David Bowie - Blackstar - Cover
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David Bowie Blackstar


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 41 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
7.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ich bin jetzt 69 Jahre alt und mache Jazz.

Bei kaum einem anderen Künstler wird mehr im Backkatalog herumgerührt als bei David Bowie. Alte Platten aus den 60er und 70er Jahren werden laufend neu aufgelegt, mal einzeln, mal als Box-Set und gerne auch beides gleichzeitig. Hauptsache, es wird ständig irgendwas angeboten, damit der Rubel rollte und der keinesfalls vom Amt des Popstars zurückgetretene Superstar sowie seine ehemaligen Plattenfirmen bekommen ausreichend Schotter in die Kassen gespült. Zwischendurch wirft der Thin White Duke dann wieder etwas neue Musik in die Runde, wie zuletzt mit „The Next Day“ (03/2013), und die Hatz kann von vorne beginnen.

Man mag gar nicht daran denken, was dem geneigten Plattenkäufer und Fan blüht, wenn David Bowie im nächsten Jahr seinen 70. Geburtstag feiert. Noch mehr Reissues oder vielleicht ein paar Schätze aus dem Archiv? „The Man Who Sold The World“ wird sich bestimmt etwas einfallen lassen. Doch vorher, exakt ein Jahr vor Bowies rundem Wiegenfest, am 8. Januar 2017, steht erst einmal relativ überraschend, nach kurzer Ankündigungsphase, mit „Blackstar“ das mittlerweile 28. Studioalbum des Meisters an. Dieses trägt eigentlich gar keinen Titel. Der schwarze Stern auf dem Cover wird deshalb der Einfachheit halber ausgeschrieben/ausgesprochen. Ein bisschen Mystik muss eben auch heuer noch sein, auch wenn „Major Tom“ längst nicht mehr durch den Weltraum fliegt.

„Blackstar“ kommt auf sieben Titel, für die sich Bowie 41 Minuten Zeit genommen hat. Schon diese Koordinaten machen klar, simple Popmusik, wie sie David Bowie in den 80er Jahren abgeliefert hat, kann sich dahinter nicht verbergen. Es ruft vielmehr in Erinnerung, dass der Brite zu den experimentierfreudigsten Musikern der Popmusik zählt. Und als wollte Bowie dies unter Beweis stellen, liefert er mit dem zehnminütigen Opener und Titeltrack eine Kakophonie zwischen Jazz, Art-Pop und TripHop ab, die den einen oder anderen Hörer durchaus in Verlegenheit bringen könnte. Denn wirklich greifbar ist das nicht, was da gut zehn Minuten lang aus den Boxen wabert.

Das von Bowie so geliebte Saxofon schwebt über dem gesamten Album und ruft damit einen Vergleich mit Kamasi Washington („The Epic“) auf den Plan, der die weltweiten Jazz-Charts des vergangenen Jahres mit seinen virtuosen Saxofon-Klängen dominiert hat. Bowie ließ sich dagegen vom amerikanischen Avantgarde-Jazzer Donny McCaslin inspirieren, der „Blackstar“ deutlich seinen Stempel aufdrückt und dem progressiven Treiben eine Richtung gibt. Damit erfindet sich David Bowie zwar nicht neu, aber er schenkt dem noch jungen Musikjahr ein Album, das sich der Konsument konsequent erarbeiten muss. Dabei versteckt er immer wieder ein paar musikalische Selbstzitate in den neuen Songs, die den Hörer an gewissen Punkten abholen, nur um ihn dann wieder in das nächste Klanggewitter laufen zu lassen.

„Blackstar“ ist, wie gesagt, keine Neuerfindung Bowies. Trotzdem ist die Radikalität des Albums ein überraschender Schock. Der 69-Jährige zieht seinen progressiven Stil von der erste Minute an konsequent durch und erspart sich die Auflockerung durch einen radiotauglichen Song gänzlich. Bowie kombiniert die dominanten Saxofon-Klänge mit verschachtelte Rhythmen, umherzackenden Beats und düsteren Texten, die er mit einer heiser-flehenden Stimme vorträgt. Das ergibt ein Werk, das erfreuliche Wellen schlagen wird, über das sich sogenannte Experten streiten werden („Hilfe, es ist Jazz!“ – „Ach, du spinnst doch!“) und das zu so einem frühen Zeitpunkt des Jahres 2016 einen, medial betrachtet, perfekten Schachzug darstellt.

Den Test der Zeit muss allerdings auch „Blackstar“ noch überstehen. Denn wer von der schreibenden Zunft bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung von „Blackstar“ den Begriff „Meisterwerk“ in den Mund nimmt, ist entweder ein kritikloser Hardcore-Fan, einer der aufdringlichen Schlaufüchse, die es unbedingt als erste gewusst haben wollen oder ein klassisches Internet-Großmaul, das seinen stylischen Blog promoten will.

Anspieltipps:

  • Lazarus
  • Blackstar
  • Girl loves me
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