Rihanna - Anti - Cover
Große Ansicht

Rihanna Anti


  • Label: Def Jam/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 51 Minuten
Artikel teilen:
4/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Düsterer, rhythmisch verschachtelter Midtempo-R&B. So wird anno 2016 belanglose, schwerfällig vor sich hin pluckernde Sülze als Kunst getarnt.

Irgendwann muss aber auch mal Schluss sein! Auf fast schon penetrante Art und Weise wurde von 2005 bis 2012 pro Jahr mindestens ein neuer Longplayer und/oder Bildträger von Rihanna (27) auf den Markt geworfen. Singleauskopplungen nicht eingerechnet. Eine Fließbandmaschinerie sondergleichen, bei der selbst die härtesteten Fans früher oder später den Kopf schütteln mussten. Dass parallel dazu noch eine Schauspielkarriere angeleiert wurde, machte den weltweiten medialen Overkill noch schlimmer. Wie schön, dass sich Rihanna für ihr achtes Studioalbum „Anti“ endlich einmal mehr Zeit genommen und das Hamsterrad ausgebremst hat.

Das befeuerte die Gerüchteküche, zumal zwischendurch immer wieder neue Singles wie „FourFiveSeconds“, „Bitch better have my money“ und „American oxygen“ in den Umlauf kamen, die erahnen ließen, dass sich Rihanna künstlerisch einer Metamorphose unterziehen würde, auch wenn letztendlich keiner dieser Tracks auf „Anti“ gelandet ist. Der Spaß zog sich über ein Jahr hin, doch es musste noch ein kleines Medien-Erdbeben her, um die Veröffentlichung von „Anti“ mit genügend Nachdruck in die Öffentlichkeit zu treiben. Schließlich sorgten die genannten Vorabsongs nicht gerade für Begeisterung.

Das Rezept war zwar ein altbekanntes, aber immer noch wirkungsvolles. Rihanna wollte offenbar so cool oder schlau sein wie Kollegin Miley Cyrus (23), die ohne Ankündigung und über Nacht mit „Miley Cyrus & Her Dead Petz“ (08/2015) ein neues Album ins Internet wuchtete, das zudem kostenlos ist. Vorreiter waren Miley Cyrus und Rihanna mit dieser Idee – wie gesagt – nicht. Schon vorher kamen die Beyoncés, Drakes und D´Angelos dieser Welt auf den genialen Trichter, dass nur noch mit Flashmob-artigen Veröffentlichungen Aufmerksamkeit und damit ein Blumentopf zu gewinnen ist. So wurde „Anti“ bereits Ende Januar per Exklusiv-Deal und zeitlich begrenz für lau digital angeboten, während die physische Veröffentlichung eine Woche später anstand.

Darauf enthalten sind in der Deluxe-Ausgabe 16 Songs, an denen u.a. Jeff Bhasker, Timbaland, Kanye West, Hit-Boy, DJ Mustard, Travis Scott, Drake, The Weeknd, Brian Kennedy, Jean-Baptiste, Daniel Jones und Dido mitgeschrieben und produziert haben. Auch wenn sich die Studio-Rahmenbedingungen wie immer lesen, ist der imaginäre Untertitel von „Anti“ ein anderer. Diesmal gibt es kein Hit-Feuerwerk für die Charts. Selbst die erste offizielle Singlauskopplung „Work“ (featuring Drake) taugt nicht als ein Song, an den sich der Hörer in ein paar Wochen noch erinnern wird.

Dass der Track trotzdem die digitalen Charts auf der ganzen Welt rockt, ist heutzutage normal, aber gefühlt total egal. Doch scheinbar musste diese Veränderung sein. Denn wer sich heutzutage musikalisch neu erfinden möchte, macht, warum auch immer, düsteren, rhythmisch verschachtelten Midtempo-R&B, in den noch ein paar andere artverwandte Styles wie Dubstep, Soul und Funk reingebastelt werden. Auf diese Weise lässt sich selbst die belangloseste, schwerfällig vor sich hin pluckernde Sülze als Kunst tarnen. Das Resultat ist dennoch ernüchternd. Einer Performerin wie Rihanna nimmt man das Wort „Kunst“ einfach nicht ab. Damit hat selbst eine Pop-Ikone wie Madonna Probleme. Und nun also Rihanna, die mit „Anti“ einen endlos wirkenden, krampfhaften Versuch, Atmosphäre aufzubauen, vorlegt und damit sogar das Gerüst ihrer vorherigen Alben unterbietet, das aus zwei, drei Superhits und ganz viel Füllmaterial bestand. Stattdessen wird nun eine Tiefgründigkeit vorgetäuscht, die weder inhaltlich noch musikalisch vorhanden ist.

Das beginnt mit dem skizzenhaften Auftakt „Consideration“ und „James joint“, der sich in dieser Form auch in weiteren Stücken wiederfindet, die wie nicht zu Ende gedachte Ideen wirken und nicht wie strukturierte Songs. Auf „Anti“ findet viel im luftleeren Raum statt, in dem Rihannas mechanisch verfremdete Stimme im Mittelpunkt steht. Melodien, große Momente und die Ankündigung, dass die Songs zusammen einen Sinn ergeben sollen, kann sich der Hörer kaum zusammenreimen. Vielleicht ist dies Rihannas Art von Free-Jazz. Trotz und Verweigerung sind es auf jeden Fall, vielleicht auch mutig, aber nachhaltig und wirklich bemerkenswert ist das Ganze nicht. Da kann Rihanna hundertmal Tame Impalas psychedelisches „Same ol‘ mistakes“ covern – mehr als ein kratzbürstiges „Ich mache jetzt auch mal Kunst wie die Miley“ ist „Anti“ deshalb nicht.

Anspieltipps:

  • Higher
  • Kiss it better
  • Close to you
  • Yes, I said it
Neue Kritiken im Genre „R&B“
6/10

Hart Fragil
  • 2018    
4/10

Scorpion
  • 2018    
Diskutiere über „Rihanna“
comments powered by Disqus