Jimi Hendrix - Electric Church - Cover
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Jimi Hendrix Electric Church


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 105 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Electric Church“ zeigt Jimi Hendrix auf der Bühne des Second Atlanta International Pop Festivals am 4. Juli 1970 in Bestform.

Das Jimi Hendrix-Archiv scheint unerschöpflich zu sein. Gefühlt werden ständig Ton- und Bilddokumente entweder entdeckt, restauriert oder vervollständigt. Als Beobachter bekommt man den Eindruck, dass Jimi seine Zeit - abgesehen von Schlafen und Essen - nur auf der Bühne oder im Studio verbracht hat. Zumindest war er ein gern gesehener Gast auf den großen Festivals. So spielte er bei der Mutter aller Open-Air-Veranstaltungen, dem Monterey Pop Festival 1967, beim Miami Pop Festival 1968 und natürlich als Headliner beim Woodstock Festival 1969.

Aktuell wurde gerade der Auftritt der Jimi Hendrix Experience beim Second Atlanta International Pop Festival am 4. Juli 1970 als Audio-Mitschnitt („Freedom: Atlanta Pop Festival“) veröffentlicht. Und nun ist das Ereignis auch noch in Form bewegter Bilder nachzuverfolgen. Wobei die CD-Version allerdings drei Songs mehr als der Film enthält („Lover Man“, „Hear My Train A Comin“, „Message To Love“).

Das zweite Atlanta Pop Festival fand vom 3.-5. Juli 1970 nahe des Ortes Byron im Bundesstaat Georgia auf dem Gelände einer Pferderennbahn statt. Es traten mehr als 30 Künstler und Bands wie The Allman Brothers Band, Grand Funk Railroad, B.B. King, Poco, Bob Seger und Johnny Winter auf. Die Schätzung der Besucherzahl lag zwischen dreihunderttausend bis fünfhunderttausend Personen. Damit waren wahrscheinlich mehr Leute anwesend als in Woodstock ein Jahr zuvor.

Die Filmrollen des professionellen Mitschnitts lagen bislang unentwickelt im Schuppen des Produzenten Steve Rash, weil es keine vertragliche Einigung über die Ausstrahlungsrechte gab. Zum Glück hat der Zahn der Zeit nicht zu arg an den Bändern genagt, so dass jetzt die technisch gut überarbeitete Fassung vermarktet werden kann.

Jimi trat mit seiner Experience auf. Also mit dem durch sein jazziges Schlagzeugspiel scheinbar neben der Spur agierenden Mitch Mitchel und dem neuen, stoischen Bassisten Billy Cox, der Noel Redding ablöste. Hendrix absolvierte einen lebhaften Set mit relativ straff organisierten Songs. Auf langatmige Jams wurde weitgehend verzichtet. Nur die Blues-Nummern „Red House“ und „Hear My Train A Comin“ (nur auf CD) sowie „Voodoo Child (Slight Return)“ bewegen sich um die 8- bis 9-Minuten-Marke. Ansonsten ist der psychedelische Blues-Rock des Meisters oft ruppig, aber relativ kompakt angelegt. Der Musiker, der privat eher schüchtern und zurückhaltend war, zeigte auf der Bühne häufig seine wilde, unbändige, zügellose Seite. Er ließ seine Stratocaster aufheulen, feuerte irrlichternde, schwindelerregende, grelle Gitarrensalven ab und gebärdete sich wie ein Voodoo-Zauberer an seinem Instrument. Durch sein buntes Paradiesvogel-Outfit, seine alles andere in den Schatten stellende Bühnenpräsenz und die unkonventionelle, herausragende Gitarren-Technik - die auch das Bedienen der Saiten mit dem Mund einschloss - wirkt dieses optische und akustische Gesamtkunstwerk auch aus heutiger Sicht noch anarchisch, provokativ und exotisch.

Erstmals stellte der Mann aus Seattle auch Stücke seines geplanten, neuen Studioalbums „First Rays Of The New Rising Sun“ einem größeren Publikum vor („Room Full Of Mirrors“, „Freedom“, „Straight Ahead“). Die neuen Songs hinterließen hier einen beweglichen, munteren Eindruck. Das Konzert gehört zu den interessantesten Überlieferungen des Meister-Gitarristen, weil es ihn flexibel, agil, straff organisiert und auf der Höhe seiner Kunst zeigt.

Das Konzert fand im Halbdunkeln statt, da nicht genügend Strom vorhanden war, um Bühne und Backstage-Bereich ausreichend auszuleuchten. Unbeirrt davon lieferte der Gitarren-Gott eine beeindruckende Show ab. Bei „All Along The Watchtower“ erwischte er zwar einen Fehlstart, konnte diesen aber souverän für eine Neuinterpretation seiner Version des Bob Dylan-Klassikers nutzen. Für das Zerlegen der amerikanischen Nationalhymne „Star Spangled Banner“ benötigte er an diesem Nationalfeiertag nicht mal drei Minuten, während im Hintergrund ein (Mini-)Feuerwerk aufflammte.

Der Schnitt des Films ist abwechslungsreich, ohne hektisch zu sein. Hendrix wird in verschiedenen Einstellungen und Perspektiven gezeigt, so dass man sowohl seine Körpersprache wie auch seine Technik beobachten kann. Als Bonus bietet die DVD/Blu-ray noch eine Video-Aufbereitung des Rockabilly-Blues-Hybriden „Room Full Of Mirrors“. Die Dokumentation wurde außerdem informativ aufbereitet. Neben Zeitzeugen, die damals die Vorbereitungen und den Ablauf miterlebten, kommen auch prominente Musiker wie Paul McCartney, Steve Winwood, Derek Trucks und Susan Tedeschi zu Wort. Sie berichten über die damaligen Eindrücke und ihr Verhältnis zum Künstler. Paul McCartney fasst das Phänomen des Ausnahme-Gitarristen so zusammen: „Viele haben damals eine Menge vom Gitarre spielen verstanden, aber Jimi schien immer noch etwas mehr darüber zu wissen, als alle anderen.“

Durch die Hintergrundinformationen wird die Berichterstattung und Aufarbeitung rund und fängt sowohl die Atmosphäre der Großveranstaltung wie auch die Bedeutung des Gitarrenhelden lebendig ein. Das Atlanta Pop Festival von 1970 war das letzte große Event seiner Art in den USA. Jimi spielte danach noch am 31. August 1970 auf der Isle Of Wight und beim Love-And-Peace Festival auf Fehmarn am 6. September 1970. Nur 12 Tage später starb der wegweisende Musiker dann in einem Hotelzimmer in London.

Anspieltipps:

  • Room Full Of Mirrors
  • All Along The Watchtower
  • Purple Haze
  • Hey Joe
  • Straight Ahead

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