Swallow The Sun - Songs From The North I, II & III - Cover
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Swallow The Sun Songs From The North I, II & III


  • Label: Century Media/Sony Music
  • Laufzeit: 154 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein anspruchsvolles, zu beinahe jeder Stimmung passendes Dreifach-Album, dessen Aufteilung kein schnöder PR-Gag ist.

In ihrem Heimatland läuft es für die Doom/Death-Kapelle Swallow The Sun nach Maß. Nachdem bereits 2008 die EP „Plague Of Butterflies“ den ersten Platz belegen konnte, sicherte sich der fünfte und bislang letzte Longplayer „Emerald Forest And The Blackbird“ (02/2012) die Silbermedaille. Als Dankeschön arbeiteten Mikko Kotamäki (Gesang), Juha Raivio (Gitarre), Markus Jämsen (Gitarre), Matti Honkonen (Bass), Aleksi Munter (Keyboard) und Juuso Raatikainen (Schlagzeug) für ihre Fans zum 15-jährigen Bandjubiläum an etwas ganz Besonderem. Nicht weniger als ein Triple-Album soll das Portfolio der sechs Finnen zieren, angereichert durch die ambitioniertesten Kompositionen, die Swallow The Sun je auf eine CD gebannt haben.

Im Gegensatz zu anderen Doppel- und Dreifachpackages handelt es sich bei „Songs From The North I, II, III“ jedoch nicht um einen schlicht und ergreifend auf die dreifache Länge angehobenen Songzyklus, sondern um eine facettenreiche Reise in die (Un)Tiefen des Melodic Death/Doom-Genres. Teil 1 markiert die stilistische Fortsetzung zum Vorgänger, Teil 2 wirft hingegen sämtlichen düsteren Ballast ab und präsentiert sich als von akustischen Szenerien getriebenes Halbinstrumentalalbum, während Teil 3 den Bandnamen für bare Münze nimmt und in schleppende Funeral Doom-Sphären vorstößt, die die Fangemeinde spalten werden. Angesichts dieser deutlichen Unterschiede mag vielleicht ein roter Faden bezweifelt werden, allerdings bringt es Gitarrist und Songschreiber Raivio auf den Punkt, wenn er meint: „Who cares if it‘s doom or if it’s pop? As long as it’s 100% from the heart, then the goal is reached.“

Zustimmend nickend erklingen dann auch schon die ersten Töne des Openers von Teil 1, der in „With you came the whole of the world´s tears“ mit genialen Gegensätzlichkeiten zu punkten weiß. Selten lagen weltumarmende Herzlichkeit und alles nieder schmetternde Düsternis so eng beieinander. Mit ähnlicher Motivik spielen Swallow The Sun auch in den übrigen Stücken, allerdings wird meist versucht, eine grandiose Melodie oder andere Anhaltspunkte zu installieren, die den Hörer das Schauspiel aus Drama, Melancholie und fehlender Zuspitzung in Form eines kathartischen Ausbruchs genießen lassen. Die fabelhafte Gitarrenarbeit, die sich stark an Insomnium orientiert, ist hier z.B. genauso hervorzuheben wie die hellen Keyboardtupfer in „Heartstrings shattering“, der Schlagabtausch zwischen Klargesang und grummeligen Growls in „Rooms and shadows“ oder die direkt ins Herz zielende Einbindung von sanftem Frauengesang, der mehr als einmal für Gänsehaut sorgt.

Im Beginn von „Lost & catatonic“ fühlt man sich angesichts des infernalischen Chors an die „Carmina Burana“ erinnert und „From happiness to dust“ erobert sich überhaupt durch empathische Streicher, himmelwärts gleitende Gitarren und einen Orgelpart im hinteren Drittel eine Top 5-Platzierung in den „Welcher Song soll auf meiner Beerdigung gespielt werden?“-Charts, was bei Part I insgesamt zu einem abwechslungsreichen, atmosphärisch-dichten und absolut grandiosen Gesamteindruck führt. Mit „The womb of winter“ betreten Swallow The Sun den zweiten Teil und obwohl der Auftakt durch perfekt arrangierte Klavierklänge auf eine filmmusikalische Ausrichtung schließen lässt, bedient sich der Mittelteil des „Songs From The North“-Triptychons mehr am Pop, denn an instrumentalem Drama und Epik. Zwar fühlt man sich bei den flirrenden Gitarren in „Autumn fire“ stets an den schwarzmetallischen Ursprung erinnert, die Hosen haben hier aber definitiv andere Stimmungen an.

