Jochen Distelmeyer - Songs From The Bottom Vol.1 - Cover
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Jochen Distelmeyer Songs From The Bottom Vol.1


  • Label: Four Music/Sony Music
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8/10 Unsere Wertung Legende
3.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ansichten eines Musikers: Jochen Distelmeyer spielt Lieder, die ihm wichtig sind, in abgespeckten Akustik-Versionen.

Eingefleischte Blumfeld-Fans müssen jetzt ganz stark sein. Der Vordenker der Hamburger Diskurs-Rock-Band und Prototyp des alternativen, intelligenten, deutschsprachigen Pop-Künstlers der neueren Zeitrechnung singt jetzt nämlich auf Englisch. Das hat sich wahrscheinlich niemand ernsthaft von Jochen Distelmeyer gewünscht oder überhaupt für möglich gehalten. Trieb ihn jetzt die Jagd nach dem schnöden Mammon wegen der Möglichkeit, englischsprachig neue Käuferschichten zu erschließen, zu dieser Tat an? Schließlich ist die bisher einzige Solo-Platte „Heavy“ auch schon wieder sieben Jahre alt. Oder fällt ihm einfach nichts Besseres mehr ein?

Beides ist falsch. Bei den „Songs From The Bottom Vol. 1“ handelt es sich um akustisch instrumentierte Cover-Versionen, die für Jochen eine tiefere Bedeutung haben. Sie erzählen über die Liebe, den Schmerz, verlorene Illusionen und das Weitermachen. Die Lieder stehen damit im Zusammenhang zu seinen literarischen Bemühungen, denn die Idee zu dem Album reifte auf der Lesereise für seinen Roman „Otis“. Zur Abrundung des Vortrags stimmte der Autor dabei auf der akustischen Gitarre ein paar seiner Lieblingslieder an. Ob die Ausdehnung dieses Konzepts allerdings für ein ganzes Album tragfähig genug ist, muss sich jetzt durch die Auswahl der Songs und vor allem durch deren neue Auslegung erweisen. Aus diesem Blickwinkel heraus hat die Zusammenstellung allerdings einiges zu bieten, denn die Darbietungen sind nur teilweise offensichtlich, manchmal sogar sehr überraschend.

Dass Jochen Aztec Camera, Nick Lowe, Radiohead oder The Verve favorisieren könnte, lässt sich aufgrund seiner Biografie leicht ableiten. Aber dass die Wahl auch auf Avicii oder Lana Del Rey fällt, ist schon erstaunlich. Und dass er „Toxic“ von Britney Spears so klingen lässt, als wäre es ein Song von ihm, das ist schon außergewöhnlich. Das gleiche gelingt ihm übrigens auch noch mit dem Country-Folk „This Old Road“ von Kris Kristofferson. Den sphärischen, unwirklichen „Pyramid Song“ von Radiohead lässt er andererseits wie einen verlorenen Nick Drake-Track erscheinen und überrascht auch hier durch sein Einfühlungsvermögen.

Die Umsetzungen der Fremd-Titel sind nie aufdringlich, aber trotzdem intensiv geraten. Nur die ausgenudelte politische Lagerfeuer-Romantik von „Turn Turn Turn“ (geschrieben von Pete Seeger, bekannt gemacht durch The Byrds) kann nicht aus der behaglichen Gutmensch-Ecke herausgeholt werden und entbehrt somit einer vitalen Runderneuerung. Auch die Lesung von Ivor Cutlers „Beautiful Cosmos“, untermalt durch eine eindimensionale Orgelbegleitung, bleibt relativ dicht am Original.

Jochen Distelmeyer offenbart ansonsten sein Gespür für eine ausbaufähige Komposition. Und manchmal entwickelt er sogar aus einem hässlichen Entchen einen prächtigen Schwan („I Could Be The One“). Natürlich in seiner puren, intimen Ausprägung. Das häufigste Begleitinstrument ist die akustische Gitarre, die gekonnt und abwechslungsreich eingesetzt wird. Für Joni Mitchells „Just Like This Train“ wird sogar das ungewöhnliche Open-Tuning-Verfahren der Kanadierin verwendet, um dem Stück die nötigen Wurzeln zu lassen und einen respektvollen Tribut zu zollen. Bei Lana Del Reys „Video Games“ und „I Could Be The One“ von Avicii vs. Nicky Romero werden einfache Piano-Figuren genutzt, um perlende, unkomplizierte, aber effektvolle Glanzlichter zu setzen.

Distelmeyer überzieht seinen Gesang mit einem leichten Karamell-Hauch. Nicht zu süß, aber ausreichend, um die Sinne zu betören. Seine Talente als ausdrucksstarker Entertainer spielt er dabei voll aus. Er wickelt den Hörer um den Finger, indem er die Songs nach Belieben manipuliert und gestaltet. Jochen demonstriert wieder, welch markanter und sicherer Sänger er ist, unabhängig von Sprache und Genre. Der Troubadour verzichtet bei seinen Neuinterpretationen vollständig auf spitze, aggressive Ausbrüche, die sonst immer mal wieder in seinem Werk zu finden sind.

Diese Platte wird polarisieren. Manche Personen, die Jochen Distelmeyer grundsätzlich wohlgesonnen sind, wie der Satiriker Jan Böhmermann, mögen ihm bei diesem Kurswechsel nicht folgen. Wer sich aber vorbehaltlos auf die „Songs From A Bottom“ einlässt, den erwartet ein bunter Strauß von inspirierten, gefühlvoll verfassten Lied-Deutungen eines umsichtigen Musikers.

Anspieltipps:

  • Just Like This Train
  • Video Games
  • Toxic
  • I Could Be The One
  • This Old Road

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