Dream Theater - The Astonishing - Cover
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Dream Theater The Astonishing


  • Label: Roadrunner/WEA
  • Laufzeit: 130 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Philharmonie und Songwriting gegen die musikalische Stagnation der letzten Jahre: Ein lange überfälliger Befreiungsschlag.

Man mag sich schon wundern, dass gerade eine Band vom Kaliber Dream Theater in so regelmäßigen Abständen Alben veröffentlicht. Immerhin stehen das D und das T für Komplexität, Sperrigkeit und für allerhöchstes Niveau - zwar salonfähig und innerhalb eines „proggigen Mainstreams“, aber das soll an dieser Stelle weniger Kritik als vielmehr Anerkennung sein. Jetzt zu erwähnen, dass das Traumtheater Jahrhundertalben der Marke „Images And Words“ (1992) oder Awake (1994) veröffentlichte, wäre ebenso ein alter Hut. Über eher schwächere Werke der Marke „Dream Theater“ (2013), „Systematic Chaos“ (2007) oder „Falling Into Infinity“ (1997) soll auch der Mantel des Schweigens geworfen werden. Über „Six Degrees Of Inner Turbulence“ (2002) ebenfalls. Zumindest tun dies viele Fans, wenn es um die zweite CD geht und damit wären wir auch endlich beim eigentlichen Thema: Dream Theaters 13. Album, welches tatsächlich nicht „13“ heißt (Metal-Trends...), sondern „The Astonishing“.

Okay, aber was hat „The Astonishing“ mit „Six Degrees Of Inner Turbulence“ zu tun? Nun, das Traumtheater besinnt sich auf das musikalische Experiment von 2001, ein pompöses Konzeptalbum zu schreiben, wobei die Betonung auf pompös liegt. Oder auf bombastisch, opulent und nicht so technisch wie noch in der Zeit nach „Train Of Thought“ (2003). Tatsächlich ist „The Astonishing“ das rein musikalisch gesehen eingängigste und leichteste Album der US-Amerikaner seit Ewigkeiten. Das wird so manchem Hardliner weniger gefallen - schon alleine deswegen, weil die zweite CD des vergleichbaren „Six Degrees Of Inner Turbulence“ wie bereits erwähnt einen eher zweifelhaften Ruf genießt. Dennoch war gerade ein „The Astonishing“ so lange überfällig. Endlich brechen Dream Theater aus dem Korsett der letzten Jahre aus, endlich merkt man wieder Spielfreude, endlich tun sie etwas wieder inspiriert. Böse Zungen werden es „weichgespült“ nennen, aber mal ernsthaft: Wie oft wollt ihr noch die Semi-Jamsessions in Form von „Illumination Theory“ („Dream Theater“) hören, wenn ihr mit „A Change Of Seasons“ eh schon die volle Breitseite habt? Eben! „The Astonishing“ ist Dream Theaters Neuentdeckung des Songwritings und zu begrüßen.

Was „The Astonishing“ letzten Endes von „Six Degrees Of Inner Turbulence“ unterscheidet, ist die Tatsache, dass sich die Band in Richtung Rockoper bewegt. Dazu hat sie die Prager Philharmoniker geladen, welche den Sound bereichern und warm gestalten. Davon profitiert das 13. Album ohne Frage und endlich können Dream Theater ihr Klangbild erweitern. Das fragmentarisch gestaltete Album erfordert Aufmerksamkeit, da die meisten Songs nahtlos ineinander übergehen - man kennt das ja. Ob einige Intermezzi wirklich notwendig waren, ist bei einem Album dieser Machart wieder zu bezweifeln. Ebenso haben wir hier ein typisches Gesamtwerk, bei dem sich die Hörer schwer tun werden, einen Vorzeige-Hit zu finden. Sicher ist dies möglich und ein Song der Marke „The Gift Of Music“, „Ravenskill“ oder „Moment Of Betrayal“ - alle sind für Dream-Theater-Verhältnisse kurz ausgefallen - wird sicher auch abseits der kommenden Tour seinen Weg in die Setlist finden. Das Herz des Albums ist aber natürlich das Konzept, die Geschichte: In einer (natürlich) dystopischen Zukunft ist Musik streng verboten. Der Protagonist Gabriel entdeckt schließlich sein musikalisches Talent und gerät zwischen die Fronten der Rebellen und des amtierenden Herrschers Lord Nafaryus - alle wollen seine Gabe nutzen. Dass Klassiker wie Fahrenheit 451, Brave New World oder auch Filme der Marke Equilibrium Pate standen, muss an dieser Stelle nicht extra erwähnt werden und für eine Metal-Band, gerade im Sektor des Progs, ist das beinahe ein alter Hut. Man muss Dream Theater aber anrechnen, dass sie ihre Geschichte clever und atmosphärisch dicht erzählen.