Darüber hinaus ist auch die Inszenierung der einzelnen Songs von einem warmen Klangbild geprägt und orientiert sich vorrangig an strahlenden Nordlichtern, denn an in Düsternis getauchten Horrorszenarios. Die von einer hellen Mädchenstimme getragene Verletzlichkeit des Titelstücks mag inmitten der restlichen magischen Momente unter anderem befremdlich und unpassend wirken, mit dieser mitunter recht kitschigen Klangsprache zeigen Swallow The Sun jedoch, dass sie nicht nur auf altbekannte Kniffe zurückgreifen, um für ein Aha-Erlebnis sorgen zu können. Eine ähnliche Idee greifen die Finnen auch im Abschluss „Before the summer dies“ auf, wo der mexikanische Western mit eiskalter Tundra kollidiert und auf spitzbübische Art und Weise das konventionelle Konstrukt des Genres konterkariert.

Mit diesen bunten Farben spielt Teil 3 allerdings nicht herum. Die Jalousien werden zugezogen und alles, was Licht emittiert, muss sterben. Der Funeral Doom zeigt sein hässliches Gesicht und obwohl dies im eröffnenden „Gathering of black moths“ noch eine vor tiefer Schwere strotzende, epische Reise durch Tropfsteinhöhlen mit, sagen wir mal, Saurons Armee gegen Minas Tirith bedeutet, so befindet man sich im anschließenden „7 hours late“ bereits im Wachkoma. Ein Schlag alle 10 Sekunden ist dann vielleicht doch ein wenig zu wenig und auch „Abandoned by the light“ wendet sich den Fans als Geduldsprobe zu. Klar, sowohl „The clouds prepare for battle“ mit seinem Black Metal-Gekrächze und dem schleppenden Gestus, als auch der allgemeine Höhepunkt „Empires of loneliness“, der ein emotionales Meisterwerk darstellt, bei dem sich nicht nur die Haare aufstellen, die Pupillen weiten und überhaupt jeder erdenkliche Gemütszustand zum Tragen kommt, befinden sich in eigentlich unbekanntem Terrain für Swallow The Sun. Die Art und Weise wie Mikko & Co. diesen einzigartigen Trip aufbereiten, ist im Vergleich zu den beiden genannten Schwachstellen jedoch atemberaubend.

Abschließend kann man vor dem Sechser aber eigentlich nur den Hut ziehen. „Songs From The North I, II, III“ ist nicht nur ein schlichtes Triple-Album geworden, das ein paar Facetten zeigt, die man von den Herrschaften nicht erwartet hätte, sondern es bietet diese noch mit einer Perfektion dar, die nahezu keine Wünsche offen lässt. Sicherlich ist der zweite Teil aufgrund seiner positiven Ader der schwächste, doch auch hier finden sich einige der schönsten Momente, die man im Melodic Death/Doom-Genre finden kann. Insgesamt gesehen ist das Triptychon kein makellos funkelnder Meilenstein in der Musikgeschichte geworden, auch wenn das Swallow The Sun vielleicht gerne gehabt hätten. Nichtsdestotrotz bekommen Anhänger der Finnen ein ausgewogenes, zu beinahe jeder Stimmung passendes Werk geboten, dass in der Tradition von Amorphis, My Dying Bride, Opeth, Katatonia, Ahab oder Paradise Lost steht und gewiss seinen Platz finden wird.

Anspieltipps:

  • Away
  • The Memory Of Light
  • Empires Of Loneliness
  • Songs From The North
  • Heartstrings Shattering
  • From Happiness To Dust
  • Gathering Of Black Moths

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