Matt Karmil - ++++ - Cover
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Matt Karmil ++++


  • Label: PNN/Rough Trade
  • Laufzeit: 49 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
2/10 Leserwertung Stimme ab!

Realitätsverlust und Rückgewinn mit minimalistischem Techno.

Matt Karmil wuchs seinem Label Kompakt zufolge zurückgezogen und eigenbrötlerisch in England auf und klingt auch so. Sein Debüt „----“ stellte er noch aus alten Tracks zusammen, als aus dem Musikmachen zur Selbstbespaßung plötzlich Werke für ein wachsendes Publikum entstanden. Trotzdem erweckt „++++“, Karmils nun zweite LP, noch mehr den Anschein, Ausschnitt dieser Zeit zwischen Isolation und Realisation der Öffentlichkeit zu sein.

Techno, der nicht nach Tanzflächen klingen will und stattdessen mit rauschenden und knackenden Texturen Melancholie beschwört. „Perfect World“ diagnostiziert unserer Welt per Vocalsample genau das Gegenteil seines Titels. „It's not a perfect world“ konstatiert eine flüsternde Stimme in Dauerschleife, bis sie, wie um dem Versprechen des Songtitels doch noch gerecht zu werden, in Tiefpassfiltern ertränkt und zum Schweigen gebracht wird. Plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung und Karmil beschwört auf den Folgetracks Rauschen wie Meeresgicht, Vogelzwitschern, verträumte Melodien und gedämpfte Tonabfolgen, die an Kirchengeläut erinnern.

Das erinnert viel mehr an Sommertage und verschlafene Dorfplätze, Eskapismus in pastorale Luftschlösser, statt in greifbare Kellerclubs mit unverputzten Betonwänden. Doch mit klopfenden und wummernden Bassdrums, die in „AF“ wie zwei eingespielte Schmiedepartner abwechselnd aufs Ohr einschlagen, rückt Karmil die Realität wieder in den Mittelpunkt. Karmil klingt hier siebeneinhalb Minuten lang wie Diagonal Labelgründer Powell, mit industrieller Ästhetik, Bässen wie Hydraulikpressen und quäkenden Vocalsampels.

„AF“ ist das vorläufige Ende des Melancholie-Konzepts, das erst mit „Crystals“ wieder aufgegriffen wird, wenn auch weniger verträumt, sondern bewusst erzwungen. Als müsste man die realitätsnäheren und danceflooraffinen Eindrücke, die dazwischen vermittelt werden, wie im Opener erneut ertränken. Doch in diesem Text diesen Bogen zu ziehen, würde den mit Abstand besten Track des Albums unterschlagen. „Carry Her / Wave“ beginnt mit einem einsamen metallisch-blechernem Beat, der an Volumen gewinnt und sich schließlich seinen Weg durch Landschaften aus rauschendem Zirpen und Knistern bahnt, sich davon befreit und wieder davon eingeholt wird, diesmal begleitet von subtilen, feierlichen Klängen. Ein minimalistischer Track, dessen Beat scheinbar Sisyphos' Geschichte erzählt, mit Scheuklappen seinem scheinbar greifbarem, aber unerreichbarem Ziel immer näher rückt.

Leider ist das Stück in Einzelbetrachtung die Ausnahme. So gut es teilweise auf „----“ funktioniert hat, auf „++++“ hat fast jeder Track Schwierigkeiten, jenseits des Albumkonzepts auf eigenen Füßen zu stehen. Das spricht zweifellos für ein emergentes Werk, das es aber schwer hat, im Gedächtnis zu bleiben.

Anspieltipps:

  • If I'm Honest I Miss You A Little Bit
  • Carry Her / Wave

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