Turbostaat - Abalonia - Cover
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Turbostaat Abalonia


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Turbostaat werden deutlicher und vielleicht auch besser denn je.

Mit Einstiegshymnen haben Turbostaat es schon eine ganze Weile. „Harm Rochel“ und „Eine Stadt Gibt Auf“ sind Werke, die spätestens zum Abschluss für heisere Kehlen sorgen, ohne dabei Parolen zu verfallen. Auch das ist eine Qualität der norddeutschen Band, da ihre Texte Interpretationsarbeit erfordern und nicht einfach platte Thesen aus den Boxen spucken. Auf „Abalonia“ werden Turbostaat allerdings so deutlich, wie vielleicht noch nie. Braucht es schon ein wenig Anstrengung, um „Insel“ als Stück des Heimwehs zu verstehen, sind die Themen um Flucht, Furcht und Krieg auf der neuen Scheibe mehr als offensichtlich. Statt dem Anspruch zu schaden, eröffnet diese Präzision allerdings vielen Hörern einen leichteren Zugang zum Punk.

Schon vorher hat die Band sich mit Problemen auseinandergesetzt, die oftmals gesellschaftlicher Natur sind. Und genau genommen sind die Geschichten auf „Abalonia“ leider auch als zeitlos zu betrachten. Es ist nicht der erste und letzte Krieg, der in den Nachrichten zu verfolgen ist. Ein Paar, das gemeinsam vorm Grauen flüchtet („Ruperts Gruen“), mit den Überbleibseln des Zerstörten konfrontiert wird („Wolter“) und schließlich ein trauriges Ende findet („Geistschwein“ und mit Abstrichen „Abalonia“), bildet die vermeintliche Hauptperspektive des Albums. Doch auch verstaubte Gesellschaftsbilder („Der Zeuge“), die rechten Bewegungen und der Umgang miteinander („Der Wels“, „Die Arschgesichter“) und die, teils auch fehlende, Wahrnehmung des Kriegs („Wolter“, „Die Toten“) spielen eine große Rolle auf einem Album, das keine Sekunde verschwendet.

Nur weil ein Lied wie „Eisenmann“ oder „Totmannknopf“ nicht jedem ein Bild von Krieg und Verlust zeichnen, heißt das nicht, dass das große Bild nicht bestehen bleibt. Letzterer Song setzt sich unter anderem auch mit der Akzeptanz anderer und ganz besonders seiner selbst auseinander. Die Vielfalt dieser Themen wird dabei auch über die Musik transportiert. Zum ersten Mal seit langer Zeit klingt ein Turbostaat-Album wieder von vorne bis hinten homogen, aber vom Klang her trauen sich Turbostaat zugänglicher zu wirken. „Ruperts Gruen“, „Der Zeuge“ und „Wolter“ könnte man fast schon als wütenden Indie-Rock verkaufen. Der typische Turbostaat-Klang setzt sich nur noch selten so geradlinig wie in „Der Wels“, welches den Fremdenhass in Dresden porträtiert, und „Totmannknopf“ durch.

Das ist im Angesicht der düsteren Themen auch in Ordnung so. Das Wanken zwischen Hoffen und Verzweifeln in „Die Arschgesichter“ („Ich brauche euch! Ich brauche euch! Gebt nie auf!“), die hoffnungslose Wut in „Geistschwein“ und die vorwurfsvolle, kalte Leere in „Die Toten“ sind Highlights, die manchen Bands vielleicht nie gelingen werden. „Abalonia“ ist nicht traurig, sondern nachdenklich. Es ist nicht zerstörerisch, sondern hinterfragend. Es ist nicht weh-, sondern mitleidig und zeichnet das Bild eines drohenden Scherbenhaufens, der derzeit nun einmal kein Happy End verdient. Wenn zum Abschluss von „Abalonia“ das Rauschen einer Schallplatte auf den letzten Rillen zu hören ist, haben Hörer Zeit zum Nachdenken. Und die brauchen sie nach diesem Album auch.

Anspieltipps:

  • Ruperts Gruen
  • Wolter
  • Geistschwein

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