Die kann auch musikalisch getragen werden: Mehr denn je arbeitet die Band mit Leitmotiven und sogar die typische Frickelorgie findet im Rahmen des Konzepts gefühlt eine neue Bedeutung („Three Days“). Mehr denn je orientieren sich die Musiker am Sänger James LaBrie - und nicht umgekehrt. Da ist es kein Wunder, dass der so oft abgestrafte Kanadier seine beste gesangliche Leistung auf einem Album seiner Hauptband überhaupt abliefert. Warum sich Dream Theater nicht für Gastsänger entschieden haben, bleibt dagegen ein Rätsel. Auch wenn LaBrie das komplette Album tragen kann, hätte es sich doch so sehr angeboten. Dafür wäre ja nicht mal ein Overkill der Marke Ayreon nötig gewesen. Ein Großteil der Diversität bleibt letzten Endes der Job von Petrucci, Myung, Mangini und Rudess. Zusammen mit dem Philharmonieorchester hauchen sie ihrer Rockoper Leben ein, pflegen den Bombast-Prog („Brother, Can You Hear Me?“, „A New Beginning“, „The Path That Divides“, „A Tempting Offer“), die Balladen („Chosen“, „Act Of Faythe“) und die Ausflüge in kontemplative, sphärische, Atmo-Gefilde („The Answer“, „The Hovering Sojourn“, „Digital Discord“, „Power Down“). Und ja: Es funktioniert ganz vorzüglich. Sogar die Balladen, nicht unbedingt die Stärke Dream Theaters, wissen zu überzeugen und sind trotz des einen oder anderen Tropfen Zuckerguss toll komponiert und ergreifend.

Nach gut 130 Minuten und einmal CD-Wechseln ist der Spuk schließlich vorbei. Natürlich ist „The Astonishing“ sicher nicht das Album für Zwischendurch und verlangt Aufmerksamkeit vom Hörer, damit er sich voll und ganz darauf einlässt. Gab es noch bei „Scenes From A Memory“ (1999) und „Six Degrees Of Inner Turbulence CD 2“ eindeutige Anspieltipps, welche auch vom Konzept gelöst funktionieren, ist „The Astonishing“ das typische Album, welches in seiner Gänze funktioniert. Dann aber zündet es auch richtig. Und das war lange überfällig. Ob die Hörer nun genau das erwartet haben oder nicht, ist allerdings fraglich. Als Befreiungsschlag taugt „The Astonishing“ jedoch zweifellos und gibt dem verbrauchten Sound Dream Theaters endlich wieder neue Nuancen - und es ist völlig egal, ob Dream Theater „progessiv“ oder „weniger progressiv“ daherkommen. Es ist auch völlig egal, dass Dream Theater numero 13 nicht in einem Atemzug mit den Über-Klassikern genannt werden wird - auch wenn „The Astonishing“ das Potential besitzt, zu einem wahrhaft wichtigen weil „anderem“ Werk zu werden. Was aber wirklich zählt ist, dass die Prog-Helden endlich wieder unverbraucht und spannend musizieren, dass sie ein sehr gutes Album eingespielt haben. Das schwachbrüstige Vorgängerwerk wird jedenfalls wieder gut gemacht. DT sind somit auf dem richtigen Weg!

Anspieltipps:

  • The Gift Of Music
  • Ravenskill
  • Brother, Can You Hear Me?
  • Chosen
  • A New Beginning
  • Astonishing
  • The Path That Divides

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