in der Unplugged-Version zwar unter Dampf stehen, aber wie es sich gehört, ohne Strom auskommen soll. Legendenbildung muss eben sein, auch wenn die Wahrheit anders aussieht. Denn den Strom haben Unheilig gewiss nicht ganz abgeschaltet. Wozu auch? Machen die anderen ja auch nicht. So ist gewährleistet, dass auch der Unplugged-Gig pompös und pathosreich daherkommt.

Unterstützt von einem großen Orchester und der obligatorischen Handvoll Stargäste, bleiben Unheilig dem Unplugged-Konzept treu, wobei sich an den musikalischen Gästen der Karriereweg von Unheilig schön nachzeichnen lässt. So stehen Alea der Bescheidene (Saltatio Mortis) und Thomas Lindner (Schandmaul) stellvertretend für die Ursprünge in den Nullerjahren und den Faktor Rockmusik („Eisenmann“), während ein Popstar wie Cassandra Steen (35) und die Schlagerkönigin Helene Fischer (31) die kommerziell erfolgreichen Hitparadenstürmer widerspiegeln, die mit Genre-Koordinaten wie Neue deutsche Härte und Elektro- bzw. Gothic-Rock nichts mehr zu tun haben („Geboren um zu leben“, „Zeitreise“).

Auf diese Weise führt „MTV Unplugged: Unter Dampf - Ohne Strom“ den Hörer noch einmal quer durch das Unheilig-Universum, das durch den Tausch von E-Gitarre gegen Orchester für Nicht-Fans auch nicht erträglicher wird. Der Graf hatte eben schon immer einen übertriebenen Hang zu Gefühlsduselei und Pathos in Wort und Ton, der in den Orchester-Arrangements noch stärker zum Ausdruck kommt („Mein Stern“, „Geboren um zu leben“, „Zeitreise“). Völlig konsequent lässt er deshalb Cassandra Steen und Helene Fischer gleich in vier Songs auf die Tränendrüse drücken.

In solchen Momenten wird auch dem Letzten deutlich, dass die Melodien von Unheilig zuletzt in Schlager-Dimensionen angekommen waren („So wie du warst“, „Lichter der Stadt“), wie auch das neue, bei den „Gipfelstürmer“-Sessions übriggebliebene Stück „Einer von Millionen“ beweist, das auf „MTV Unplugged: Unter Dampf - Ohne Strom“ seine Premiere feiert. Mit dieser Methode ist es dem Grafen in den vergangenen Jahren gelungen, ein Patentrezept zu kreieren, das ein extrem großes Publikum gefunden hat, aber auch einige Angriffspunkte mit sich bringt.

So verhielt es sich am Ende mit Unheilig wie mit der Bild-Zeitung und McDonald‘s: Hört keiner, liest keiner, geht keiner hin und trotzdem weiß jeder Bescheid – und Unheilig holen sich die nächste Nummer eins in den Charts. Deshalb muss diese Band natürlich nicht als Teufelszeug verunglimpft werden, aber die Geschmackspolizei hat durchaus einiges zu tun, wenn Schmachtfetzen wie „Große Freiheit“, „Goldene Zeiten“ oder auch „Geboren um zu leben“ mit einer Extraportion Zuckerguss garniert werden und sich der Graf in seltendämlichen „Dankeschön, bitteschön“-Spielchen mit dem Publikum vergnügt. In solchen Momenten kann man wirklich froh sein, dass es mit diesem Projekt demnächst vorbei ist.

Anspieltipps:

  • Zeitreise
  • Mein Stern
  • Große Freiheit
  • An deiner Seite
  • Glück auf das Leben
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