John Carpenter - Lost Themes II - Cover
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John Carpenter Lost Themes II


  • Label: Sacred Bones/CARGO
  • Laufzeit: 48 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Spannung und Anregung bleiben aus. John Carpenter wärmt bei seinen „Lost Themes II“ elektronische Pop-Musik der 70er- und 80er-Jahre auf.

John Carpenter ist in erster Linie als Horror-Film-Regisseur („Halloween“, „The Fog“, „Die Klapperschlange“) bekannt geworden. Er hat aber auch für einige seiner Filme die Musik komponiert. Seine „Lost Themes II“ wurden in Zusammenarbeit mit Sohn Cody und Patensohn Daniel Davis ins Leben gerufen. Die Stücke sind - wie nicht anders zu erwarten - instrumentale Geschöpfe, die Szenen von imaginären Handlungen unterstützen oder Bilder im Kopf entstehen lassen sollen. Bei der Umsetzung bedient sich das Trio hauptsächlich elektronischer Klänge, die rhythmisch beschwingt, mystisch-verklärt oder geheimnisvoll-bedrohlich ausgefallen sind und für erdachte filmische Szenen erstellt wurden. Musikalisch werden dabei allerdings keine neuen Türen geöffnet. Vangelis, Jean-Michel Jarre oder Mike Oldfield standen bei vielen Ideen Pate. Carpenter bewegt sich hier also auf einem ziemlich abgeernteten Acker.

„Distant Dream“ schlägt zu Beginn sirenenartig Alarm. Hüpfende Synthie-Bass-Läufe vermitteln fluchtartige Bewegungen. Aufgedonnerte Schlagwerk-Einlagen lassen die Stimmung anschwellen, bis das Gebilde in sich zusammenfällt und dann erneut aufgebaut wird. Der fingierte Soundtrack funktioniert jedoch nicht unbedingt als logischer Spannungsbogen. Die Tonfolgen sind zu allgemein gehalten um Erregung zu erzeugen und bilden keinen plausiblen Zusammenhang. „White Pulse“ beginnt mit silbrigen Tonleiter-Abfolgen in der Art von „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Diese Erinnerungen werden noch durch künstliche Streicher unterlegt, wobei pulsierende Töne und trommelnde Hintergrundmuster dann Wallungen ins Spiel bringen. Abrupt wechselt der Track dann in eine romantisch gefärbte Ausrichtung.

Für „Persia Rising“ werden mehrere Keyboard-Spuren übereinandergelegt, deren Geschwindigkeit variiert wird. Dieses Vorgehen ist auch durch Vangelis bekannt, der dies schon in den 70er-Jahren praktiziert hat. Das Stück wirkt bei allen Bemühungen sinnentleert, blutleer und fade. Man nehme Bo Hansson, Mike Oldfield und Jean-Michel Jarre und mische diese Vorgaben wahllos. Dann wird „Angel`s Asylum“ daraus. Es gibt auch Passagen, die als Gebrauchsmusik durchgehen können: Phantasien, wie sie bei einer Traumreise provoziert werden, entstehen auch bei „Hofner Dawn“. Diese Klänge könnten zur Untermalung von Yoga-Übungen taugen. Asexuelle Klänge die ähnlich auch von Mannheim Steamroller erzeugt werden, sind auch bei „Windy Death“ zu hören. Das Ergebnis könnte sich vielleicht als Fahrstuhl-Musik eignen.

„Dark Blues“ hat als Basis Kraftwerk-Elemente, die aber sehr verwässert durchscheinen. Hier führt der Titel in die Irre: Die Musik ist weder dunkel, noch hat er etwas mit Blues zu tun. Ohne Höhepunkte blubbert dann „Virtual Survivor“ vor sich hin. „Bela Lugosi“ gereicht dem Dracula-Darsteller nicht zur Ehre. Die Musik ist nicht bedrohlich und schon gar nicht erschreckend oder unheimlich. Eine wenig fesselnde Tonanordnung wird zum Endzeitthema „Last Sunrise“ aufbereitet und „Utopian Facade“ hat zunächst einen aufgedonnerten, unheilschwangeren Ablauf, der jedoch zunehmend schwammig und sphärisch wird. Das ist weder Klassik, noch Pop und schon gar nicht Avantgarde. Angedeutete minimalistische Figuren gibt es beim Bonus-Track „Real Xeno“. Ansatzweise hört sich das mysteriös an. Aber dann zerstört ein Rock-Riff alle Illusionen.

Diese Musik ist für den Hörer, der neue Erfahrungen beim Hören erleben möchte, eigentlich überflüssig, weil sie nur halbherzig Stimmungen ausdrückt. Es fehlt an Leidenschaft, Kreativität und Überraschungen. Spannungen werden nicht überzeugend aufgebaut. Stattdessen herrschen distanzierte, selbstverliebte, allzu bekannte Akkorde vor. Die Stücke wirken wie Dutzendware, die aus dem Portfolio von Demo-Aufnahmen eines Keyboard- oder Synthesizer-Herstellers stammen könnten. Das ist ein fader Griff in die Mottenkiste der elektronischen Klang-Konstrukteure der 70er- und 80er-Jahre ohne eigene Visionen. In dieser anachronistischen Sichtweise zeigt sich eine limitierte Ausdrucksweise, denn es fehlen spritzige Inspirationen, die das Hirn auch ohne Bilder anregen.

Deshalb ist es schwer abzuschätzen, was gruseliger ist: Die Horror-Filme von Mr. Carpenter oder die Vorstellung, dass es noch eine weitere Folge der „Lost Themes“ geben könnte. Carpenter ist aber sehr wohl ein großartiger Regisseur. Sein wirkliches Talent wird bei Betrachtung der begleitenden Videos sichtbar. Mit Hilfe der Bildersprache gelingen ihm genau die beachtenswerten, eindringlichen, prickelnden und besonderen Eindrücke, die die Musik, wenn sie isoliert konsumiert wird, nicht hervorbringt.

Anspieltipps:

  • Distant Dream
  • White Pulse
  • Persia Rising

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