AnnenMayKantereit - Alles Nix Konkretes - Cover
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AnnenMayKantereit Alles Nix Konkretes


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Zwischen Hype und Wirklichkeit: AnnenMayKantereit müssen jetzt mit der Popularität klarkommen. „Alles Nix Konkretes“ bietet dafür eine gute Basis.

Er ist wieder da. Nein, nicht der größenwahnsinnige Herrscher, der von Österreich aus die Welt terrorisierte, sondern der König von Deutschland. Henning May wuchert nämlich mit dem gleichen kratzigen Timbre wie Rio Reiser, der einst philosophierte, was er als Oberhaupt Deutschlands alles ändern würde. May ist ein Viertel der Gruppe AnnenMayKantereit, deren Verbundenheit untereinander sich schon allein durch den Bandnamen und dessen Schreibweise ableiten lässt. Diese Newcomer ernteten schon viele Vorschusslorbeeren und sind nicht nur aufgrund der attraktiv-außergewöhnlichen Stimme von Herrn May die neue Hoffnung am Himmel der deutschsprachigen Singer/Songwriter-Szene.

Der Titel „Alles Nix Konkretes“ des zweiten vollen Albums könnte sich dabei auf den Umgang mit den Texten beziehen, denn allzu deutlich formulieren sie ihre Inhalte manchmal nicht. Die Sprache ist voll von Andeutungen über gescheiterte Beziehungen und Zitaten wie aus Skizzensammlungen mit verwinkelten Wendungen. Sven Regener von Element Of Crime verfolgt einen ähnlichen Ansatz bei seinen Liedern. Das konnte auch auf der 5-Track-EP „Wird Schon Irgendwie Gehen“ nachvollzogen werden, die es zunächst nur als Vinyl auf den Konzerten zu kaufen gab und ab Oktober 2015 quasi als Appetitanreger zum jetzt vorliegenden Album als CD und Download vorgeschaltet wurde.

Anno 2011 waren die Twens Henning May (Gesang, Klavier), Christopher Annen (Gitarre) und Severin Kantereit (Schlagzeug) noch als Straßenmusiker unterwegs. Seit 2014 unterstützt Malte Huck am Bass, ohne dass sein Name in das Gefüge integriert wurde. AnnenMayKantereit schaffen Musik, die zwischen besinnlichen Liedermacher-Gesten und gelegentlichen Folk-Punk-Ausbrüchen mit Blues- und Pop-Beigaben angesiedelt ist. Auffälligstes Merkmal ist zunächst die Stimme von Henning May, die in zwei Modi zu hören ist. Wenn Nachdruck, Aggression oder Unmut ausgedrückt werden soll, blendet er einen knurrigen, rauen, raspelnden Tonfall ein. Bei gefühlvollen, ruhigen Nummern lässt er sein durch die Straßenmusik geschultes, mächtiges Organ unverstellt aufblühen. Außerdem fallen der transparente Sound und die je nach Gefühlslage exakt gesetzten zackigen oder filigranen Instrumenteneinsätze auf.

Ruppig und wütend funktioniert „21, 22, 23“ und berichtet über Stationen und Veränderungen einer verschwendeten Jugend. „Das Krokodil“ hält bei gleicher Ausrichtung zusätzlich noch Funk-Gitarren-Attacken bereit. „3. Stock“ und „Barfuß Am Klavier“ sind schlichte Balladen mit nahezu raspelfreiem Gesang, die von einem Bar-Piano begleitet werden. Bei „3. Stock“ kommen später noch Schlagzeug und Splitter einer akustischen Gitarre hinzu. Der Text weist Sprünge und Undeutlichkeiten auf, die dem Reimzwang geschuldet sind („Jeder auf seine Weise Schisser. Vertrauen ist gut. Kontrolle für Besserwisser.“). „Pocahontas“ war der Kosename einer Ex-Freundin von Henning May. Der Titel wird geradeaus rausgehauen und rumpelt dabei etwas unbeholfen.

Der Folk-Rock „Wohin Du Gehst“ klingt wie Mumford & Sons und „Es Geht Mir Gut“ erinnert an den New-Wave-Reggae von Police. Die Beziehung zwischen Henning und seinem alleinerziehenden Vater beleuchtet „Oft Gefragt“. Der Song weist starke Rio-Reiser-Bezüge auf, denn Henning gurgelt die Noten verquollen aus dem Hals.

Die Formation gibt sich gerne natürlich, als Jungs von nebenan, denen Werte wie Freundschaft wichtiger sind als schneller Erfolg. Doch der ist nun da und es bleibt zu hoffen, dass sich dadurch nicht die guten Vorsätze ändern. Das Medieninteresse ist riesig; sogar den Tagesthemen vom 17.03.2016 waren sie einen Beitrag wert. Die Erwartungen an die jungen Leute waren im Vorfeld dieser Veröffentlichung so gigantisch, dass sie unmöglich zu erfüllen sind. Die Musiker werden entweder als Sensation gefeiert oder von Oberschlauen, bei denen sich jeder verdächtig macht, der vom Mainstream vereinnahmt wird, schon wieder als pomadige Deutsch-Rocker abgeschrieben.

AnnenMayKantereit sind (noch nicht) die großen Überflieger oder Erneuerer des deutschsprachigen Pop. Aber sie bringen Qualitäten zusammen, die heute häufig in der vom Elektro-Pop verseuchten, schlagerhaften deutschsprachigen Szene jüngerer Musiker nicht mehr anzutreffen sind. Nämlich Biss und Mut zur Provokation. Außerdem stellen sie schonungslos persönliche Befindlichkeiten dar und demonstrieren ein lebendiges Ensemblespiel ohne Studiotricks. Und alleine das macht sie sympathisch und wichtig.

Die Gruppe verdient jedenfalls die Chance, ihr Potential weiter auszuloten und sich zu beweisen. In diesem Sinne gibt es schon jetzt einen Fortschritt in der Komponierkunst der Kölner zu verzeichnen: „Mir Wär` Lieber, Du Weinst“ und „Länger Bleiben“ bringen geschickt Chanson und anglo-amerikanische Singer/Songwriter-Traditionen zusammen. Das vertrackte, Bläser-verzierte „Bitte Bleib“ und „Neues Zimmer“, das Aussage und Atmosphäre deckungsgleich zusammenbringt, zeigen noch eine Intensivierung des Ensemble-Spiels auf.

Fans der ersten Stunde dürften allerdings leicht enttäuscht sein, denn nur die Hälfte der zwölf Songs auf „Alles Nix Konkretes“ sind wirklich neu auf dem aktuellen Tonträger. Die anderen sind in anderen Versionen vom Debüt „AMK“ (2013) oder von der letztjährigen EP bekannt. „Alles Nix Konkretes“ ist dennoch ein guter Einstieg für eine erfolgreiche nationale Karriere. Die nahe Zukunft wird zeigen, ob die Freunde den Popularitätsschub verkraften können und bei dem ganzen Trubel noch genügend Zeit bleibt, um sich auf die Entwicklung und Qualitätskontrolle ihrer Musik zu konzentrieren.

Anspieltipps:

  • Oft Gefragt
  • 3. Stock
  • 21, 22, 23
  • Mir Wär` Lieber, Du Weinst
  • Neues Zimmer

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