Böhse Onkelz - 35 Jahre Böhse Onkelz: Symphonien & Sonaten - Cover
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Böhse Onkelz 35 Jahre Böhse Onkelz: Symphonien & Sonaten


  • Label: Rule 23/TONPOOL
  • Laufzeit: 102 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine Band befriedigt ihr Ego mit einem instrumentalen Klassik-Album, auf dem sie selbst gar nicht zu hören ist. Das ist diskussionswürdig. Also ran!

Im Jahr 2005 gaben die Böhsen Onkelz ihre Auflösung bekannt. Sie spielten im Juni desselben Jahres ein großes Abschiedsfestival und begruben danach die Band, wobei das nicht bedeutete, dass die Fans völlig auf die Band verzichten mussten. Denn auch in den folgenden Jahren wurde immer wieder Musik der Onkelz in Form von Live-Produktionen, Re-Releases oder auch Box-Sets auf den Markt gebracht und die ehemaligen Bandmitglieder verdingten sich in Solo- und Bandprojekten.

Wirklich hohe Wellen konnten die Aktivitäten außerhalb des Onkelz-Kosmos allerdings nie schlagen. Deshalb war es eine logische Folge, dass sich die Bandmitglieder nach Meinungsverschiedenheiten und eisiger Funkstille wieder annäherten, als klar war, dass Sänger Kevin Russel dem Drogensumpf entkommen war und die Onkelz zumindest live wieder eine Chance hatten. So kehrte die Band mit zwei Comeback-Konzerten am 20. und 21. Juni 2014 auf dem Hockenheimring vor insgesamt rund 200.000 Zuschauern triumphal zurück und machte natürlich Appetit auf mehr.

Also wiederholte sich der Spaß auf dem Hockenheimring in diesem Jahr ein weiteres Mal. Diesmal spielten die Böhsen Onkelz an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden vier Konzerte vor über 350.000 Zuschauern und nahmen erstmals ernsthaft das Thema eines neuen Studioalbums in den Mund, das im Herbst 2016 erscheinen könnte. Als Vorbote erschien allerdings eine erschreckend schwache EP („Wir bleiben”, 09/2015) sowie eine auf 5.000 Einheiten limitierte, nicht gerade kostengünstige Vinyl-Box mit den 2014er Konzerten auf dem Hockenheimring. Hervorragende Geschäftsleute waren die Onkelz eben schon immer. Und deshalb wird kurz vor Weihnachten auch noch das 35-jährige Bandjubiläum ausgeschlachtet, indem ein Doppelalbum auf den Markt kommt, das 20 Songs aus 35 Jahren in instrumentaler Form als klassische Musik darbietet.

Das Bratislava Symphony Orchestra unter der Leitung von David Hernando Rico wurde beauftragt, „Symphonien & Sonaten“ aus Klassikern wie „Dunkler Ort“, „Nur die Besten sterben jung“, „Wir ham‘ noch lange nicht genug“ oder auch „Nichts ist für die Ewigkeit“ zu fertigen. Das wurde handwerklich ohne Fehl und Tadel umgesetzt. Aber mal ehrlich, brauchen und wollen die Onkelz-Fans wirklich ein Klassik-Album? Dient „Symphonien & Sonaten“ nicht einzig und allein dazu, die nicht gerade kleinen Egos der Bandmitglieder zu befriedigen?

Gekauft werden wird dieses Doppelalbum ohne Frage. Denn beinharte Onkelz-Fans kaufen dieser Band ja so ziemlich alles ab. Inzwischen auch Schmuck, der sich preislich in Champions-League-Regionen bewegt. Warum also nicht auch ein Doppel-Longplayer mit Klassik, könnte man meinen. Doch ganz so einfach geht die Rechnung nicht auf! Es gibt schließlich bereits ähnliche Projekte in der Rockgeschichte, siehe Deep Purple oder auch Metallica. Diese wirkten auf ihren Klassik-Alben allerdings auch mit. Und das nicht zu knapp. Doch von den Onkelz ist bis auf ihre Melodien weit und breit nichts zu hören. Nicht die Stimme von Kevin Russel, nicht der treibende Bass von Stephan Weidner, nicht die wuchtigen Drums von Peter Schorowsky und nicht die akzentuierten Riffs von Matthias „Gonzo“ Röhr? Klar, das geht auch. Aber wer will das?

In der Kunst ist so gut wie alles erlaubt. Auch klassische Alben ohne Mitwirkung der musikalischen Urheber. Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Die Böhsen Onkelz haben eine große Chance vertan, dieses Projekt auf eine höhere Stufe zu heben, indem sie daran aktiv mitgewirkt hätten. So aber erleben wir einen spannungsarmen und emotional nicht berührenden Reigen bekannter Melodien, die in dieser (handwerklich perfekten) Form wie ein kitschiger Hollywood-Soundtrack klingen.

Anspieltipps:

  • Baja
  • Erinnerungen
  • Der Himmel kann warten
  • Nichts ist für die Ewigkeit
  • Nur die Besten sterben jung
  • Wieder mal nen Tag verschenkt
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