Ryley Walker - Golden Sings That Have Been Sung - Cover
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Ryley Walker Golden Sings That Have Been Sung


  • Label: Dead Oceans/CARGO
  • Laufzeit: 41 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Der kreative Höhenflug von Ryley Walker hält an. Unbeirrt feilt er an seinem verzückten Folk-Jazz, der immer homogener wird.

Ryley Walker scheint in einer Zeitschleife festzusitzen, denn seine Musik stützt sich hauptsächlich auf Bestandteile, die von Vorbildern aus den 1960er- bis 1970er-Jahren stammen. Auch auf seinem vierten Album innerhalb von zwei Jahren lassen sich Lehrmeister wie Tim Buckley, Bert Jansch & Pentangle, David Crosby und John Martyn entdecken. Die Kompositionen haben aber trotzdem solch eine individuelle Klasse, dass diese Erinnerungen nur als Stützpfeiler eines besonderen kreativen Ausdrucks geltend gemacht werden können. Ryley bedient sich zur Umsetzung seiner Visionen versierter Chicagoer Jazzmusiker, die ihn auch auf der Bühne begleiten. Diese scheinen sich als Vorbereitung zu den Aufnahmen Van Morrisons subtiles Meisterwerk „Astral Weeks“ intravenös verabreicht zu haben, um eine Möglichkeit der Kombination von Folk, Jazz und Blues zu studieren.

Das Intro zu „Halfwit In Me“ lässt zunächst vermuten, dass es eine Jazz-Improvisation zu hören gibt. Dann mutiert der Track jedoch zu einer rhythmisch aktiven und großzügig ausgebreiteten Folk-Jazz-Erzählung. Knisternde Spannung und exotisch anmutende Beweglichkeit prägen gleichzeitig die Stimmung von „A Choir Apart“. Der Track verbreitet eine ähnlich leidenschaftliche Folk-Jazz-Blues-Vielfalt, wie sie von Ben Watt auf „Fever Dream“ (04/2016) konzipiert wurde. Auch bei „I Will Ask You Twice“ zeigt sich eine Verwandtschaft der Sichtweisen zwischen Ben Watt und Mr. Walker. Der kurze Folk-Tune bekommt durch dezent eingesetzte, silbrig-flirrende E-Gitarren-Einschübe eine psychedelische Färbung.

Die vertrackte, verschachtelte und verlangsamte Vortragsweise eines David Crosby oder David Sylvian inklusive einer rauschhaften Anordnung und Abfolge der Instrumente, dient bei „Funny Thing She Said“ als Ausgangspunkt der Kompositionsidee. Der drogengeschwängerte Sound, der Tim Buckleys „Lorca“ (1970) zu einem bewusstseinserweiternden Trip ohne Nebenwirkungen werden lässt, hat bei „Sullen Mind“ genauso seine Spuren hinterlassen wie der Progressive-Folk von „Stormcock“ des britischen Querdenkers Roy Harper. Gitarre und E-Piano werden filigran bedient, bringen aber auch übersteuerte Signale ein, die wie Hilfeschreie klingen. Das Schlagzeug bewegt sich dazu im freien Ausdruckstanz.

„The Roundabout“ ist ein selbstbewusst auftrumpfender, intelligent aufgebauter Folk-Rock, dessen Melodie sich spätestens nach zwei Hördurchgängen tief ins Bewusstsein gräbt. „The Great And Undecided“ hat es nicht eilig. Ähnlich wie ein Sonnenuntergang an einem ruhigen Gewässer löst das Lied aufmerksame Gelassenheit aus. Lautmalerisch und schwerfällig beginnt „Age Old Tale“. Harfen-Wellen, die Erinnerungen an den weltmusikalisch geprägten Jazz von Alice Coltrane hervorrufen, sind die Vorboten dafür, dass sich das Stück langsam seinen Weg aus dem Nebel ins Licht bahnt. Im Grunde genommen legt der Song seine Schläfrigkeit aber über die gesamte Laufzeit von über acht Minuten nicht ab.

Ryley Walker hat für „Golden Sings That Have Been Sung“ das integrative Ensemble-Spiel verstärkt. Das Vibraphon, das beim Vorgänger „Primrose Green“ noch für weitere Tim Buckley-Vergleiche gesorgt hatte, wurde vollständig aus dem Instrumenten-Fundus gestrichen. Dafür gibt es neben den standardmäßigen Instrumenten wie Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug noch barocke Harfen- und Streichertöne sowie Tupfer von Piano und Klarinette zu hören. Walker hat bisher allen Versuchungen widerstanden, moderne, trendige Klangformen in seine Kompositionen einzubinden. Aber auch das braucht auf Dauer kein Tabu zu sein, denn er saugt ständig neue, stimmige Klänge auf, die seine Vorstellungen bereichern können. So haben ihn aktuell Chicagoer Post-Punk-Bands wie The Sea And Cake, Gastr Del Sol oder Shrimp Boat sowie die Songwriter Mark Eitzel (American Music Club) und Mark Kozelek (Red House Painters, Sun Kil Moon) bei der Soundgestaltung beeinflusst. Ryley ist ein Suchender und ein Schöngeist, der nach einer berauschenden Wirkung des Klanges strebt, ohne sich dabei an Konventionen zu halten.

Anspieltipps:

  • The Roundabout
  • I Will Ask You Twice
  • Funny Thing She Said
  • Sullen Mind
  • The Great And Undecided

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