Dota Und Die Stadtpiraten - Keine Gefahr - Cover
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Dota Und Die Stadtpiraten Keine Gefahr


  • Label: Kleingeldprinzessin Records
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Über deutschsprachige Musik: „Selten sehen wir Schmetterlinge und die schönsten sind die scheuesten.“

„Man braucht keine neuen Lieder mehr, Funny hat alle geschrieben“, heißt es in „Spiegel der Zeit“ auf Dota Kehrs neuem Album „Keine Gefahr“. Dass wir anscheinend doch solche brauchen, beweist Mastermindin Dota wie eh und je. Und sie liefert sie, lässt sie als Pop-Rock-Chanson-Liedermacher-Irgendwas-Chimäre trotzig durch den Vorgarten der deutschen Musiklandschaft stampfen und erfindet sich immer wieder ein bisschen neu, ohne sich dabei selbst allzu untreu zu werden. Ihre größten Trademarks - eine unglaubliche Freude an der deutschen Sprache, Weisheiten und Banalitäten, Wortgewalt und genaue Beobachtungen - bleiben natürlich. Genauso die Frage, was nach ihrem Magnum Opus „Wo soll ich suchen“ (2013) überhaupt noch kommen soll. Die Liedermacherin hat die Antworten und auch wenn das hohe Niveau des Vorgängers nur angekratzt wird, bekommen Freunde (wirklich!) guter deutscher Musik natürlich die volle Breitseite. Peng! Puff! Pamm! Dota was here!

Gut, das hat sich jetzt viel mehr wie ein Fazit und weniger wie eine Einleitung gelesen, aber das macht ausnahmsweise nichts. „Keine Gefahr“ ist auf der sicheren Seite und wer sich mal die Diskographie der Frau Kehr anschaut, wird das natürlich schon von Anfang an gewusst haben. Fans von Dota verbreiten die Kunde eh schon seit Jahren: „Dota ist gut, Dota ist toll, Dota ist ein Geheimtipp.“ Die ernüchternde Antwort: „Wieso Geheimtipp? Ich und zwei Kumpels zocken DOTA voll intensiv.“ Was dann passiert: Kopfhörermädchen (und -jungs) schalten ab und erfreuen sich am (immer noch) Geheimtipp und was da so alles passiert. Auf „Keine Gefahr“ experimentieren Dota und ihre Band mehr denn je mit elektronischen Klängen. Das ist heute ja ganz angesagt, aber Dota wäre nicht Dota und ihre Band nicht ihre Band, wenn sie es nicht stilvoll, intelligent und songdienlich gemacht hätten. Elektro ist hier gar nichts, genau so wenig ein kalkuliertes Trendprodukt. Viel mehr erobert die Kleingeldprinzessin ein neues Fleckchen ihrer Eigenständigkeit: Liedermacher Prog mit einer Prise Moderne Elektronika? Vielleicht.

Die späten Juli haben das ebenfalls gut hingekriegt, Dota zieht nach und auch ihr gelingt es. Während das geladene „Vergiftet“ noch demonstrativ einen düsteren Popsound elektronisch durchwirbelt, sind es die ruhigen und intimen Kompositionen „Weit, weit, weit“, „Nah“ und der Titeltrack, welche durch den subtilen Einsatz sphärischer Elektroklänge am meisten profitieren. Die melancholische Seite steht der Frau Kehr wie so oft am besten. Der Kontrast in Form von flotten, beschwingten Nummern funktioniert aber ebenso. Das bereits erwähnte „Spiegel der Zeit“ ist ein leider viel zu kurz geratenes „Beobachterlied“ Dotas, „Rennrad“ dann ein unfassbarer Hit und der vielleicht beste Wir sind Helden-Song, den die Band niemals geschrieben hat. Und auch sonst geizt die Band und ihre Protagonistin nicht mit starken Momenten: „Mantel“ ist eine sich entladende Indie-Hymne, „Die Diebe“ verspielt-mysteriös und „Stille Wasser“ entspannend, reduziert und einfach nur angenehm zu hören.

Lediglich das hauptsächlich instrumental gehaltene „Unter einem Jahr“, das nahtlos in den Titeltrack überzugehen scheint, wirkt deplatziert, und das im Vorfeld veröffentlichte „Grenzen“ ist eine Weltverbesserungshymne, welche zwar bewusst naiv gestaltet wurde, mit der sich Dota aber kaum einen Gefallen tut. „Ich will einen Pass in dem Erdenbewohner drin steht“ - die Phrase kursiert schon seit Jahren durch soziale Netzwerke und ist mindestens genauso abgedroschen wie irgendwelche Memes mit „tiefsinnigen“ Sprüchen. Ein sehr gutes Album ist „Keine Gefahr“ natürlich trotzdem geworden. Die ganz großen Momente des Vorgängers („Im Tausch“, „Du musst dich nicht messen“ oder auch die B-Seite „Fahrtwind“) bleiben zwar aus, aber vieles kommt verdammt nah dran. Mit dem Gros der deutschsprachigen Musik wischt „Keine Gefahr“ sowieso den Boden auf und jedes noch kommende deutschsprachige Album wird sich im Jahre 2016 mit diesem Werk messen müssen - auch wenn „Keine Gefahr“ wie schon seine Vorgänger das große Alben-Phantom bleiben wird. Für Liebhaber, für Kenner, für Menschen, die Freude am Wort und an Musik haben. Das reicht uns und Dota lässt uns da nicht im Stich.

Anspieltipps:

  • Mantel
  • Rennrad
  • Weit, weit, weit
  • Keine Gefahr
  • Nah
  • Spiegel der Zeit

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