Lucrecia Dalt - Ou - Cover
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Lucrecia Dalt Ou


  • Label: Human Ear/CARGO
  • Laufzeit: 28 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Exkurs in Verfremdung und Dunkelheit.

Wer Lucrecia Dalts Schaffenswerk beschreiben möchte, kann sich nicht ausschließlich mit der Phänomenologie ihrer Musik beschäftigen. Dalts Diskographie ist geprägt vom Weggang aus ihrer Heimat Kolumbien nach Barcelona und Berlin und den Entdeckungen auf diesem Weg: Synthesizer, Drum Machines und alter europäischer Film zur Inspiration. Was für den Katalog eines Solokünstlers wie selbstverständlich scheint, findet in Dalts experimentierfreudigen Händen eine nicht ignorierbare Ausprägung.

So wandelt sich ihr Hang zu ruhigem Pop und Folk, der auf „Congost“ zu hören war, auf „Syzygy“ zu einem düsteren Lo-Fi-Traum mit Ambient-Anleihen. Zwar sind Verträumtheit und viel Atmosphäre schon immer Konstanten in Dalts Musik gewesen, auf „Syzygy“ und der späteren „Lucrecia Dalt EP“ erklärt die Kolumbianerin diese Stilmittel aber erstmals zum ästhetischen Kern ihres Schaffens. Gleichzeitig zieht sich Lucrecia gesanglich immer mehr aus ihren Songs zurück, die Stimme wird selbst zum zerbrechlichen Teil der Instrumentierung.

Das nun erschienene „Ou“ ist aktuellster Ausdruck all dieser Entwicklungen. Es beschwört düstere Bilder in vier Akten und wären nicht die Rillen in der Schallplatte, wäre es schwer festzustellen, wo ein Akt aufhört und der nächste beginnt. Dalt hat sich nach eigenen Angaben diesmal vom Neuen Deutschen Film inspirieren lassen. Das fertige Werk selbst verbalisiert diesen Einfluss vornehmlich auf emotionaler Ebene: Sich selbst überlassene Fabriken werden zum Leben erweckt, bis der marschierende Beat, quietschendes Metall und entweichender Dampf einen Organismus bilden.

Doch Lucrecia geht es um Psyche und Physik, die Titel der Stücke drehen sich um Magnetismus, seelische Energie, Tachyone und generell um „Loslassen“. So gewinnt „Ou“ etwas Dokumentarisches, man fühlt sich als Beobachter, der hypnotisiert versucht, auf Basis von Geräuschen komplexe Prozesse zu begreifen. So scheint das Album viel mehr von Dokumentarfilmen der 60er-Jahre beeinflusst zu sein, Direct Cinema statt Neuer Deutscher Film.

Doch Drama lässt sich „Ou“ nicht gänzlich absprechen: Bedrohlich baut sich „IOT“ auf, um nach auf- und abwallender Percussion im Befreiungsschlag zu enden. „ELEANORE“ erinnert an Julia Holters „Horns Surrounding Me“, nur weniger paranoid. Blechern und vorbereitend erklingen hier die Hörner, doch wofür sie erklingen bleibt unklar. Zurück bleibt eine Leere, begriffen wurde nichts.

Anspieltipps:

  • Diamagnet
  • Eleanore

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